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Rückkehr nach mehr als 20 Jahren

In Sibirien gelebt: Ein Lehrer der Priener Waldorfschule gibt einen Einblick in die russische Seele

Vom Förster zum Theologen: Thomas Graf Grote suchte in mehreren Berufen sein Glück.
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Vom Förster zum Theologen: Thomas Graf Grote suchte in mehreren Berufen sein Glück.
  • Jens Kirschner
    VonJens Kirschner
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Früher handelte er in Sibirien mit Holz, heute ist er Religionslehrer an der freien Waldorfschule Chiemgau in Prien. Der Schritt vom Holzhändler zum Theologen vollzog sich schrittweise, nicht aber die Entscheidung, mit seiner Familie nach mehr als 20 Jahren aus Sibirien nach Deutschland zurückzugehen.

Prien – Thomas Graf Grote hat ein herrlich nüchternes Naturell: freundlich, bestimmt, pragmatisch. Das mag daran liegen, dass der heutige Religionslehrer ein nordisches Gewächs ist. Aus Niedersachsen kommt der heute 54-Jährige, aufgewachsen ist er aber im äußersten Westen Republik, in Gusterath, einem der kleinteilig verstreuten Orte in der Trierer Peripherie.

Und er hat Gottvertrauen. Darauf, dass es irgendwie schon gut geht. Das braucht er auch, denn die Vita von Thomas Graf Grote liest sich wie ein einziges Abenteuer. Eines, das ihn bis nach Russland führte, in die Region Ostsibirien kurz vor die südliche Grenze zur Mongolei. Darüber macht der heutige Religionslehrer heute kein großes Aufheben. War halt so, dass er sich im Vertrauen auf Gott ein wenig durch die Welt treiben ließ.

Herzlich und schicksalsergeben

Nach der Schule führte ihn der Wehrdienst 1987 bei den Gebirgsjägern nach Bad Reichenhall. Grote verpflichtete sich bei der Bundeswehr auf zwei Jahre, anstelle des regulären Pflichtdienstes. Er wollte einen Schritt weiter gehen, aber auch ein bisschen Geld verdienen. Ob er damals schon wusste, dass er einmal über 20 Jahre in Russland verbringen wird?

„Gastfreundschaft“ ist der erste Begriff, der ihm einfällt, wenn man ihn nach dem Kern der russischen Seele fragt. Aber noch andere Eigenschaften bringt Thomas Graf Grote mit Russlands Bevölkerung in Verbindung. Russen seien herzlich, aber auch schicksalsergeben, nationalstolz, aber auch „Zaren“-treu.

Nach 20 Jahren in Sibirien verlässt Thomas Graf Grote Russland. Hier sitzt er am Gewässer Reka-Belyy Irkut in Sibirien. privat

Rückkehr nach Bayern

Das konnte der studierte Theologe und Forstwirt 2012 feststellen, als mit der Wiederwahl Wladimir Putins für ihn deutlich wurde: eine Demokratie, wenn vielleicht auch keine sonderlich liberale, würde Russland nicht mehr werden. Davon ist er noch heute überzeugt. Und dennoch dauerte es sechs weitere Jahre, bis sich Grote samt seiner Familie entschied, Russland den Rücken zu kehren und nach Bayern zu gehen.

Nach der Bundeswehr zog es Thomas Graf Grote in den Wald, besser gesagt zur Fachhochschule für Forstwirtschaft nach Rottenburg am Neckar in Baden-Württemberg. Förster wollte er werden. Nach dem Studium bekam er einen Jahresvertrag, mit der Maßgabe, sein Glück doch möglichst jenseits der Forste in Baden-Württemberg zu suchen. Hauhaltstechnisch waren es damals im Ländle keine guten Zeiten, um im Staatsdienst zu landen.

Vertrauensperson vor Ort

Während einer Jagd in Lüneburg kam er mit dem Geschäftsführer eines Hamburger Unternehmens zusammen, der in der Ukraine in Sperrholz machte. Dieser suchte jemanden, der Russisch sprach und in der Lage war, „gewisse sowjetische Eigenschaften“ zu kompensieren, wie Thomas Graf Grote es berichtet. Gemeint waren freundliche, aber schließlich oftmals leere Abreden: Lieferungen, die versprochen wurden, aber nicht kamen, Dokumente, die nicht eintrudelten, obgleich sie gebraucht wurden. Kurzum: Man suchte eine Vertrauensperson vor Ort.

Beruflicher Bruch

Grote, der auf dem Gymnasium Russisch gelernt hatte, schlug ein und landete zunächst in der Ukraine. Nach Stationen im Baltikum ließ er sich 1996 in Irkutsk nieder. Dort handelte er nicht nur mit Holz, sondern gründete eine Pfadfindergruppe, später eine evangelische Kirchengemeinde. Er studierte im Fernstudium evangelische Theologie und wurde zum Pfarrer ordiniert.

Für ihn, der vorher in Holz gemacht und damit gutes Geld verdient hat, ein beruflicher Bruch. Aber einer, der ihm richtig erschien, auch wenn sich sein Gehalt nun aus Spenden finanzierte.

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Wenn der 54-Jährige von seiner Zeit in Sibirien berichtet, bleibt Thomas Graf Grote nüchtern. Selbst, wenn er Geschichten erzählt, die ihn erahnen ließen, dass es für ihn und seine Familie dort wohl keine Zukunft gab. Während der Annexion der Krim 2014 sei er während einer Zugfahrt auf jene russischen Phantomsoldaten getroffen, die sich in zivil ohne jede Hoheitszeichen auf den Weg in Richtung der Halbinsel gemacht hätten, um diese zu besetzen.

„Höfliches Gespräch“ mit dem Staatsanwalt

„Die haben sich ins Fäustchen gelacht, dass der Westen diese Strategie nicht kapiert“, sagt Thomas Graf Grote. Für ihn war absehbar, dass sich ein Russland unter Putin mit Händen und Füßen gegen die Demokratie wehrt. Spätestens nach einem „höflichen Gespräch“ mit der Staatsanwaltschaft, die ihm deutlich machte, was er als Pfarrer in seinen Predigten tunlichst unterlassen sollte, stand für Grote fest, das Land mit seiner Familie zu verlassen.

Viele Russen, sagt Grote, nähmen vieles ungefragt hin, solange es in ihrem Leben einigermaßen stabil laufe. Auch die Beschränkung ihrer Freiheit, öffentlich sagen zu können, was sie denken. „Ich glaube nicht, dass Russland zu einer liberalen Demokratie wird“, ist der Religionslehrer heute überzeugt. Genauso, wie er davon überzeugt ist, dass es nur vernünftig war, wieder nach Deutschland zu gehen.