Inzell im Rennen um das schnellste Sommereis

Eismeister Toni Doppler (links) mit Stadionchef Hubert Kreutz vor dem Fahrzeug für die Eisbereitung. Im Hintergrund ist der Schneebunker für die Aufbereitung der abgehobelten Eisreste zu sehen.
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Eismeister Toni Doppler (links) mit Stadionchef Hubert Kreutz vor dem Fahrzeug für die Eisbereitung. Im Hintergrund ist der Schneebunker für die Aufbereitung der abgehobelten Eisreste zu sehen.

Mitten im Hochsommer ist in Inzell ein Ort sehr gefragt, an dem es eiskalt wird. Wenn in der Max Aicher Arena im Juli vier Wochen lang bis 2. August die Eiszeit zurückkehrt, stehen Top-Eisschnellläufer aus Deutschland und ganz Europa Schlange für Trainingsrunden.

Von Axel Effner

Inzell – Für Stadionchef Hubert Kreutz und die fünf Eismeister heißt es, beim Sommereis das Top-Prädikat gegen die Konkurrenz zu verteidigen.

Immerhin ist der Olympiastützpunkt seit der Halleneröffnung 2011 bekannt dafür, weltweit das schnellste Eis zu haben – hinter den Olympiastätten im kanadischen Calgary und Salt Like City in den USA. Die liegen allerdings einige hundert Meter höher und profitieren von der geringeren Luftfeuchtigkeit. Auf Platz vier hinter Inzell folgt das 1986 überdachte Eisstadion im holländischen Heerenveen. Die Halle stand lange Zeit für das schnellste Eis der Welt, was sich in zahlreichen Weltrekorden widerspiegelt.

600 Spitzensportler bereiten sich hier vor

Bei einem Besuch vor Ort in Inzell herrscht Hochbetrieb. Vor der Halle sprinten gerade die jungen Athleten der holländischen Nationalmannschaft im Eisschnelllauf. Drinnen flitzen Rekordjäger aus Italien und anderen Teams auf ihren Kufen über das Eis. Im Zeichen von Corona sind die Zeitfenster für das Mannschafts- und Einzeltraining eng getaktet. Rund 600 Spitzensportler aus dem In- und Ausland bereiten sich hier intensiv auf den Saisonstart im Winter vor.

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Bereits seit 18 Jahren ist Toni Doppler in Inzell dafür verantwortlich, dass das Eis seine Magie voll entfalten kann. Der technische Betriebsleiter und Eismeister musste bis zum Bau der überdachten Halle auf der Eislaufbahn im Freien alle Register ziehen, um trotz Regen, Wind, Schneefall und ungünstigen Temperaturen mit viel Know-how perfektes Eis zu zaubern. Perfekt meinte auch hier: schnell. „Da hieß es auch mal, um 6 Uhr antreten zum Schneeschaufeln.“

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In der Max Aicher Arena liegen die Prioritäten anders. „Heute ist alles viel technischer geworden. Das Geheimnis liegt darin, alle Parameter perfekt auszubalancieren.“ Das ist leichter gesagt als getan. Für das rund drei Zentimeter dicke Eis müssen mit der Eismaschine 100 Kubikmeter entmineralisiertes Wasser Schicht für Schicht auf die zwölf Meter breite 400-Meter-Bahn aus Beton aufgebracht werden. Das entspricht etwa 1000 Badewannen voll für eine Fläche von 4800 Quadratmetern. Ein dichtes Rohrsystem mit zirkulierendem Kältemittel (Ammoniak) im Betonboden, das minus zwölf Grad hat, sorgt für die passende Schichtbildung auf der etwa minus fünf Grad kalten Eisoberfläche. Alle 90 Minuten wird während des Trainingsbetriebs mit der Eismaschine die oberste Schicht millimeterfein abgehobelt und neu aufgespritzt.

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Durch die passenden Filtersysteme in unserer Lüftungsanlage, die etwa denen im Klinikbereich entsprechen, sind wir auch für Corona gut gerüstet“, ergänzt Stadionsprecher Hubert Kreutz. „Innerhalb von drei Stunden ist die gesamte Luft in der Halle komplett umgewälzt, das entspricht fast schon dem Standard im Freien.“ Bleibt noch die Frage nach dem Energiebedarf. Der Verbrauch von 100 000 Kilowattstunden Energie zur Eisbereitung erscheint Kritikern unverhältnismäßig hoch. Kreutz hält dagegen, dass durch Wärmerückgewinnung und Energiesparmaßnahmen bereits viel erreicht werde.

Neun Bahnrekorde im vergangenen Jahr

Mit Hilfe eines Blockheizkraftwerks mit Gasturbine und ergänzender Pelletheizung sei der Olympiastützpunkt – einer von deutschlandweit dreien – weitgehend unabhängig. „Wer Spitzenleistung im Sport will, muss dafür auch investieren“, sagt Kreutz. Durch die stabile Eisqualität genieße Inzell international einen sehr guten Ruf. Das komme auch dem Tourismus zugute. Immerhin wurden hier 2019 neun Bahnrekorde aufgestellt. 2015 sorgten sogar zwei Stunden-Weltrekorde von Niederländern für Schlagzeilen: Carien Kleinbeuker flitzte mit 40,57 Stundenkilometern über das Eis, Erik-Jan Kooiman erreichte 43,75. Eismeister Toni Doppler grinst verschmitzt: „Wir erreichen das Spitzeneis ganz ohne Chemie. Wie es genau geht, bleibt natürlich unser Geheimnis.“

Gutes Eis braucht sehr trockene Luft

Die für die Eisqualität entfeuchtete Luft wird durch ein Präzisionssystem aus Lüftungsrohrenin exakt kontrolliertem Winkel beziehungsweisekontrollierter Geschwindigkeit über die Eisoberfläche geblasen. 110 000 Kubikmeter Luft werden dabei pro Stunde umgewälzt. Rund 1,75 Kilometer Länge umfasst das System aus Lüftungsrohren. „Die enorme Abwärmemenge zur Eiserzeugung wird wiederum genutzt, um die Halle auf konstant zehn Grad aufzuheizen“, erläutert Eismeister Doppler. Um Temperatur und Klima möglichst stabil zu halten – und damit Energie zu sparen – schirmt ein 20 000 Quadratmeter großes Spezialgewebe den unteren Hallenbereich von der bis zu 27 Meter hohen Dachkonstruktion ab.

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