Kaum Touren am Chiemsee – Naturführer Peter Nentwig brechen durch Corona Aufträge weg

Naturführer Peter Nentwig in Aktion bei einer seiner Deltafahrten auf dem Chiemsee. Privat
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Naturführer Peter Nentwig in Aktion bei einer seiner Deltafahrten auf dem Chiemsee. Privat

Übersee – Sein Arbeitsplatz ist oft ein kleines Dampfboot in der Nähe des Achendeltas. Peter Nentwig (59) arbeitet als hauptberuflicher Naturführer am Chiemsee. Wie sich die Corona-Krise bei ihm auswirkt, darüber hat die Chiemgau-Zeitung mit ihm gesprochen.

Herr Nentwig, was bieten Sie genau an?

Peter Nentwig: Ich bin freiberuflicher Naturführer am Chiemsee. Ein Großteil davon sind Angebote für Kinder und Jugendliche, die etwas mit Wasser zu tun haben. Dazu gehören Fahrten mit dem Kanu oder dem Ruderboot, aber auch die Untersuchung von Fließwasser an Bächen. Ich biete aber auch Touren für Erwachsene an, etwa die Waldwanderungen und Schatzsuchen auf Herrenchiemsee.

Wie sind Sie darauf gekommen, Naturführer zu werden?

Nentwig: Das war Zufall. Ich bin gelernter Elektroniker und habe lange Zeit bei einem Konzern gearbeitet. Aber ich habe mich schon von klein auf für Aquarien und Insekten interessiert. Meine Mutter war nicht gerade begeistert, wenn ich wieder etwas angeschleppt habe (lacht). Irgendwann bin ich in Übersee gelandet und habe dort das große Gemeindeaquarium an der Seewirtschaft betreut. Dort treffen sich die Naturführer und so sind wir ins Gespräch gekommen. Ich bin öfters bei den Fahrten in Richtung Achendelta mit und eines Tages ist jemand ausgefallen. Damals habe ich übernommen, mit Schweißperlen auf der Stirn. So bin ich dazu gekommen. Natürlich habe ich auch Schulungen gemacht und mich entsprechend weitergebildet. Ich bin auch für wertvolle umweltpädagogische Konzepte vom bayerischen Umweltministerium zertifiziert.

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Ist das Ihr Hauptberuf?

Nentwig: Tatsächlich war es so, dass ich noch eine Halbtagesstelle hatte. Nur hatte ich die zum 30. April gekündigt, weil ich für diesen Sommer bereits sehr gut gebucht war. Das wären heuer sogar deutlich mehr Führungen und Touren gewesen, als im letzten Jahr.

Wann ist Ihnen bewusst geworden, dass Corona Ihr Geschäft bedroht?

Nentwig: Zuerst habe ich das gar nicht so dramatisch gesehen, aber als die Regierung die Schulexkursionen abgesagt hat, war mir klar, dass das existenzbedrohend ist. Ich lebe von Schulklassen. Und das ist auch nach wie vor so. Noch ist ja völlig offen, wann die Schulen wieder Ausflüge machen können.

Wie halten Sie sich derzeit über Wasser?

Nentwig: Mein Hund wird immer dicker, mein Sparschwein immer dünner. Normalerweise könnte ich heuer nur von den Naturführungen leben, aber ich habe mir jetzt noch eine Aufgabe gesucht, bei der ich Gärten betreue. Ein paar wenige Aufträge, zum Beispiel im Rahmen des Ferienprogramms habe ich auch. Dazu habe ich extra 15 Tische gekauft, damit jedes Kind nach Auflagen einzeln sitzen kann. Aber es ist mühsam. Ich hab sogar Flyer an über 600 Vermieter geschickt, allerdings sind da nur 30 Buchungen herausgekommen.

Haben Sie staatliche Hilfen beantragt?

Nentwig: Die Soforthilfe wäre für mich nur infrage gekommen, wenn ich Betriebsausgaben hätte. Das ist aber bei mir nicht der Fall. Arbeitslosengeld 1 bekomme ich nur, wenn ich dem Arbeitsmarkt zu 100 Prozent zur Verfügung stehe. Ich möchte aber noch Führungen machen, schließlich ist das auch langfristig mein Beruf. Dann hatte ich überlegt, Hartz IV zu beantragen. Das war allerdings eine Flut von Anträgen und Nachweisen, davon habe ich die Finger gelassen.

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Haben Sie Existenzängste?

Nentwig: Wenn ich ehrlich bin: nein. Ich lebe zwar derzeit von Erspartem und musste auch eine Reise nach Schottland im Herbst absagen. Ich bin aber zufrieden und zuversichtlich. Ab November werde ich dann eben eine Festanstellung annehmen. Mein Geschäft läuft auch ohne Corona nur im Sommer. Dennoch, wenn das Auto plötzlich kaputt gehen sollte, das wäre schon ein Problem.

Was ist so schön daran, Naturführer zu sein?

Nentwig: Zum einen liegt mir das Thema Nachhaltigkeit sehr am Herzen. Das vermittle ich auch gerne, da gibt es viele Aspekte, die man im Alltag nicht wahrnimmt. Und ich freue mich einfach, wenn ich hinterher strahlende Gesichter sehe. Der Applaus tut gut. Manchmal bekomme ich auch Mails von Lehrern, dass die Kinder auf der Rückfahrt von gar nichts anderem mehr gesprochen haben.

Interview: Heidi Geyer

So werden Selbstständige unterstützt

Soloselbstständige und Freiberufler können bei der Bundesregierung einen Antrag auf Überbrückungshilfe stellen. Diese Hilfe bezieht sich auf Fixkosten, die bis zu 40 Prozent bezuschusst werden. Die Schwierigkeit: Viele Selbstständige haben kaum Betriebsausgaben. Ein Sporttrainer, ein Grafikdesigner oder eine freiberufliche Journalistin haben meist keine großen Fixkosten, können daher kein Überbrückungsgeld beantragen. Ihr Problem ist oft anders gelagert, da ihnen schlicht die Einnahmen für ihren Lebensunterhalt fehlen. Die Maßnahmen der Bundesregierung, etwa leicht zugängliche Kredite oder Bürgschaften, nutzen ihnen daher wenig. Vielen Soloselbständigen bleibt als letzte Möglichkeit, Hartz-IV zu beantragen oder sich um eine Festanstellung zu bemühen. Eine Umfrage des Bundesverbands der Freien Berufe (BFB) zeigt, dass es bei nahezu jedem dritten Freiberufler um die Existenz geht.

Für die Schatzsuchen auf Herrenchiemsee schlüpft Peter Nentwig ins Piratenkostüm.

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