Hochwasser im Landkreis Traunstein: Mehr als 550 Feuerwehr-Einsätze - Neues Video

  • vonPeter Volk
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„Keller unter Wasser“ – dieses Alarmierungsstichwort war mit Abstand das häufigste, das die Feuerwehren im Landkreis Traunstein am Dienstag aus ihren Piepsern zu hören oder auf Alarmfaxen zu lesen bekamen. Ein Mega-Einsatztag!

Der Dauerregen, der bereits am Montag einsetzte, Flüsse und Bäche anschwellen und über die Ufer treten ließ, Felder, Wiesen sowie viele Straßen überflutete und Hunderte von Kellern überschwemmte, bescherte den Wehren im Landkreis Traunstein einen Mega-Einsatz.

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Fast alle der 80 Freiwilligen Feuerwehren waren im Einsatz. Allein am Dienstag waren es bis 12 Uhr Mittag mehr als 550 Einsätze, die von den Floriansjüngern abgearbeitet wurden. 

Hochwasser in Siegsdorf

Kurz nach Mitternacht erste Notrufe

Die ersten Unwetter-Alarme gab es schon am Montagabend, kurz vor Mitternacht. Die Feuerwehren Siegsdorf und Eisenärzt waren schon in der Nacht stark gefordert.

Sie pumpten Keller aus, schützten von Wassereinbruch bedrohte Häuser und bauten Sandsack-Barrieren auf. Zur Unterstützung und zum Befüllen von Sandsäcken wurde die Feuerwehr Vogling zum Bauhof Siegsdorf befördert. Die Staatsstraße zwischen Eisenärzt und Ruhpolding musste wegen Überflutung gesperrt werden.

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Ab 5 Uhr morgens stieg die Zahl der Notrufe bei der Integrierten Leistelle stark an. Teilweise wurden innerhalb nur einer Minute bis zu fünf Alarme und Hilfeersuchen an die Feuerwehr weitergegeben. 

Hochwasser in Siegsdorf

Betroffen war zunächst vor allem der südliche Landkreis, das Achen- und Trauntal. Kreisbrandrat Christof Grundner beorderte die Mitglieder der Kreisbrandinspektion zum Gerätehaus Grabenstätt. Dort wurde ein Einsatzstab formiert, der die unzähligen Einsätze koordinierte.

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Auch die Unterstützungsgruppe Örtliche Einsatzleitung (UG-ÖEL) wurde dorthin alarmiert. Sie sorgte für die Sicherstellung der Kommunikation mit allen eingesetzten Wehren und die Dokumentation des Einsatzgeschehens. 

Hochwasser in Siegsdorf

Schnell müssen erste Straßen gesperrt werden

Am frühen Vormittag musste auch die Bundesstraße 304 zwischen Traunstein und Surberg gesperrt werden. Der parallel verlaufende Grundbach uferte aus und überflutete die Bundesstraße, ebenso die Sur im Gemeindebereich Surberg. Gesperrt werden musste auch die Staatsstraße 2096 zwischen Übersee und Grabenstätt. Dort trat der Rothgraben über die Ufer und machte die Straße unpassierbar.

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Gesperrt wurde auch die Kreisstraße TS 46 zwischen Wang und Nußdorf. Am Ortseingang von Nußdorf wurde die Straße überschwemmt. Die Nußdorfer Floriansjünger wurden um 5:34 Uhr per Sirenenalarm aus dem Schlaf gerissen, um die Straße zu sperren. In Traunstein war die Straße in Empfing, im Bereich der Sportplätze überflutet. 

Hochwasser in Siegsdorf

Keller zum Teil meterhoch unter Wasser

Beim Auspumpen überfluteter Keller erlebten die Floriansjünger alle Arten von Überschwemmungen und standen an jeder neuen Einsatzstelle vor unterschiedlichen Herausforderungen. Von nur wenigen Zentimetern Wasserhöhe, was sich meist auch ohne Feuerwehr beseitigen ließe, bis hin zu 1,50 Metern oder vollständig, bis zur Decke überfluteten Räumen. Mancherorts waren Heizöltanks gefährdet, sie wurden aufgeschwemmt oder – wie in einem Haus in der Gemeinde Siegsdorf – schlugen Leck und Heizöl lief aus, was ein aufwendiges Binden und Absaugen notwendig machte. 

Auch gab es eine Reihe von Hilferufen, dass Gebäude „absaufen“, Wasser über die Lichtschächte ins Gebäude fließt. Die Feuerwehr richtete Sandsackwälle auf und versuchte so, das Eindringen von Wasser zu verhindern. 

Hochwasserschläuche als Barrieren

In Trostberg trafen die Feuerwehren im Stadtgebiet Vorsorge und füllten die sogenannten Hochwasserschläuche, die als große Barriere zum Schutz vor einer Überschwemmung hochwassergefährdeter Bereiche wie der Pechlerau platziert wurden. 

Die Feuerwehren im Süden des Landkreises, die mit Notrufen förmlich überschwemmt wurden und ihre vielen Einsatzanforderungen nicht selbständig bewältigen konnten, kamen Wehren aus weniger betroffenen Gemeinden zu Hilfe. Wie Kreisbrandrat Grundner berichtete, wurden acht Löschzüge zusammengestellt und zur Unterstützung in den Süden beordert. 

Hochwasser in Siegsdorf

Vom Bereitstellungsraum in Grabenstätt aus wurden sie den verschiedenen Einsatzschwerpunkten zugeordnet. So waren z.B. Feuerwehr-Einheiten aus Engelsberg, Kienberg, Tacherting oder Fridolfing als Unterstützung im Achental und Trauntal im Einsatz. 

Entspannng am Nachmittag

Am Dienstagnachmittag entspannte sich die Lage. So schnell, wie der Wasserstand der Traun anstieg, sank er auch wieder. Der Scheitelpunkt der Hochwasserwelle wurde am Pegel Hochberg mit 2,68 m über Pegelnullpunkt um 9 Uhr erreicht; um 14.30 Uhr lag er mit 1,87 m nur noch knapp über Meldestufe 1. Auch die Tiroler Achen schwächten sich am Nachmittag ab, wenn auch deutlich langsamer. 

Dagegen werden die Feuerwehren an der Alz oder im östlichen Landkreis, zum Beispiel an der Götzinger Ache bei Fridolfing erst am späten Abend auf Entspannung und weniger Einsätze hoffen dürfen. Kreisbrandrat Christof Grundner erwartete beim Gespräch, dass die Feuerwehren auch noch am Mittwoch jede Menge Arbeit haben werden, um alle Notrufe und Hochwasserschäden abarbeiten zu können. Am Ende wird das Regenunwetter seiner Einschätzung nach zu mehr als 700 Einsätzen geführt haben. 

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Der Kreisfeuerwehrchef betonte, dass die Hochwasser-Hilfe ein ausschließlicher Feuerwehr-Einsatz war, und anders als bei der Schneekatastrophe im Januar 2019, keine anderen Hilfs- und Rettungsdienste involviert waren. Dabei dürfe nicht unerwähnt bleiben, dass mehrere Hundert, fast ausschließlich ehrenamtliche Feuerwehr-Kräfte, stundenlang an Pumpen standen, Saugschläuche kuppelten und verlegten sowie Sandsäcke füllten und Barrieren aufbauten. Erfreulich sei, dass es nach ersten Informationen zu keinen Einsatzunfällen kam und keiner der Freiwilligen verletzt wurde.

Rubriklistenbild: © Franz Krammer

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