Gedenken an Nazi-Opfer

In der Gaskammer ermordet: „Stolperstein“ für Therese Mühlberger in Reit im Winkl verlegt

Die Inschrift des Stolpersteins: „Hier wohnte Therese Mühlberger Geb. Mühlberger JG. 1898 eingewiesen 1933 Heilanstalt Gabersee verlegt 7.11.1940 Hartheim Ermordet 7.11.1940 Aktion T4“ Hauser
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Die Inschrift des Stolpersteins: „Hier wohnte Therese Mühlberger Geb. Mühlberger JG. 1898 eingewiesen 1933 Heilanstalt Gabersee verlegt 7.11.1940 Hartheim Ermordet 7.11.1940 Aktion T4“ Hauser
  • vonJosef Hauser
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Gedenkfeier im Festsaal für NS-Opfer aus Reit im Winkl: Künstler Gunter Demnig mauerte Stolperstein für ermordete Therese Mühlberger persönlich ins Pflaster ein.

Reit im Winkl – Etwa 300 000 psychisch kranke Menschen und Menschen mit Behinderung wurden in der Zeit des Nationalsozialismus von den Schergen des Nazi-Regimes ermordet: unter den Opfern Therese Mühlberger aus Reit im Winkl. Ihre Enkelin Helene Leitner erhielt ab 2015 aus verschiedenen Archiven Akten über Leben und Tod ihrer Großmutter. Sie konnte den Künstler Gunter Demnig dafür gewinnen, im Rahmen seines 1996 gestarteten Projekts mit 75000 Stolpersteinen einen davon für ihre Großmutter anzufertigen.

In einer Gedenkveranstaltung im Reit im Winkler Festsaal berichtete zunächst Helene Leitner über das Leben ihrer Großmutter. Therese Mühlberger war eine Reit im Winklerin, die bereits in ihren jungen Jahren nach München ging und Krankenschwester und Hebamme wurde. 1922 kehrte sie nach Reit im Winkl zurück, um dort als Wochenbettpflegerin und selbstständige Hebamme zu arbeiten. 1925 heiratete sie Stefan Mühlberger, den „Wimmer-Steff“, mit dem sie ein Haus baute und eine Familie gründete.

In die „Heil- und Pflegeanstalt Gabersee“ eingewiesen

Aufgrund einer unheilbaren Krankheit wurde Therese Mühlberger im August 1933 im Alter von 35 Jahren in die „Heil- und Pflegeanstalt Gabersee“ eingewiesen. Die Jahre vergingen, Therese verfiel geistig und sie erkannte ihre Angehörigen nicht mehr. Am 7. November 1940 wurde sie im Rahmen der „Aktion T4“ der Nationalsozialisten mit 120 weiteren Patienten von Gabersee in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz deportiert und dort in der Gaskammer ermordet.

Der Künstler Gunter Demnig ließ es sich nicht nehmen, selbst seinen Stolperstein vor dem ehemaligen Wohnhaus von Therese Mühlberger an der Weitseestraße in Reit im Winkl zu verlegen.

Eine wertvolle Hilfe bei Leitners Nachforschungen war die Historikerin Dr. Sibylle von Tiedemann, wissenschaftliche Referentin für die Bildungsabteilung des NS-Dokumentationszentrums München. Von Tiedemann wies in ihrer Rede im Festsaal darauf hin, dass etwa 300 000 psychisch Kranke und Menschen mit Behinderung in der Zeit des Nationalsozialismus von Psychiatern als „lebensunwertes Leben“ selektiert und ermordet worden seien. Darüber hinaus seien ab 1934 über 400 000 Menschen zwangssterilisiert worden. „Die Ideologie war, dass manche Menschen einen geringeren Wert haben“, sagte sie.

Vergessene Opfer der NS-Gewaltherrschaft

Bedenklich sei, dass die Stimmen der Überlebenden und der Angehörigen nach 1945 vor Gericht und in der Gesellschaft kaum Gehör gefunden hätten. „Bis heute zählen die Ermordeten und Zwangssterilisierten zu den vergessenen Opfern der NS-Gewaltherrschaft, während die Täter ihre Karrieren meist nahtlos fortsetzen konnten“, so Tiedemann.

Dr. med. Michael Rentrop, Chefarzt im kbo-Inn-Salzach-Klinikum Wasserburg, berichtete über den Werdegang der 1883 als „Königlich-Bayerische Heil- und Pflegeeinrichtung für Nervenkranke“ gegründete Einrichtung, in die 50 Jahre später auch Therese Mühlberger eingewiesen wurde. Im November 1940 hätten von dort drei Transporte mit jeweils 120 dann ermordeten Patienten stattgefunden. 1941 sei die Klinik Gabersee aufgelöst worden, nachdem Krieg habe der Wiederaufbau stattgefunden und 1953 sei sie mit 300 Patienten eröffnet worden.

Das Vergessen verhindern

Erst ab 1990 habe „die Aufarbeitung der beschriebenen schrecklichen Geschehnisse“ begonnen. Ziel sei es dabei, das Vergessen zu verhindern, den Toten einen Namen zu geben und vorzubeugen. „Was schützt uns heute vor einem Rückfall in die Unmenschlichkeit?“, so Dr. Rentrop. „Die Psychiatrie ist heute keine in sich geschlossene Geheimwissenschaft, sondern ein lebendiger Teil der Gesellschaft.“ Besucher seien willkommen, und Angehörige würden in die Behandlung mit einbezogen.

„Mit ihrer Initiative leistet Helene Leitner einen wertvollen Beitrag gegen das Vergessen“, betonte Bürgermeister Matthias Schlechter. Nach dem 2011 errichteten Gedenkstein für den 1944 ebenfalls dem Nationalsozialismus zum Opfer gefallenen Dr. Eduard Hamm sei dies nun das zweite derartige Mahnmal in der Gemeinde. Er freue sich, den Reit im Winkler Ehrenringträger Franz Schlechter begrüßen zu dürfen, der nach eigenen Worten 1924 unter Mithilfe der jetzt geehrten Hebamme Therese Mühlberger im Schneiderhäusl-Anwesen zur Welt gekommen sei. Es sei heute wichtig, an die nationalsozialistischen Greueltaten zu erinnern und sich bewusst zu machen, was damals passiert sei. „Wir dürfen nicht müde werden, uns für ein ‚nie wieder‘ einzusetzen“, appellierte Bürgermeister Schlechter.

Die Teilnehmer der Gedenkfeier trafen sich dann vor dem ehemaligen Wohnhaus von Therese Mühlberger in der Weitseestraße 15, jetzt im Besitz der Familie Josef Türk. Dort setzte Gunter Demnig ihren Stolperstein persönlich ins Pflaster, im Übrigen der erste im südostbayerischen Raum.

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