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"Immer noch in einem Lernprozess"

Anschaulich hat Rosenheims Landrat Wolfgang Berthaler bei einer Veranstaltung der kommunalen Realschule Prien geschildert, welch gewaltige logistische Herausforderungen und Probleme der anhaltende Flüchtlingsstrom in den Landkreis mit sich bringt. "Wir sind gut geworden, aber immer noch im Lernprozess", schilderte er die Entwicklung im Landratsamt.

Prien - 850 Asylbewerber hat der Landkreis in 80 angemieteten Wohnungen zurzeit untergebracht, davon sind 650 Erwachsene. Dazu kommen 500 sogenannte unbegleitete Jugendliche, also junge Menschen, die ohne Elternteil nach oft jahrelanger und lebensgefährlicher Flucht hier angekommen sind. Bis zum Jahresende rechnet der Landkreis nach aktuellen Prognosen mit 350 weiteren Flüchtlingen, die von der Regierung in den Landkreis geschickt werden.

Jede Woche tage er zehn Stunden mit seinem Krisenstab im Landratsamt, oft klingele nachts bei ihn das Telefon, wenn ihm mitgeteilt wird, dass wieder ein Bus voller Menschen in den Landkreis unterwegs sei und in Empfang genommen werden muss.

"Sie haben

ja nichts getan"

Mit Zahlen und Schilderungen aus der Arbeit veranschaulichte der Landrat die riesige logistische Herausforderung. Aber er ging auch auf die menschliche Seite ein. "Diese Menschen sehnen sich nach einer Welt, in der sie in Frieden leben können" und "Sie haben ja nichts getan."

Gerade die "unbegleiteten" Jugendlichen bräuchten Betreuung, viele seien traumatisiert, weil sie vor ihrer Flucht miterleben mussten, wie Angehörige erschossen oder sie selbst vergewaltigt wurden.

Eigentlich sieht das Gesetz vor, dass ein Sozialpädagoge jeweils zwei dieser jungen Menschen betreue. Aber "wir kriegen das Personal gar nicht". Die Überlastung des Personals im Landratsamt schilderte Berthaler drastisch: Der Leiter des Jugendamts habe seine Kündigung auf den Tisch gelegt, die zuständige Juristin um Versetzung gebeten.

Lange galt die Vorschrift, dass die unbegleiteten jungen Leute von dem Landkreis betreut werden mussten, in dem sie aufgegriffen werden - und da ist Rosenheim als grenznahe Region eine der wenigen, in der extrem viele junge Flüchtlinge landen. Erst kürzlich sei nach fünf Monaten der Wunsch erhört worden, die unbegleiteten Flüchtlinge auf alle Landkreise bayernweit zu verteilen.

Inzwischen habe es der Landkreis schon geschafft, in zehn Einrichtungen 120 Plätze für die jungen Flüchtlinge zu schaffen. Jugendheime wie noch vor Jahrzehnten, die geeignet gewesen wären, gab es gar nicht mehr, bevor der Flüchtlingsstrom einsetzte.

Einige "Scharlatane" bieten Wohnungen an

Über das Verhalten der jungen Flüchtlinge fand Berthaler lobende Worte. Diejenigen jungen Leute, die in mittlerweile fünf Berufsschulklassen im Landkreis unterrichtet würden, seien alle "hochmotiviert", berichtete er. Sie lernen sehr schnell und wollen oft noch weitermachen im Unterricht, wenn der nachmittags um 16.30 Uhr ende. In diesem Lerneifer sieht er auch eine Chance, dem Fachkräftemangel entgegenwirken zu können, über den das Handwerk zunehmend klagt.

Zur Unterbringung insgesamt sagte der Landrat: "Wir experimentieren noch, haben einen großen Lernprozess, aber es kann niemand verlangen, dass wir ein Patentrezept haben." Drei Mitarbeiter des Landratsamtes seinen ausschließlich damit beschäftigt, Wohnungen zu besichtigen und auf ihre Eignung zu prüfen, die der Behörde für Flüchtlinge angeboten werden. "Es sind auch schon einige Scharlatane unter denen, die Objekte anbieten", hat Berthaler erfahren müssen.

97 Asylbewerber im Landkreis seien mittlerweile als Asylanten anerkannt. Daraus sieht Berthaler ein neues Probleme erwachsen: akuten Mangel an günstigen Wohnungen. "Sozialwohnungen müssen gebaut werden." Eigentlich müssten Flüchtlinge die Unterkünfte des Landkreises sofort verlassen, wenn ihr Asylantrag anerkannt ist. Dann drohe ihnen die Obdachlosigkeit und für dieses Problem wären dann wiederum die jeweiligen Kommunen zuständig. "Wir haben uns mit der Regierung geeinigt, dass sie so lange bleiben können, bis sie etwas finden", berichtete der Landrat.

Berthaler beklagte, dass in der Flüchtlingsproblematik sehr wenig Unterstützung vom Bund komme, während die bayerische Staatsregierung inzwischen deutlich nachbessere.

Berthaler dankte den "vielen, vielen Freiwilligen, die sich in den Kommunen in vielfältiger Weise um die Flüchtlinge kümmern. Der Landkreis sei gerade dabei, vier "Kümmerer" zusätzlich anzustellen, die Ansprechpartner und Helfer für die ehrenamtlichen Helfer sein sollen. "Wenn das nicht kommt, verlieren die Freiwilligen ihre Freude und wir brauchen sie alle", rief er den vielen Helfern im Pfarrsaal zu.

Aus deren Reihen kam aber auch Kritik. Susanne Pühler, die sich in Breitbrunn seit rund drei Jahren um Flüchtlinge kümmert, beklagte, dass Ehrenamtliche als "Störenfriede und lästiges Ungeziefer" angesehen würden, wenn sie in bestimmten Abteilungen des Landratsamtes um Unterstützung bäten. Viele andere ehrenamtliche Helfer im Saal bekräftigten diese Kritik - offenbar mit ähnlichen Erfahrungen - mit ihrem Applaus. Berthaler versprach, sich zu bemühen, dem entgegenzuwirken. "Sowas darf es eigentlich nicht geben."

Über die anderen Vorträge der Veranstaltung berichten wir noch gesondert in einer unserer nächsten Ausgaben.

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