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„Ich bin überwältigt und gerührt!“

Emotionale Spurensuche: Nachfahren von Holocaust-Opfern besuchen Traunstein

Vor dem Gedenkstein für die Familie Holzer in der Kernstraße versammeln sich Madeline, Eleanor, Bruce,Vor dem Gedenkstein für die Familie Holzer in der Kernstraße versammeln sich (von links) Madeline und Elenore Moeller, Bruce Neuburger, Jaden und Katya Labowe-Stoll sowie Anna und Marc Moeller. Bruce ist der Enkel, Anna die Urenkelin, die Jugendlichen sind Ururenkel. Sie zeigen Kopien der historischen Dokumente über das Schicksal der Familien Holzer und Neuburger.
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Vor dem Gedenkstein für die Familie Holzer in der Kernstraße versammeln sich (von links) Madeline und Elenore Moeller, Bruce Neuburger, Jaden und Katya Labowe-Stoll sowie Anna und Marc Moeller. Bruce ist der Enkel, Anna die Urenkelin, die Jugendlichen sind Ururenkel. Sie zeigen Kopien der historischen Dokumente über das Schicksal der Familien Holzer und Neuburger.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Seine Großeltern halfen der Traunsteiner Familie Holzer in der Nazizeit, doch auch sie wurden ermordet: Nun hat der Amerikaner Bruce Neuburger das Land der Täter besucht. Über eine emotionale Spurensuche in Traunstein.

Traunstein – Als Bruce Neuburger und seine Familie am Vormittag des 9. Juli 2022 in Traunstein aus dem Regionalzug steigen, könnte man meinen, sie sind ganz normale amerikanische Touristen. Doch der 75-Jährige ist heute auf einer ganz persönlichen Spurensuche. Denn Neuburger hat den weiten Weg von San Francisco ins Land der Täter auf sich genommen. Sein Großvater Benno Neuburger war ein jüdischer Widerstandskämpfer und wurde von den Nazis ermordet.

Noch am Bahnsteig überkommt ihn die Rührung und seine Augen glänzen. Neuburgers Vorfahren lebten zwar in München, sie hatten jedoch eine tiefe Bindung zur Traunsteiner Familie Holzer. Nachdem die Holzers in der Reichskristallnacht aus Traunstein vertrieben wurden, fanden sie bei den Neuburgers in München Unterschlupf.

Erinnerungszeichen für Benno Neuburger

Es ist nicht weit vom trubeligen Bahnhof in die Kernstraße, in der die Holzers lebten. Begleitet wird die Familie von Dr. Michael Strnad, der im Kulturreferat der Stadt München arbeitet und die Aktion „Erinnerungszeichen“ betreut. Sie sollen das Andenken an Menschen wahren, die von den Nazis verfolgt wurden. Am Montag, 11. Juli 2022, werden in München Erinnerungszeichen für Benno und Anna Neuburger eingeweiht. Anlässlich dieses Treffens sind ihre Nachfahren nach Deutschland gereist.

Mit dabei ist auch Friedbert Mühldorfer, der zur Nazizeit und dem Schicksal der Juden im Chiemgau geforscht hat. Über die Familie Holzer weiß er viele Details und die ganze Familie hängt an seinen Lippen. Vor dem ehemaligen Haus der Holzers erzählt er detailreich von den Schrecken der Reichskristallnacht. Sämtliches Hab und Gut mussten die Holzers danach abgeben, alles wurde versteigert. Da eilt Mühldorfer zu seinem Auto und holt einen Holzstuhl. „Den hat mir mal ein Mann gebracht, der sich nicht wohl mit ihm gefühlt hat“, berichtet Mühldorfer. Es soll ein Stuhl der Holzers gewesen sein, sogar die Auktionsnummer könne man auf der Unterseite noch sehen. Madeline (19) und Eleanor (16), Bruces Enkelinnen, starren gebannt auf den Stuhl.

„Für mich ist das sehr merkwürdig“, sagt Madeline. Auch wenn sie nun dort ist, wo all das passiert sei mit ihren Vorfahren. „Ich kann es immer noch nicht greifen“, sagt sie. Zu unfassbar sei das alles.

Ein jüdischer Widerstandskämpfer

Bruce Neuburger hat diese Distanz nicht mehr. Er ist tief bewegt, immer wieder wird seine Stimme brüchig. Er hat sich sehr intensiv mit seiner Familiengeschichte beschäftigt. Denn sein Großvater Benno wehrte sich gegen die Nazis und den drohenden Völkermord. Dieser verschickte zum Protest Postkarten und wurde dafür ins Gefängnis geschickt. 1942 brachte man ihn in Berlin-Plötzensee um. Seine Frau Anna wurde nach Treblinka deportiert und dort ermordet. Nur den Söhnen gelang die Flucht.

Ein Zufall am Meldeschalter

Benno Neuburger Ururenkel blicken in der Kernstraße auf Fotografien der Dokumente von damals. Etwa die Meldekarten der Holzers. „Schau, hier steht das ‚J‘, das die Juden kennzeichnen konnte“, erklärt Bruce und seufzt. Denn auch damit ist eine Geschichte verbunden, wenn auch eine gute. Die Einzige, die überlebte, war Klara Holzer. Nur sie konnte ausreisen, weil sie kein „J“ im Pass stehen hatte.

Und das sei Bruce zufolge so gewesen: „Als Klara zur Passbehörde ging, hatte sie Angst, weil dort ein Nazi arbeitete. Aber ausgerechnet an diesem Tag war dort ein Freund von ihr am Schalter, mit dem sie oft Skifahren gewesen war. So kam es, dass sie keinen Eintrag bekam.“

Am späten Nachmittag fahren die Neuburgers wieder zurück nach München. Einerseits ist ihr Gepäck schwer zu tragen. Und doch nicht völlig ohne Leichtigkeit. Bruce ist den Deutschen trotz all des Schreckens in erster Linie dankbar: „Vielen Dank, dass ihr euch eurer Geschichte stellt. Davon können wir Amerikaner noch viel lernen.“

Das Schicksal der Familie Holzer

Ursprünglich kam die Familie Holzer aus Baden und zog 1902 nach Traunstein, berichtet Friedbert Mühldorfer, der sich intensiv mit der Nazizeit im Chiemgau beschäftigt hat. Dort bauten sich Willy und sein Bruder Ludwig ein Geschäft als Viehhändler auf und kauften die zwei Häuser in der Kernstraße. Das Geschäft lief gut, beide Familien waren in Traunstein und der Region anerkannt. Sowohl Willy als auch Ludwig nahmen als Soldaten am 1. Weltkrieg teil. Ludwig zog Mitte der 1920er Jahre nach München, während Willy mit seiner Familie im Chiemgau blieb.

Zwar hatte es schon vorher Antisemitismus in Traunstein gegeben, aber dies radikalisierte sich umso mehr mit der Machtübernahme und in den folgenden Jahren. Zwar lief das Geschäft immer schlechter, dennoch glaubten die Holzers nicht daran, dass ihnen etwas passieren könnte – gut integriert wie sie waren, erzählt Mühldorfer.

Dies änderte sich in der Nacht auf den 10. November 1938. Das Haus der Holzers wurde von der SA und Traunsteiner Nazis in Zivil belagert. Willy und Alfred Holzer wurden an diesem Abend mitgenommen und bis zum nächsten Tag im Gefängnis behalten. Die Familie floh schließlich nach München, und kam bei ihren Freunden, der Familie Neuburger, in der Münchner Trogerstraße unter. Doch auch dort konnten sie nicht unbehelligt leben. Nachdem sie in einem Sammellager untergebracht wurden, wurden sie schließlich ab November 1941 in die Vernichtungslager deportiert: Alfred Holzer, seine Frau Martha, Benno Holzer, die Cousine Cäcilie Spatz und deren 16-jähriger Sohn Wilhelm wurden in Litauen erschossen. Willy Holzer wurde in Treblinka ermordet, sein Bruder Ludwig starb im Ghetto Theresienstadt. Max Holzers Leben endete in Auschwitz, ebenso das seiner Schwester Hedwig. Nur Klara Holzer konnte überleben, da sie über England in die USA ausreiste. Die Cousine Ilse hatte einen nichtjüdischen Ehemann und überlebte, während das Schicksal von Hannchen ungewiss ist. Alle anderen Familienmitglieder wurden ermordet.

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