Heftiger Gegenwind: Traunsteiner Grüne kämpfen um zeitweise autofreie Innenstadt

Eine autofreie Traunsteiner Innenstadt, das stellen sich die Grünen aus dem Stadtrat für die Zeit während der Corona-Pandemie vor, und auch das nur zeitlich beschränkt. Trotzdem stößt ihre Idee auf großen Widerstand, unter anderem bei Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer.
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Eine autofreie Traunsteiner Innenstadt, das stellen sich die Grünen aus dem Stadtrat für die Zeit während der Corona-Pandemie vor, und auch das nur zeitlich beschränkt. Trotzdem stößt ihre Idee auf großen Widerstand, unter anderem bei Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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  • Martin Tofern
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Um Wirten zu helfen, sollen Pkw zeitweise vom Traunsteiner Stadtplatz wegbleiben, das haben die Grünen in einem Antrag formuliert. Dieser wird nun zum Politikum. Vor allem bei Geschäftsinhabern liegen die Nerven blank.

Traunstein – Ein Vorstoß der Traunsteiner Grünen sorgt unter den Gewerbetreibenden und dem Stadtrat für Diskussionsstoff: Eine autofreie Innenstadt soll es in Traunstein geben. Nein, nicht komplett und für immer: Nur abends nach 18 Uhr und am Wochenende soll der Stadtplatz frei von Pkw sein – und auch das zunächst nur während der Corona-Pandemie, so Grünen-Faktionssprecher Wilfied Schott gegenüber der Chiemgau-Zeitung. Ihren Antrag stellten die Grünen jetzt während einer Sitzung der Traunsteiner Werbegemeinschaft vor.

„Antrag wird seit Wochen verschleppt“

Die Idee dahinter: Gerade jetzt würden sich die Stadtplatz-Wirte und Cafébetreiber über mehr freie Schankflächen freuen, damit Sicherheitsabstände gewahrt und trotzdem ausreichend Gäste bewirtet werden können. Warteschlangen vor den Türen der Geschäfte erhöhten ebenso den Platzbedarf. An den Wochenenden stellen sich die Grünen außerdem vor, auch die Schaumburgerstraße und den Taubenmarkt autofrei zu halten.

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Was Schott und seine Fraktionskollegen ärgert: Der Antrag ist nicht neu. „Wir haben ihn im Stadtrat bereits am 20. Mai gestellt – es ist frustrierend, dass er bis dato verschleppt wird“, äußert sich Schott gegenüber unserer Zeitung.

Überhaupt: Schon seit zehn Jahren schlagen Schott zufolge die Traunsteiner Grünen immer wieder vor, die Innenstadt teilweise von Autos zu befreien – nur von Pkw, der Lieferverkehr sei ausgenommen. Und immer wieder stießen sie dabei auf Gegenwind.

Um Umweltaspekte geht es den Grünen zumindest nicht vordergründig: Für spürbare Klima-Auswirkungen sei die Zahl der Pkw am Traunsteiner Stadtplatz vermutlich nicht hoch genug, da müsste es schon auf höherer Ebene Befürworter geben. Aber zumindest Gastronomie und Einzelhandel könnte durch die frei gewordenen Flächen etwas geholfen sein: „Deshalb war es uns auch wichtig, dass der Antrag schnell bearbeitet wird.“

Bei den Grünen ist man sich sicher, dass schon vorab unter den Mitgliedern der Werbegemeinschaft Stimmung gemacht worden sei gegen die Idee.

„Nicht die Zeit für Versuche“

Dort herrscht die Befürchtung vor, dass der Schuss nach hinten losgehen könnte. Deutlich wurde dies in der kontroversen Diskussion, die auf der Sitzung losbrach. Gegner sind beispielsweise die Inhaber eines Nähmaschinen-Fachgeschäfts, eine Boutiquenbesitzerin und eine Brauerei. Oberster Kritiker: Oberbürgermeister Dr. Christian Hümmer (CSU). „Der Antrag der Grünen ist überhastet. Wir dürfen das Pferd nicht von hinten aufzäumen.“. Natürlich könne er sich grundsätzlich vorstellen, „dass wir die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt steigern“, sagte Hümmer der Chiemgau-Zeitung. Aber er plädiere für die richtige Reihenfolge. „Bevor wir in der Innenstadt Parkplätze wegnehmen, müssen wir doch sehen, wo wir die Autos unterbringen – etwa in Parkhäusern. Die Geschäfte in Traunstein machten zwei Drittel ihres Umsatzes mit dem Umland. Dort sei das Auto Fortbewegungsmittel Nummer eins.

Die Mitglieder der Werbegemeinschaft sind sich weitgehend einig, dass bei einem Autoverbot noch weniger Konsumenten in die Innenstadt kommen. Thomas Miller, Vorsitzender der Werbegemeinschaft, findet, der Platz, der durch fehlende Autos frei würde, sei zu gering, um spürbare Effekte bei Wirten auszulösen. Und woanders, etwa in Haslach, würde die Gastronomie gerade deswegen gut laufen, weil dort geparkt werden kann.

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CSU-Fraktionsvorsitzender Konrad Baur, Referent für Infrastruktur und Mobilität, wählt gegenüber unserer Zeitung einen drastischen Vergleich: „Die Traunsteiner Betriebe in der Innenstadt sind keine Versuchskaninchen und Stadtentwicklung ist kein Videospiel, bei dem nach einem ‚Game Over‘ ein neuer Versuch möglich wäre.“ Er warnt vor „Experimenten“ und sähe das Thema lieber zu einem späteren Zeitpunkt „mit Sachverstand diskutiert“.

Kann ein Kompromiss die Sache retten?

Die Grünen verteidigen ihre Idee und betonen, dass in der Diskussion wiederholt außer acht gelassen werde, dass es sich um eine zeitlich begrenzte Aktion handeln soll.

„Da wird vieles aus dem Zusammenhang gerissen“, ärgert sich Sprecher Schott. Vermutlich hoffe man im Stadtrat darauf, dass der Antrag zurückgezogen werde. „Aber das wollen wir nicht. Wir sind eher zu einem Kompromiss bereit.“ Nämlich, die Beschränkung nur von Freitagabend bis Samstagmittag einzuführen. Am Dienstag kommen die Fraktionssprecher zu einer Sitzung zusammen: „Dann kommt das Thema möglicherweise wieder auf den Tisch.“

Insgesamt geht esden Grünen vor allem darum, ein Umdenken zu bewirken, sagt Schott: „Wenn nicht jetzt, wo so vieles zur Debatte steht, wann dann?“

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