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MEHR ARBEITSLOSE, WENIGER AUSBILDUNGSPLÄTZE

Traunsteins Arbeitsagentur-Chefin Jutta Müller: „Ein seriöser Ausblick ist kaum möglich“

Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist im Bezirk der Agentur für Arbeit Traunstein spürbar.
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Ein Anstieg der Arbeitslosigkeit ist im Bezirk der Agentur für Arbeit Traunstein spürbar.

Jutta Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein, blickt auf ein turbulentes Corona-Jahr zurück. Bislang blieb der große Knall aus. Dennoch ist der Druck auf den Arbeitsmarkt spürbar: mehr Arbeitslose, weniger Ausbildungsplätze.

von Kilian Pfeiffer

Traunstein – „Wir hatten so eine Situation noch nie“, sagt sie. Müller ist für die Landkreise Berchtesgadener Land, Traunstein, Mühldorf und Altötting zuständig. Die OVB-Heimatzeitungen führten mit ihr ein Interview zum Arbeitsmarkt in Zeiten der Corona-Pandemie.

Welche Folgen hat der harte staatliche Eingriff bislang in den hiesigen Arbeitsmarkt?

Jutta Müller: Im Durchschnitt hatten wir im vergangenen Jahr 25,1 Prozent mehr arbeitslose Menschen in den vier Landkreisen als im Jahr davor. Das sind knapp 2.000 Menschen mehr. Wir betrachten die Langzeitarbeitslosigkeit mit einiger Sorge.

Hatten wir im Jahr 2019 durchschnittlich 1.812 Langzeitarbeitslose, waren es 2020 schon 2036. Insgesamt ist die Arbeitskräftenachfrage sehr verhalten und wir vermuten, es wird voraussichtlich auch erst einmal so bleiben.

Die durchschnittliche Arbeitslosenquote lag in den Jahren 2018 bei 3,0 Prozent, 2019 bei 2,9 Prozent. 2020 erfolgte der Anstieg auf 3,6 Prozent Jahresdurchschnitt.

Von außen betrachtet zeigt sich der Arbeitsmarkt im Südosten Bayerns widerstandsfähig. Worauf führen Sie das zurück?

Müller: Im Frühjahr des vergangenen Jahres waren alle Branchen vom Lockdown betroffen: Entweder durch die angeordnete Schließung des Betriebes oder durch die unterbrochenen Lieferketten, die die Produktion teilweise zum Erliegen brachten.

Während des neuerlichen Lockdowns seit Herbst war der Einbruch nicht so stark, weil die Lieferketten wieder stimmen. Dazu haben wir in unserem Agenturbezirk und in weiteren südbayerischen Landkreisen einen guten Branchenmix, der sich positiv auf den Arbeitsmarkt auswirkt.

Der Lebensmitteleinzelhandel, die Logistik, Pflege und IT-Dienstleistungen verbuchten einen hohen Zuwachs an Mitarbeitern. Einige Branchen, allen voran Hotellerie und Gastronomie, dazu die körpernahen Dienstleistungen trifft die Situation dagegen schwer.

Jutta Müller, Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Traunstein.

Hat der Lockdown Auswirkungen auf den Ausbildungsmarkt? Inwiefern?

Müller: Die Anzahl der Berufsausbildungsstellen ist im Jahresvergleich um 134 zurückgegangen. Dennoch finden wir eine hohe Ausbildungsbereitschaft bei den Betrieben. Die Firmen wissen, dass sie ihre zukünftigen Fachkräfte nur durch eigene Ausbildung gewinnen können.

Wir unterstützen die Arbeitgeber mit allen Kräften, unter anderem mit der Ausbildungsprämie, die nun auch deutlich erhöht wird und für mehr Betriebe verfügbar ist.

Welche Probleme bringt Corona bei den Nachwuchskräften mit sich?

Müller: Ohne die ganzen Schulveranstaltungen und Messen finden Betriebe und Ausbildungssuchende auch nicht mehr reibungslos zusammen. Ein Online-Rundgang durch einen Betrieb ersetzt nicht das Gefühl, in einem Team anzukommen und seine Fähigkeiten auszuprobieren, wie es ein Praktikum leisten kann.

Natürlich fehlen die regelmäßigen Beratungsstunden in den Schulen. Das merken wir an der rückläufigen Anzahl der Bewerber. Es sind in diesem Jahr 355 weniger als im Vorjahr.

Die Kurzarbeit ist ein von allen Seiten viel genutztes Instrument: Wie bewerten Sie diese?

Müller: Dass unser Arbeitsmarkt angesichts der größten Krise der jüngeren Geschichte insgesamt vergleichsweise robust geblieben ist, verdanken wir vor allem der Kurzarbeit. Das Instrument ist wichtig, weil wir damit Arbeitsplätze sichern können und nützlich, um die Wirtschaft zu stabilisieren.

Kurzarbeit stellt sicher, dass bei einer wirtschaftlichen Erholung die Produktion oder das Geschäft wieder ohne Reibungsverluste hochgefahren werden kann. Das Personal muss nicht erst gesucht werden, es ist bereits eingearbeitet.

In welchen Branchen wird die Kurzarbeit am meisten genutzt?

Müller: Die drei großen Wirtschaftszweige mit den meisten Anträgen auf Kurzarbeitergeld waren das verarbeitende Gewerbe, hier überwiegend Metall-, Elektro- und Stahlindustrie und das Baugewerbe mit den meisten Kurzarbeitern, dazu das Gastgewerbe. Die höchste Anzahl an Betrieben kam aus dem Handel und der Kfz-Branche.

Es gibt kaum einen Wirtschaftszweig, der nicht von der Krise betroffen war. Manche über einen kürzeren, manche über einen längeren Zeitraum, je nach Produkt, Dienstleistung oder internationaler Abhängigkeiten.

Experten sagen, dass das große Ende noch bevorsteht, etliche Firmen in der Region kurz vor der Pleite stehen und nur deshalb noch durchhalten, weil die Insolvenzantragspflicht auf Ende April verlängert wurde. Wie schätzen Sie die Lage für die hiesigen Landkreise ein?

Müller: Vereinzelt melden Betriebe Insolvenz an, es sind jedoch momentan weniger als im Durchschnitt der Vorjahre. Möglicherweise sind im vergangenen Jahr einige Insolvenzen ausgeblieben wegen der Aussetzung der Antragspflicht. Wir haben aktuell keine Anzeichen für eine dramatische Entwicklung, aber ein seriöser Ausblick ist kaum möglich.

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