Gar nicht so leicht

82 Inzeller wollen klimaneutral leben: Wie sie dazu kamen und wie es funktioniert

Die Gründergruppe beim Start im Jahr 2018 (von links): Gerhard und Hedi Schmied, Elfriede Wörfel, Dr. Lucia Jochner-Freitag, Claudia Deckelmann, und Martin Jochner.
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Die Gründergruppe beim Start im Jahr 2018 (von links): Gerhard und Hedi Schmied, Elfriede Wörfel, Dr. Lucia Jochner-Freitag, Claudia Deckelmann, und Martin Jochner.

Was 2018 im kleinen Kreis begann, ist inzwischen ein bemerkenswertes Projekt: Die Inzeller Initiative „100 x klimaneutral“ hat inzwischen 82 Mitstreiter im Alter von 14 bis 70 Jahren.

Inzell – „Am Morgen aufzustehen und sich bewusst zu machen, dass man jeden Tag versucht, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten klimaneutral zu leben, ist ein wunderbares Gefühl.“ Das sagt Martin Jochner aus Inzell. Er ist einer der Initiatoren von „100 x klimaneutral“ in Inzell.

Klimaschutz ist Innzellern wichtig

Los ging es im Jahr 2018 in einem kleinen Kreis. Von Berufs wegen beschäftigten sich Dr. Lucia Jochner-Freitag als Landschaftsökologin und ihr Mann, der Biologielehrer Martin Jochner, seit Jahrzehnten mit den Themen Klimawandel und Klimaschutz. Kleine Schritte zum Klimaschutz reichen ihrer Meinung nach heute nicht mehr aus, ein konsequenteres Verhalten auch im privaten Umfeld sei notwendig, sagen sie im Interview mit unserer Zeitung.

Kohlendioxid-Bilanz für sich erstellen

Wie Martin Jochner erklärte, ist es zunächst notwendig, sich individuell über die eigenen großen „Baustellen“ in Bezug auf die Kohlendioxid-Bilanz klar zu werden und zu überlegen, wie der persönliche Ausstoß von Treibhausgasen verringert werden kann. Je nach Lebens-, Wohn- und Arbeitssituation lägen diese in unterschiedlichen Bereichen. Themen sind Mobilität, Wärme- und Stromversorgung, Ernährung und Konsum.

Jährlich 11,6 Tonnen Ausstoß an Kohlendioxid

Bei Martin Jochner zeigte der CO2-Rechner des Umweltbundesamts einen Ausstoß von 4,5 Tonnen im Jahr an. Der Bundesdurchschnitt liege bei 11,6 Tonnen. Ihm ist die eigene Zahl immer noch zu hoch. Er will seinen CO2-Ausstoß kompensieren, also für einen Ausgleich zu den selber erzeugten Emissionen an anderer Stelle sorgen. Jochner überweist jedes Monat 115 Euro für afrikanische Familien, damit sich die Öfen leisten können, die im Schnitt etwa fünf Tonnen Kohlendioxid einsparten im Vergleich zu ihren herkömmlichen Öfen. Damit ist seine CO2-Bilanz bei Null.

Lucia und Martin Lochner sehen das Ansinnen klimaneutral zu leben nicht als Experiment, sondern als eine faire Form zu leben, in Verantwortung gegenüber anderen Menschen und den folgenden Generationen und gegenüber der Natur. Sie streben heuer eine Mitgliederzahl von 100 an. Das wichtigste qualitative Ziel sei es, durch das eigene Verhalten ein Signal an die Gesellschaft und auch an die Politik zu senden.

Ordensschwester ist Mitglied der Initiative

Auch Schwester Karolina Schweihofer vom Orden der Missionarinnen Christi, die lange Zeit in Maria Kirchental gearbeitet hat, ist Mitglied der Initiative. Sie lebt heute zusammen mit 14 Schwestern im Regionalhaus des Ordens in München. Wie die Schwester telefonisch schildert, erlebt sie durch ihre Ordensarbeit in Afrika und Brasilien hautnah, welche verheerenden Folgen der Klimawandel in diesen Ländern jetzt schon habe. Für die Gemeinschaft in München erarbeitete die Ordensgemeinschaft deshalb ein Schöpfungskonzept mit Leitlinien. Dem folgend, kauft die Gemeinschaft etwa über einen Ökoversorger regional und saisonal verfügbare Produkte in Mehrwegverpackungen ein, schaut bei Neuanschaffungen auf langlebige Naturmaterialien und Bürobedarf wird in Rückgabeboxen geliefert.

Schwester Karolina Schweihofern.

Erledigungen nach Möglichkeit ohne Auto

Können Erledigungen in Ausnahmefällen nicht zu Fuß, mit dem Rad oder dem ÖPNV abgewickelt werden, dann versuchen die Schwestern wenigstens langsamer zu fahren, um Kohlendioxid einzusparen.

In Zukunft sollen auch nur noch ein Fahrzeug mit Elektroantrieb und Solarbeladung Verwendung finden und der Energieverbrauch im Haus, in Zusammenarbeit mit einem Energieberater reduziert werden. Außerdem soll die Gasheizung langfristig ausgetauscht werden. Schwester Karolina geht es ums Handeln und darum, andere Menschen zu sensibilisieren. „Wenn ein Teil der Schöpfung verletzt wird, dann verletzt es auch uns Menschen.“

Lucia Lochner-Freitag aus Inzell macht Kräutertees, Salben und auch Liköre selbst. Bauregger

Ausgleich über ein Biogasprojekt

Diplom-Biologe German Weber aus Memmingen hegte anfangs Bedenken, sein Leben komplett umzukrempeln oder ständig Rechenschaft über das Erreichte ablegen zu müssen. Er entschied sich trotzdem für die Initiative. Die Schieflage bei seinem Kohlendioxid-Verbrauch macht er mit einem Biogasprojekt in Nepal wett, das er unterstützt. Mit der Anlage soll verhindert werden, dass ganze Wälder oder Buschwerk und damit Kohlendioxid-Speicher für Feuerholz vernichtet werden.

Mitmachen ist das Wichtigste

Er habe sich zudem mit seiner Mobilität und der Energieversorgung auseinandergesetzt und will auch hier ansetzen. Sein Resümee: „Es muss nicht immer ein hundertprozentiges Ergebnis erzielt werden, aber alles, was man für den Klimaschutz umsetzt ist besser, als gar nichts zu machen.“

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