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"Ich habe nur funktioniert, nie gefühlt"

Prien - In eindrucksvoller Offenheit haben Essstörungs-Patientinnen der Klinik Roseneck einer Politikerin ihre Krankheitsgeschichten geschildert.

Die beiden jungen Damen, die sich wie hunderte andere im Jahr in der renommierten Priener Fachklinik einer Therapie unterziehen, erzählten von mangelndem Selbstwertgefühl, unterdrückten Gefühlen und dem Irrglauben, dass Dünnsein erfolg bedeutet.

Die Psychosomatische Klinik Roseneck behandelt seit ihrer Gründung vor 25 Jahren Patientinnen mit Essstörungen. Die Fachklinik hat sich durch Therapieerfolge und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Entwicklung vieler neuer Therapieverfahren großes Renommee erworben. Sie gilt als bundesweit führende Klinik für Krankheiten wie Magersucht und Bulimie. Die 120 Therapieplätze sind laut Chefarzt Dr. Carl Leibl immer belegt - in jüngerer Zeit auch zunehmend von männlichen Patienten. Mit weniger als 30 und mehr als 300 Kilo Körpergewicht kommen Betroffene in Extremfällen nach Prien, um sich helfen zu lassen.

Theresa Schopper, bayerische Landesvorsitzende der Grünen und gesundheitspolitische Sprecherin der Landtagsfraktion, war dieser Tage vor Ort, um von Medizinern und Betroffenen zu erfahren, was die Politik tun kann, um die Behandlung von Essstörungen zu unterstützen, und was vorbeugend getan werden könnte, damit es gar nicht so weit kommt.

Leibl charakterisierte das Gros der Betroffenen als "in der Regel sehr sensible und angepasste Menschen" mit Selbstwertproblemen. Oberärztin Dr. Silke Naab schilderte die gängigen Therapieverläufe, in denen Mediziner, Psychologen und sogenannte Co-Therapeuten Hand in Hand mit den Patienten arbeiten. Neben Aufklärung, dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung und dem offenen Umgang mit den individuellen Problemen sind Naab zufolge die Entwicklung von Verhaltensstrategien, Belastungserprobungen und realistische Übungen wesentliche Elemente des Heilungsprozesses.

Eindrucksvoll offen schilderten zwei Betroffene der Grünen-Politikerin ihre persönlichen Erfahrungen. Anja und Beate (beide 23, Namen von der Redaktion geändert) mussten weit in die Vergangenheit blicken, um die Anfänge ihrer Krankengeschichte zu schildern. Bei beiden begannen die Probleme in der Pubertät, beide konnten aber keinen speziellen Auslöser nennen. Vielmehr scheint es eine Summe von Faktoren gewesen zu sein, die die jungen Damen in die Magersucht beziehungsweise Bulimie getrieben hatte.

Der Schlankheitswahn, den manche Medien gerade jungen Mädchen suggerieren, ist für Anja und Beate nur ein Problem unter vielen. "Dünn sein heißt erfolgreich sein" - mit diesem Irrglauben hatte Anja bis zu 20 Kilo abgenommen. Dass sie an Bulimie (Ess-Brechsucht) leidet, habe sie lange von sich weggeschoben, den Kühlschrank daheim immer wieder heimlich aufgefüllt. Die Eltern hätten zwar gemerkt, dass mit ihrer Tochter etwas nicht stimmt, seien aber hilflos gewesen. "Ich habe immer meine ,Ich-bin-glücklich-Maske' aufgehabt." Drei Jahre hat sie gebraucht, bis sie nach dem eigenen Eingeständnis eine Behandlung begann.

Dass das persönliche Umfeld meist überfordert ist, auch wenn Familie, Freunde oder Lehrer körperliche Veränderungen durchaus wahrnehmen, hat Beate ebenfalls erfahren. "Ich war spontan und hatte viele Freunde. Dann wurde ich anders, war in mich gekehrt und habe nicht mehr gelacht." Sie wünscht sich im Rückblick, dass zum Beispiel Lehrern mehr Informationen über Essstörungen an die Hand gegeben werden. Naab sieht es ähnlich: "Lehrer sollten Anteil nehmen und Betroffene zumindest einmal ansprechen, damit die merken: ,Da hat mich jemand wahrgenommen.'"

Die beiden 23-Jährigen erzählten von ihrer Angst vor Gefühlen (Anja: "Ich habe nur noch funktioniert, nie gefühlt") und davor, den vermeintlichen Erwartungen an sie nicht gerecht werden zu können. Anja fühlte sich "wahnsinnig überfordert" dabei, erwachsen werden zu müssen, und auch bei Beate verschlimmerte sich die Situation nach dem bestandenen Abitur wieder, weil sie glaubte: "Ich krieg das eh nicht alles hin." Bei beiden führte dieser selbst auferlegte Druck, gepaart mit mangelndem Selbstwertgefühl dazu, dass ihre Krankheiten nach dem Schulabschluss wieder stärker in Erscheinung traten.

Jetzt haben beide einen Teil ihrer mehrwöchigen Therapien durchlaufen, Beate hat 16 Kilo zugelegt und ist trotzdem noch sehr schlank. Auch Anja ist sich bewusst, dass mit dem Ende der Behandlung der Kampf gegen die Krankheit nicht gewonnen ist. "Ich werde nicht hier rausgehen und glauben, ich bin gesund, nur weil der BMI jetzt stimmt." (Der Body-Maß-Index gibt das Verhältnis zwischen Körpergröße und Gewicht an).

Eine wichtige Rolle bei dem Versuch, dauerhaft im "normalen" Leben die Essstörungen zu besiegen, wird den Angehörigen zukommen. Die sind für die Oberärztin "total wichtig". Seit drei Jahren bietet die Klinik Roseneck deshalb auch Wochenendseminare mit Angehörigen an, "um Mythen abzubauen, denn es geht nicht nur ums Gewicht", so Naab.

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