Kristine Alex aus Gstadt findet Lösungen in jeder Krise

Einsatz im Katastrophenmanagement: Kristine Alex in den 1980ern in Ruanda, wo sie für das Internationale Rote Kreuz unter anderem Getreideeinkäufe überwachte.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Krisensituationen sind nichts Neues für Kristine Alex. Zehn Jahre hat die Gstadterin im internationalen Projekt- und Krisenmanagement in Europa und Afrika, gearbeitet. Jetzt ist sie aktiv als Expertin für systemische Aufstellungen – ihr zweiter Berufsweg und eine Berufung für sie.

Gstadt – Die weltweite Corona-Pandemie fordert auch auf lokaler Ebene so manches persönliche Schicksal heraus, bedeutet für viele Menschen privat und berufliche eine ernste Krise. So warnt das Leibnitz-Institut für Resilienzforschung in Mainz, schon die Quarantäne könne zu Stress führen, die Stimmung stark niederdrücken und ein Gefühl der Einsamkeit verursachen. Psychologen fürchten, dass die aktuelle Notlage nicht nur eine medizinische und ökonomische ist, sondern auch eine psychologische wird, berichtet die Krankenkasse Barmer.

In Krisen mehr über sich selbst lernen

Doch es gibt Hilfe: Die Telefonseelsorge ist ein Beispiel dafür. Auch die Pfarrer der Kirchen vor Ort stehen für Ratsuchende bereit. Oder Menschen wie Kristine Alex, die mit systemischer Aufstellungsarbeit Menschen in Krisensituationen unterstützt.

Krisen- und konflikterprobt ist die Gstadterin. Zehn Jahre hat sie im internationalen Projekt- und Krisenmanagement in Europa und Afrika, gearbeitet. Spezialisiert auf Welternährungswirtschaft, überwachte sie als Krisenmanagerin für das Internationale Rote Kreuz zum Beispiel Getreideeinkäufen in Uganda, war für das Management von Flüchtlingslagern im Kongo und in Tansania verantwortlich und ließ sich von der Weltgesundheitsorganisation WHO in Krisenintervention ausbilden. Heute arbeitet Kristine Alex als Expertin für systemische Aufstellungen.

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Kristine Alexzuhause in Gstadt, wo sie ihr Seminarhaus betreibt. Die Krisensituationen, die sie in der Entwicklungsarbeit erlebte, haben ihr Selbstvertrauen gestärkt, wie sie sagt. Mit systemischen Aufstellungen hilft sie heute Menschen in Konfliktsituationen, auch im Zusammenhang mit der Corona-Krise. Alex

„Krisensituationen sind eine Chance, mehr über sich und seine Mitmenschen zu lernen“, hat Alex schon früh festgestellt. Dem schließt sich die evangelische Pfarrerin Dr. Sabrina Hoppe aus Prien an: „Manche Menschen spüren zur Zeit vielleicht besonders, was sie brauchen im Leben, und was sie belastet. Für sie könnte die Krise zu einem Anstoß werden, sich stärker auf die eigenen Bedürfnisse zu besinnen.“

Sie weist aber auch auf die große Verunsicherung hin, welche die Corona-Pandemie für viele Menschen mit sich bringt: „Weder Wissenschaftler noch Politiker können uns Antworten geben, sondern werfen im Gegenteil immer neue Fragen auf. Das macht uns innerlich zerbrechlich: Wir werden dünnhäutiger, einige emotionaler, andere noch verschlossener.“

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Wie unterschiedlich Menschen auf Krisensituationen reagieren, ist Kristine Alex bewusst. Ihre Erfahrungen helfen ihr bei ihrer Arbeit mit Privatpersonen, Firmen und Selbstständigen, gerade jetzt. Vereinfacht dargestellt, erarbeitet der Klient bei einer systemischen Aufstellung eine ganzheitliche Lösung für seinen persönlichen Konflikt – ein reales oder psychisches Problem oder auch eine Krankheit. Etwa, indem eine Gruppe Freiwilliger Persönlichkeitsanteile, Kollegen aus der Firma oder Familienmitglieder repräsentieren.

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Diese Gruppe stellt sich intuitiv in einem Raum so auf, dass sie die Beziehungsstrukturen des Klienten nachempfinden. So, oder auch in Einzelarbeit, kann der Klient wie von einem Berggipfel herabblickend, Klarheit über seinen Konflikt erlangen. „Als würde er auf die Kampenwand steigen und von oben auf die Situation schauen“, beschreibt es Alex. Im Moment kann sie nicht „live“ mit Gruppen arbeiten. Sie hat daher eine Methode gefunden, Aufstellungen auch via Telefon und online stattfinden zu lassen.

Besorgte Anrufe schon früh in der Krise

Erste besorgte Anrufe habe sie schon früh erhalten, als die ersten einschränkenden Maßnahmen umgesetzt werden mussten. Menschen sorgten sich um das Wohlergehen psychisch erkrankter Familienmitglieder, Eltern um den familiären Frieden zuhause. Klienten aus der Pflegebranche fühlten sich belastet durch neu aufgeteilte Schichtarbeit.

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Manche äußerten Angst vor einer Infektion, andere wiederum sorgten sich um ihre Firma oder ihre Zukunft als Selbstständige. Wie Alex – die als eine der ersten auf dem Gebiet Mitte der 1990er-Jahre Aufstellungsarbeit in Unternehmen anbot und ein Buch dazu geschrieben hat („Die Ordnungen des Erfolgs“) – versteht auch Pfarrerin Hoppe, dass vor allem Selbstständige sich durch Corona besonders bedroht fühlen: „Wenn es an die berufliche und finanzielle Existenz geht, ist da einfach nur Angst und Ratlosigkeit.“

Gefühl für die eigene Handlungsmacht

Aber ob Unternehmer, Angestellte, Eltern oder Alleinstehende: Laut Alex werden alle jetzt mit existenziellen Gedanken konfrontiert, weil durch Umstände wie Ausgangsbeschränkungen, Schulschließungen, Kurzarbeit, Warten auf Soforthilfe und Homeoffice „viele auf sich selbst zurückgeworfen werden“. Dazu komme oft das Gefühl, als Einzelner nichts ausrichten zu können. „Doch“, bekräftigt Alex, „denn jeder ist Teil des Ganzen. Nur kommt uns dieses Gefühl in dieser Situation oft abhanden.“ In der Aufstellung könne das persönliche Handlungsfeld ersichtlich werden, „und man weiß am Ende des Wandlungsprozesses, was man der Welt zu geben hat.“

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