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Ein König gegen den Wald

König Ludwig II. war auf der Herreninsel kein Naturschützer

Ein Reiterbildnis zeigt König Ludwig II. auf einem Schimmel im Wald, Gemälde von Feodor Dietz, 1864.
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Ein Reiterbildnis zeigt König Ludwig II. auf einem Schimmel im Wald, Gemälde von Feodor Dietz, 1864.
  • Elisabeth Sennhenn
    VonElisabeth Sennhenn
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Die Chiemseegemeinden wehrten sich Mitte des 19. Jahrhunderts gegen einen geplanten Wald-Kahlschlag auf der Herreninsel. Als König Ludwig II. das Eiland kaufte, galt er als Retter des Baumbestandes. Niemand ahnte von seinen Plänen für das Schloss.

Herreninsel – Ein grünes Dickicht aus massiven Eichen und Buchen, durchsetzt von dunkelgrünen Eiben und meterhohen Eschen, wilder Wald: Als König Ludwig II. von Bayern um 1873 erstmals seinen fein beschuhten Fuß auf die Herreninsel setzt, empfängt ihn ein märchenhafter Wald, von den Mönchen, die hier seit dem 7. Jahrhundert lebten, praktisch unberührt.

Herrenchiemsee mit dem Neuen Schloss: Rund ein Drittel der gesamten Waldfläche ließ König Ludwig ab 1874 für den Schlossbau abholzen; nur sein Tod 1886 und der damit verbundene Baustopp weiterer Anlagen verhinderten, dass noch mehr Bäume gerodet wurden.

Für 350 000 Gulden, wissen historische Quellen, erwirbt der Bayernkönig die Insel von einem Konsortium württembergischer Holzhändler. Diese hätten auf dem Eiland gern Kahlschlag gemacht. Der Rohstoff Holz ist begehrt. Bayerns Wälder sind Mitte des 19. Jahrhunderts übernutzt und ausgelichtet; es droht Holzknappheit.

Der König als vermeintlicher Retter

Aber die Chiemseegemeinden wehren sich gegen die Vorstellung, dafür „ihre“ Insel zu opfern. Mit einer Petition haben sie sich an ihren König gewandt. Durch den Insel-Kauf gilt er als Retter des Baumbestands.

„Es konnte ja keiner wissen, was ab da wirklich auf der Insel passiert“, erzählt heute Manfred Stephan von der Gärtenabteilung der Bayerischen Schlösser- und Seenverwaltung in München, Autor mehrerer Bücher zur damaligen königlichen Bau- und Gartenkultur. „Ludwig II hatte nicht den Naturschutz im Sinn, sondern ein Schloss im Stil von Versailles. Dafür suchte er schon lange nach einem geeigneten Platz.“

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Zwar lässt sich der Herrscher gern auf Bildnissen verewigen, die ihn als stolzen Reiter in freier Wildbahn zeigen, berühmt ist auch ein Gemälde, das ihn im nächtlichen Winterwald in einer Kutsche zeigt. Oder sein „Baumhaus“ bei Schloss Linderhof, in das er sich gerne zum Briefeschreiben zurückzog. „Hin und wieder soll er auch einen Baum umarmt haben, zum Beispiel auf einer seiner Lieblings-Wanderstrecken“, weiß Konstantin Buchner, Vorstand der Schloss- und Gartenverwaltung Herrenchiemsee, wobei es laut Stephan eher „alte, solitäre Exemplare“ gewesen sein sollen, denen er etwas abgewinnen konnte. Aber Ludwig II als Baumretter und Naturschützer zu stilisieren, das geht Buchner und Stephan zu weit. Im Gegenteil: „Zunächst standen ab 1874 ausgiebige Abholzungen auf dem Plan“, erzählt Stephan. „Sein neues Schloss sollte mitten im Wald stehen, umgeben von schützenden Bäumen. Dazu musste aber erst eine gewaltige Fläche gerodet werden.“

Arbeiter waren zum Schweigen verpflichtet

Er braucht die Bäume also doch, „als Sichtschutz“. Als Baumaterial für das Schloss, schätzt Stephan, sei das frisch geschlagene und daher noch feuchte Holz wahrscheinlich gar nicht verwendet worden, „es wurde sicher verkauft.“ Ironie der Geschichte. „Ludwig verwendete Bäume auch, um sich Kulissen zu schaffen“, ergänzt Buchner. Ein Jahr lang, vermutet sein Kollege Stephan, dauern die Rodungen der ersten zehn Hektar Land an, geschützt durch den Wald ringsum, sodass von außen niemand etwas mitbekam. „Die Arbeiter waren zum Schweigen verpflichtet, aber es wurde sicher viel gemunkelt.“

Tausende Bäume waren den königlichen Plänen im Weg

Auf der Insel indes müssen sie unter größter Anstrengung, mit über den See herbeigeschafften Arbeitspferden, das äußerst unebene Gelände planieren. Große Erdmassen müssen bewegt werden. Rollschienen zum Transport von Baumaterial werden quer über die Insel verlegt, Trassen müssen freigehalten werden. Dabei sind tausende Bäume im Weg. Bis in die Nacht hinein frisst eine imposante Dampfsäge Stamm um Stamm. Ludwig lässt sich immer wieder über den See zur Großbaustelle bringen, begutachtet kritischen Auges den Fortschritt, und träumt sich hinein in seine Vision von einer imposanten Schloss- und Gartenanlage nach Vorbild des französischen Sonnenkönigs.

Der Fokus liegt auf strukturierter Parkbepflanzung, Blumen und Wasserspielen – Bäume stören da eher das Bild. Allerdings überlässt er seinen Gartenplanern auch die eine oder andere Spielwiese: Schaut Konstantin Buchner heute aus seinem Büro, blickt er auf die erhabene Gruppe von 15 mächtigen Douglasien, die einst Ludwigs Gärtner „zum Ausprobieren, aber auch aus wirtschaftlichen Überlegungen“ pflanzen durften. So ein Schloss muss schließlich auch beheizt werden.

Der Tod machte dem Spuk ein Ende

„Auch die wuchtigen Buchen und Blutbuchen an den Steilhängen sind auf diese Zeit zurückzuführen“, meint Buchner. Der exotische Tulpenbaum am Alten Schloss dagegen habe den König wenig interessiert, diesen Teil der Insel hätte er gern im Dickicht verschwinden lassen. Am Ende rettete nur Einer den Jahrhunderte alten Baumbestand auf der Insel: Der Tod, der 1886 den Märchenkönig holte.

Heute herrscht wieder Wildwuchs auf der Insel. Totholz darf liegenbleiben, Einschnitt erfolgt nur, wenn der Käfer oder das Eschentriebsterben es verlangen und ansonsten nur, um die Hackschnitzelanlage im Schloss zu betreiben.

Der Wald befindet sich in verschiedenen Naturschutzstadien. Ludwigs wilde Wälder sind somit erst heute Realität. Und wer sich rund zwei Stunden Zeit nimmt, um die Insel zu wandern, kann sich ein Bild davon machen.

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