„Die Krise trifft uns mit voller Breitseite“ - Gärtnereien im Chiemgau bleiben auf Frühjahrsware sitzen

Philipp Rother und seine Frau Iris in Ihrer Gärtnerei sind verärgert: „Jeder Bäcker darf Tulpen verkaufen und wir müssen unsere Ware entsorgen. Das können und wollen wir Gärtner nicht verstehen.“ re

Die Corona-Krise trifft viele Branchen im Chiemgau. Manche Geschäftszweige können den Umsatzausfall vielleicht für ein paar Wochen kompensieren, andere sind durch die Krise und das notwendige Krisenmanagement der Politik schon jetzt in ihrer Existenz bedroht.

Übersee/Unterwössen/Prien –  Allen voran die Gärtnereien, denn ihr Geschäft ist ein Saisongeschäft, jetzt im Frühjahr machen sie normalerweise die Hälfte des Umsatzes eines ganzen Jahres. „Die Lage ist wirklich sehr düster, die Krise trifft uns mit voller Breitseite“, sagt Philipp Rother, Betreiber der Priener Gärtnerei Rothers Blumen-Paradies – und das übrigens schon in vierter Generation.

Bestell- und Lieferservice sollen helfen

„Der Gartenbau geht ein bisschen unter“, sagt auch Wilfried Bühler von der Gärtnerei Bühler in Übersee. „Das Einzige, was wir zurzeit noch machen können, ist liefern“, sagt Bühler. „Aber an Bestellungen kommt nichts rein.“ Die Pflanzen fürs Frühjahr habe er schon wegschmeißen müssen, das sei ja verderbliche Ware. Spätestens ab Ende April müsse er die Pflanzen für den Sommer verkaufen. „Wenn das Geschäft auch noch wegfällt, dann wird das richtig dramatisch“, sagt Bühler. „Viel Arbeit haben wir trotzdem“, sagt Bühler. Die Ware sei ja schon da und müsse gepflegt werden, sonst würde sie verderben.

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Rother bietet zwar einen Bestell- und Lieferservice an. Auch eine Facebook-Aktion hat er gestartet, bei der für eine bunte Frühlingskiste wirbt. „Aber es ist uns schon rein logistisch nicht möglich, diesen Umsatzausfall zu kompensieren“, erklärt er. Bis Ende April müssten eigentlich 50 Prozent des Jahresumsatzes eingefahren sein.

Rother hat seine Mitarbeiter in Teams aufgeteilt und die haben untereinander keinen Kontakt, damit nicht die gesamte Mannschaft ausfällt, falls einer das Virus hat. Ein Team ist für die Sommerblumen vorgesehen, „in der Hoffnung, dass wir die dann auch verkaufen können.“ Und weiter: „Ich arbeite im Mai 80 Stunden an sieben Tagen in der Woche“, sagt Rother. „April und Mai sichern uns normalerweise die Existenz für den Rest des Jahres. Staatliche Hilfe hat er noch nicht beantragt, noch verfüge das Geschäft über Liquidität. Die 15 000 Euro vom Staat seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein. „Die Politik versteht nicht, wie es bei uns aussieht“, erklärt Rother.

Auch die Gärtnerei Glanz mit Ladengeschäften in Unterwössen und Grassau bietet einen Lieferservice an, der jetzt langsam anläuft und ein bisschen Umsatz bringt: „Wir sind froh, wenn ein bissl was dahinplätschert“, sagt Inhaber Franz Glanz. Ein echter Ausgleich zum stationären Geschäft ist der Lieferdienst allerdings nicht, „das kriegen wir logistisch nicht hin.“ Glanz hat für seine Mitarbeiter noch keine Kurzarbeit angemeldet, sie seien schließlich mitten in der Vorbereitung für die Hauptsaison, „da macht das wenig Sinn“, erklärt Glanz.

Auch in seiner Gärtnerei ist es nicht ausgeblieben, dass verdorbene Ware entsorgt werden musste, vor allem Schnittblumen, aber auch Topfpflanzen. Glanz setzt jetzt wie seine Kollegen auf die Hauptsaison, die nach Ostern beginnt: In den Wochen nach Ostern entscheide sich alles: „Da braucht man Nerven wie Drahtseile“, sagt Glanz. Wenn die Hauptsaison ausfallen sollte, dann könnte „ein existenzbedrohender Schaden“ entstehen. Jüngst gab es ein Treffen mit dem Bürgermeister von Unterwössen und anderen Gewerbetreibenden. Dort gab es die Überlegung, kurzfristig eine Internetseite aufzusetzen, die alle Läden im Achental und ihre Services auflistet. Ein weiterer Lichtblick: Demnächst beliefert er drei Edeka-Supermärkte mit Pflanzen.

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Mit Verwunderung haben die bayerischen Gärtner zur Kenntnis genommen, dass die Vertrauenskassen, die Betriebe im Laufe vor ihren Geschäften installiert haben, nun nicht mehr auf der sogenannten Positivliste auftauchen. Sie sind ab sofort untersagt. „Wir Gärtner haben damit einen Weg gefunden, unsere Frühlingsware sowie Gemüsepflanzen und Kräuter kontaktlos, an den Mann oder die Frau zu bringen, um doch noch irgendwie mit einem blauen Auge aus dieser Situation zu kommen“, schreibt Peter Fenis, Obermeister der Gartenbaugruppe Traunstein in einem offenen Brief an Landrat Siegfried Walch und Landtagsabgeordneten Klaus Steiner. Die Begründung, dass damit Massenaufläufe vor den Gärtnereien verhindert sollen, überzeugt ihn nicht. Der Lebensmitteleinzelhandel dürfe schließlich Blumenregale aufstellen.

Treffen mit Bürgermeister und Gewerbetreibenden

Grundsätzlich, so beteuert Glanz, habe er Verständnis für die Corona-Maßnahmen. Für die Gärtnereien wünsche er sich aber die eine oder andere befristete Ausnahmeregelung. „Jetzt, wo alles so grau ist, da braucht man doch die Blumen.“ Es sei doch schließlich wie eine Therapie, wenn die Leute garteln dürften.

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