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Wie ein zweiter Geburtstag

In Prien erinnert sich Anna Krauss an Vertreibung und Flucht

Zwei Fotos sind Anna Krauß von ihrer alten Heimat im Dorf Prahn im Kreis Komotau geblieben: Eine Aufnahme der Häuseranordnung mit landwirtschaftlicher Ausrichtung (rechts ihr Geburtshaus) und ein Foto, das sie bei einem Besuch 1986 gemacht hat.Hötzelsperger
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Zwei Fotos sind Anna Krauss von ihrer alten Heimat im Dorf Prahn im Kreis Komotau geblieben: Eine Aufnahme der Häuseranordnung mit landwirtschaftlicher Ausrichtung (rechts ihr Geburtshaus) und ein Foto, das sie bei einem Besuch 1986 gemacht hat.Hötzelsperger
  • Anton Hötzelsperger
    VonAnton Hötzelsperger
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Am 21. Juni 1947 endlich in Sicherheit: An ihrem achten Geburtstag wurde Anna Krauss sozusagen in ein neues Leben „geboren“. Wie die Prienerin als Kind Vertreibung und Flucht aus dem Sudetengau im Egerland erlebt hat.

Prien – In wenigen Tagen wird Anna Krauss im Priener Ortsteil Atzing ihren 83. Geburtstag feiern – auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Hört man aber ihre Lebensgeschichte, wird deutlich, dass sie am 21. Juni 1947 – an ihrem achten Geburtstag – sozusagen in ein neues Leben „geboren“ wurde.

An diesem Tag vor 75 Jahren sah Anna Krauss – nach Vertreibung und gemeinsamer Flucht ihrer Mutter, Großeltern und Brüder aus dem Sudetengau im Egerland – in Bayern ihren Vater wieder, der als Soldat nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst verschollen war. „Er arbeitete als Knecht auf einem Bauernhof in Halfing“, erinnert sich die 82-Jährige im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung.

Vor allem der seit mehr als 100 Tagen wütende russische Angriffskrieg gegen die Ukraine und die vielen Flüchtlinge, die in unserem Land Hilfe suchen, lassen bei Anna Krauss Bilder von damals wieder deutlich werden; vermischt mit Erinnerungen an die Erzählungen ihrer Mutter.

Haus und Hof verlassen

Anna Krauss, geborene Heller, kam 1939 zur Welt und wuchs mit ihrem zwei Jahre älteren Bruder Helmut und ihrem Zwillingsbruder Ferdinand in Prahn auf. Sie war fünfeinhalb Jahre alt, als die russischen Truppen ins heutige Tschechien einmarschierten. „Ich erinnere mich noch an die weiten und von Mohn roten Getreidefelder. Und an die Angst der Dorfbewohner, als die Russen auf ihren Pferden einzogen.“

Gruß aus Prahn vor der Vertreibung.

Innerhalb kürzester Zeit mussten sie ohne Vorwarnung Haus und Hof mit wenigen Habseligkeiten verlassen und wurden mit weiteren Kindern, Frauen und alten Leuten in einem Nachbargebäude zusammengetrieben. „Mit dabei waren auch meine Großeltern väterlicherseits, Papa war schon lange im Krieg.“ Nur einmal in den Kriegsjahren hätten die drei Geschwister ihren Vater während eines Fronturlaubs sehen können, erzählt sie.

Vom Lager im Heimatort wurden sie wenige Tage später in einem alten Holzvergaser-Auto zu einer Station gebracht, „eine Baracke und Stacheldraht drumherum“. Nach einigen Wochen seien sie wieder verlagert worden. Die Fahrt im Viehwagen eines Zuges sei sehr schlimm gewesen. Anna Krauss: „Wir haben nicht gewusst, wo wir sind. Es hat fürchterlich gestunken, Frauen mit Babys waren eng zusammengepfercht im Wagen, es gab nichts zu Essen. Und wenn die Lok offenbar zum Wassertanken abgekoppelt wurde, mussten wir lange ohne Versorgung auskommen. Wie lange wir unterwegs waren oder wie viele Tage es waren, das weiß ich nicht mehr“.

Die nächste Zwischenstation war Gotha in Thüringen, inmitten der sowjetischen Besatzungszone. „Dort wurden wir in kleine Wohnungen verteilt; wir hatten einen Garten mit Obstbäumen, Opa und Oma waren auch noch dabei und dort gingen wir drei Kinder in die Schule.“ Ihre Mutter habe dann mithilfe des Roten Kreuzes die Suche nach ihrem Ehemann begonnen und dabei erfahren, dass er in einem Lazarett in Bad Aibling sein soll. Noch auf ihrem Weg über die Zonengrenze in Richtung Bayern bekam sie die Information, dass ihr Mann inzwischen bei einem Bauern in Halfing im Landkreis Rosenheim untergekommen sei. Tage später fand sie ihn beim Donisl-Bauern in Halfing. „Dort hatte er einen guten Arbeitsplatz und die Bauern einen guten Knecht, da er ja selbst aus landwirtschaftlichen Tätigkeiten kam“, so Anna Krauss.

Sofort Flucht nach Bayern geplant

Einen Monat später sei die Mutter wieder zurückgekommen. „Sofort wurde die Flucht über die Grenze in Richtung Bayern geplant“, erinnert sich die 82-Jährige an Erzählungen ihrer Mutter. „Opa und Oma waren schon alt. Sie hatten inzwischen ihre Tochter ausfindig gemacht und entschieden, zu ihr zu ziehen.“ Das habe einen schmerzhaften Abschied für immer bedeutet. „Wir machten uns bei Nacht und Stille auf den Weg, wurden aber erwischt und verwarnt. Es wurde uns gedroht, dass die Russen schießen werden. Dennoch wagte es meine Mutter eine Nacht später wieder mit uns. Wir wurden auch wahrgenommen, es wurde auch geschossen, aber wir kamen heil über die Grenze.“

Arg enttäuscht war Anna Krauss vom Zustand ihres Geburtshauses nach einem Besuch 1986 in ihrer alten Heimat. „Die Besatzer haben das landwirtschaftliche Gebäude verfallen lassen.“

Einfach nur den Bahngleisen gefolgt

In den folgenden Nächten folgten sie einfach nur dem Verlauf einer Bahnstrecke und erreichten so Weiden in der Oberpfalz. München und Rosenheim waren die nächsten Stationen „und von dort ging es mit den wenigen Habseligkeiten und mit dem, was man am Leib hatte, zu Fuß nach Halfing“. Am 21. Juni 1947 – am achten Geburtstag der Zwillinge – war die Familie nach Jahren der Flucht und Entbehrungen wieder vereint.

Ihren Geburtstag wird Anna Krauss, mittlerweile verwitwet, mit Tochter und Sohn in Prien-Atzing feiern.

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