Nostalgie im Netz

Facebook-Gruppe „Historischer Chiemgau“ hat viel Zulauf

Auch sein Büro hat viele historische Elemente: Christian Focke mag es, in die Vergangenheit zu blicken.
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Auch sein Büro hat viele historische Elemente: Christian Focke mag es, in die Vergangenheit zu blicken.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Traunstein – Vom Dachbodenfund bis zu Aufnahmen aus der Nachkriegszeit: Die Facebook-Gruppe „Historischer Chiemgau“ birgt viele interessante und rätselhafte Beiträge. Die Chiemgau-Zeitung sprach mit ihrem Gründer Christian Focke (35) aus Traunstein über den großen Zulauf.

Die Facebook-Gruppe finden Sie hier

Herr Focke, wie kamen Sie auf die Idee, die Facebook-Gruppe „Historischer Chiemgau“ zu gründen?

Christian Focke: Dazu gekommen bin ich, weil ich in Traunstein in einem sehr alten Haus wohne und mich für Geschichte interessiere. Zu unserem Gebäude aus dem 15. Jahrhundert habe ich auch viel recherchiert und eine Hausgeschichte erstellt.

Nachdem ich auch für den historischen Verein im Chiemgau im Jahrbuch geschrieben hatte, kam mir die Idee, die Gruppe zu gründen. Dort kann man Schätze finden, die man auf einem anderen Weg nicht so schnell zu Gesicht kriegt.

Wie war denn die Resonanz auf die Gruppengründung?

Focke: Angefangen habe ich am 4. Januar 2020 und dachte damals, dass das vielleicht mal 1000 Leute werden. Aber es hat sich extrem schnell rumgesprochen.

Anfangs habe ich täglich etwas gepostet, aber nach einem halben Jahr war das nicht mehr notwendig. Heute haben wir knapp 5000 Mitglieder in der Gruppe.

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Was sind das für Leute, die sich für lokale Geschichte im Netz interessieren?

Focke: Laut der Auswertung von Facebook ist ein Großteil zwischen 25 und 35 Jahre alt. Viele sind aus der Region, aber wir haben tatsächlich weltweiten Zulauf. Viele haben mal im Chiemgau gelebt und sind ausgewandert.

Was sind die Themen, die am meisten kommentiert werden?

Focke: Das sind meist alte Ortsansichten und Fotos aus dem privaten Fundus, etwa von verstorbenen Familienmitgliedern. Wir haben aber auch oft Suchaufträge nach alten Straßennamen oder die Bitte, dass jemand die altdeutsche Schrift übersetzt, etwa von Postkarten.

Das ist erstaunlich, selbst solche Aufträge werden binnen Stunden beantwortet von anderen Nutzern.

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Welcher Eintrag hat Sie besonders beschäftigt?

Focke:Uns hat tatsächlich eine amerikanische Veteranengruppe kontaktiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg im Chiemgau war.

Zu der Gruppe habe ich Kontakt und wir haben von den Leuten auch bisher unbekannte Bilder bekommen, wir stehen in engem Austausch. Die Bilder sind sogar ins Traunsteiner Stadtarchiv gekommen.

Haben Sie auch kontroverse Diskussionen erlebt?

Focke:Ganz am Anfang der Gruppe habe ich ein Bild aus dem Dritten Reich gepostet. Dort waren auch Hakenkreuze zu sehen. Um ehrlich zu sein, ich hab mir nichts dabei gedacht. Es gab zwar keine Hasskommentare, aber es kamen Nachfragen, ob man das überhaupt zeigen soll.

Meiner Meinung nach gibt es dazu eine klare Linie: Solche Dokumente sind historisch, nicht politisch. Darüber muss man heute sprechen können. Seitdem hat es auch keine Diskussion mehr gegeben.

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Haben Sie auch ihre Heimat neu entdeckt?

Focke:Ja, auf jeden Fall. Mich persönlich fasziniert am meisten, wenn man private Aufnahmen aus der Stadt Traunstein zeigt, da freue ich mich sehr.

Ist denn die Gruppe auf eine bestimmte Epoche eingegrenzt?

Focke: Von Römerstraßen bis zur Nachkriegszeit ist alles dabei. Wobei viele Menschen Dinge aus ihrer Kindheit und Jugend posten. Wir hatten schon rege Diskussionen um markante Persönlichkeiten aus dem Chiemgau, zum Beispiel die „Fagge-Loni“ aus Traunstein.

Die kannte jeder und es gibt ganz unterschiedliche Geschichten zu ihr. Es gab auch schon alte Mitschüler, die sich durch ein Klassenfoto wieder gefunden haben.

Beschäftigen Sie sich denn beruflich auch mit Geschichte?

Focke: Nein, ich arbeite als Gruppenleiter in einem Versandteam in Freilassing. Mein Leben hat sich aber durch die Gruppe sehr verändert. Ich recherchiere selbst sehr viel.

Außerdem braucht man eine gewisse Zeit für die Gruppenadministration, das sind so ein bis zwei Stunden täglich. Ich mache das aber gerne. Mich beschäftigt: Wie war es früher? Das soll alles nicht vergessen werden.

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