Klopapiermangel führt zu Verstopfung in der Kläranlage

Rimsting – Weil die Deutschen in den vergangenen Wochen wegen des Coronavirus Toilettenpapier gehamstert haben, ist es zu einer echten Mangelware geworden.

In vielen Supermärkten gab und gibt es tagelang keines zu kaufen. Da sich das große Geschäft aber selten aufschieben lässt, behelfen sich die Menschen mit Ersatzprodukten wie feuchten Toilettentüchern oder Küchenkrepp. Was aber viele nicht wissen: Beide Produkte sind – anders als Toilettenpapier – von den Herstellern auf extreme Reißfestigkeit getrimmt. Das stinkt Abwasserexperten in ganz Deutschland und bereitet ihnen große Sorgen.

„Diese Materialien gehören nicht ins Klo. Sie lösen sich nur sehr schwer auf und verstopfen deshalb Rohre und vor allem unsere Pumpen“, sagt Christian Freund, Abwassermeister und Betriebsleiter des Abwasser- und Umweltverbands Chiemsee in Rimsting. Wenn sich Küchen papier oder feuchte Reinigungstücher einmal in einer Pumpe festgefressen haben, dann ist sie nur mit großer Mühe wieder gangbar zu machen. Das könnte vereinzelt sogar zum Ausfall des gesamten Abwassersystems führen.

Umweltbundesamt warnt vorfalscher Nutzung

Bei der Kläranlage sieht Freund, deren technischer Leiter er auch ist, eher nicht das ganz große Problem. Auch wenn andere Abwasserexperten warnen, dass der Klopapierersatz auch hier zum Problem werden könnte. Feucht- oder Küchentücher könnten nämlich den Sauerstoffaustausch im Reinigungsprozess stören, sodass die Anlagen das Abwasser nicht mehr zufriedenstellend reinigen können.

Auch das Umweltbundesamt warnt eindringlich davor, Küchenrollen oder Feuchttücher einfach ins Klo zu werfen: „Verstopfungen oder lahmgelegte Pumpwerke führen zu Schäden in Millionenhöhe an unseren Abwassersystemen“, heißt es im jüngsten Newsletter des Amtes. Herkömmliches Toilettenpapier sei darauf ausgelegt, im Wasser schnell zu zerfasern.

Küchenrollen und Taschentücher seien dagegen im nassen Zustand deutlich fester und würden teilweise sogar einen Waschgang in der Waschmaschine überstehen. Wenn diese nassfesten Tücher den Weg bis zur Kläranlage geschafft haben, „müssen sie dort mit Rechen oder Sieben aufwendig aus dem Abwasser entfernt, gesammelt und in der Regel anschließend verbrannt werden“, schreibt das Umweltamt weiter.

Auch das verursache schließlich vermeidbare Kosten. Bei der Herstellung von Küchenrollen und Taschentüchern würden außerdem sogenannte Nassfestmittel auf Basis von Polyamid-Epichlorhydrinharzen verwendet. Diese seien biologisch schwer abbaubar, schon deshalb gehörten sie nicht ins Abwassersystem.

Zugespitzt schreibt das Umweltamt: Solche Tücher gehören nicht ins Abwasser. „Es ist mit dem Wasserhaushaltsgesetz (WHG) und dem Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) sogar grundsätzlich verboten, Abfälle über das Abwasser, also zum Beispiel über die Toilette oder den Ausguss, zu entsorgen.“ Auch Küchenabfälle undEssenreste gehörten nicht ins Abwasser, das locke nur die Ratten an. Genauso wenig sollten Öle und Fette nicht über die Toilette entsorgt werden, die Reinigung der Abwasseranlagen sei sehr aufwendig und teuer.

Aber nicht nur Reinigung und Reparatur von verstopften Rohren und lahmgelegten Pumpen kosteten die Wasserversorger Millionen, schreibt das Amt weiter. „Nicht zuletzt kostet auch das Herausfiltern von flüssigen Schadstoffen wie Medikamenten, Farben oderChemikalien – soweit überhaupt möglich – viel Geld.“ Das zahlen letztlich wir alle über die Abwassergebühren. Außerdem gebe es für diese Abfallstoffe doch gute Verwertungs- und Entsorgungswege.

Medikamente oder Drogen gehören also ebenfalls nicht in die Toilette. Alte Medikamente könnten über den Hausmüll entsorgt werden. Das Umweltbundesamt empfiehlt jedoch, unverbrauchte Arzneimittel über Apotheken und Schadstoffsammelstellen zu entsorgen, um sicherzustellen, dass die Medikamente verbrannt und somit vollständig zerstört werden. Nicht zuletzt, um zu verhindern, dass sie versehentlich von Kinder geschluckt werden.

Aber zum guten Schluss noch einmal zurück zum Gang auf die Toilette. Hates eigentlich irgendwelche Auswirkungen, wenn jetzt so viele Menschen im Homeoffice arbeiten und immer dort auf die Toilette gehen? Nein, eher nicht, das gleiche sich doch aus, sagt der Chiemseer Abwassermeister Christian Freund. „Am Arbeitsplatz sind die Leute ja schließlich auch aufs Klo gegangen.“ Da hat er wohl auch wieder recht. Martin Tofern

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