Heftige Tritte gegen den Kopf

Traunstein/Rosenheim/Prien - Wegen einer massiven nächtlichen Attacke am 9. September 2012 auf dem Ludwigsplatz in Rosenheim, bei der ein 20-Jähriger schwere Verletzungen davon trug, saßen jetzt zwei 22 und 24 Jahre alte Männer aus Prien auf der Anklagebank vor dem Schwurgericht Traunstein mit Vorsitzendem Richter Erich Fuchs. Dem Jüngeren lag neben gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung zusätzlich versuchter Totschlag zur Last.

Das Opfer konnte wenig zur Aufklärung beitragen. Der 20-Jährige erinnerte sich an einen Faustschlag auf die rechte Kopfseite, dann erst wieder an das Aufwachen im Krankenhaus am nächsten Morgen.

Das Urteil: Wegen gefährlicher Körperverletzung für den 22-Jährigen zwei Jahre Freiheitsstrafe, ausgesetzt auf vier Jahre zur Bewährung, eine Geldstrafe von 30 mal 45 Tagessätzen, gesamt 1350 Euro, für den 24-Jährigen wegen vorsätzlicher Körperverletzung.

Die Priener, beide aus soliden Verhältnissen und ohne Vorstrafen, waren am 8. September 2012 mit dem Zug nach Rosenheim gefahren. Von 15 Uhr bis zum Schluss des Herbstfestes gegen 23 Uhr tranken sie mehrere Mass Bier und Radler. Danach zogen sie durch Lokale.

Als beide "pleite" waren, holten sie Geld aus einem Bankautomaten. Ein 30-jähriger Duisburger, der ebenfalls Geld brauchte, hörte, wie die beiden darüber redeten, jemand "zu schlagen und zu verletzen". Zufallsopfer wurde gegen 2 Uhr morgens der 20-Jährige. Er hatte mit Freunden das Herbstfest besuchen wollen. Weil es für die Wiesn zu spät wurde, entschieden sich die fünf für einen Lokalbummel. Alle hatten, wie die späteren Täter, reichlich Alkohol im Blut.

Alles begann mit einer "Watschen" des 24-jährigen Angeklagten - angeblich "in Notwehr". Der 22-Jährige versetzte dem Bankkaufmann einen Faustschlag gegen den Kopf. Der Geschädigte ging zu Boden. Als der 20-Jährige den Kopf heben wollte, trat der 22-Jährige zu - ins Gesicht des Wehrlosen.

Der 30-jährige Augenzeuge sprach von einem Tritt "wie bei einem Elfmeter mit einem Vollspann". Zwei weitere "stampfende" Tritte gegen den Kopf folgten. Für die Rettung des 20-Jährigen sorgte letztlich der Duisburger, der mit dem Handy winkend rief, die Polizei sei schon unterwegs. Die Priener flüchteten und wurden dank Bankvideo zwei Stunden später noch in Rosenheim festgenommen.

Der 20-Jährige erlitt eine Stirnhöhlen- und Augenhöhlenfraktur, einen Schädelbruch, eine Nasenbeinfraktur, Blutergüsse, Schwellungen und offene Wunden. Nach zwei Tagen im Klinikum Rosenheim stellten Ärzte in München mit einer Operation mittels Titanplatten sein zertrümmertes Gesicht wieder her. Nach zwei Wochen Krankenhaus war er weitere drei Wochen arbeitsunfähig. Schmerzen und Schlaflosigkeit besserten sich inzwischen. Noch heute plagen ihn Taubheitsgefühle.

Der Geschädigte berichtete, er habe Angst, "nachts durch Rosenheim zu gehen". Er vermeide, wieder in eine solche Situation zu kommen. Das noch nie in Raufhändel verwickelte Opfer akzeptierte die Entschuldigung des 22-Jährigen und ging auf den von Nebenklagevertreter Jakob Gerstmeier aus Kolbermoor präsentierten Vergleich mit Schmerzensgeld und Schadensersatz über 20000 Euro ein. Der 22-Jährige legte 4000 Euro sofort in bar auf den Tisch, den Rest stottert er ab. Zukünftige Schäden sind nicht abgegolten.

Dr. Martin Schulz vom Rechtsmedizinischen Institut an der Universität München attestierte beim Opfer eine abstrakte, aber keine akute Lebensgefahr.

Den 22-Jährigen beschrieb der psychiatrische Gutachter, Dr. Cornelis Stadtland aus München, als "untypischen Täter" - ruhig, ausgeglichen und psychiatrisch unauffällig. Der Alkohol zur Tatzeit begründe keine eingeschränkte Schuldfähigkeit.

Der 22-Jährige habe durch die Tritte den Tod des 20-Jährigen "zumindest billigend in Kauf genommen", hob Staatsanwalt Bernd Magiera im Plädoyer auf eine dreieinhalbjährige Freiheitsstrafe wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung heraus. Der 24-Jährige sei freizusprechen.

Das deckte sich mit dem Schlussantrag von Verteidiger Dr. Andreas Michel aus Rosenheim. Opferanwalt Jakob Gerstmeier trat für den 22-Jährigen für eine Strafe mit Bewährung ein - im Interesse seines Mandanten. Verteidiger Peter Dürr aus Rosenheim hob heraus, der 22-Jährige habe keine Tötungsabsicht gehabt. Zwei Jahre mit Bewährung wegen gefährlicher Körperverletzung seien ausreichend.

Der Vorsitzende Richter betonte, der 22-Jährige sei "knapp einer Verurteilung wegen versuchten Totschlags entgangen". Die Angaben des Duisburgers seien glaubhaft. Die Aggressionen seien von dem 22-Jährigen ausgegangen. Der 20-Jährige sei das "passende Opfer" gewesen. Erschreckend sei "die äußerst gefährliche Vorgehensweise, das brutale Zutreten mit heftiger Gewalt und mehreren Tritten". Erich Fuchs dazu: "Wer sich so verhält, muss damit rechnen, dass jemand zu Tode kommt."

Die Kammer habe aber kein Motiv gesehen: "Die Angeklagten wollten raufen, schlagen, verletzen, aber nicht töten. Das Ganze war ein alkoholbedingter Exzess."

Unter den strafschärfenden Aspekten nannte Fuchs die gravierenden Verletzungen des 20-Jährigen - "durch einen unverständlichen, blindwütigen Gewaltausbruch aus Kraftmeierei oder Machogehabe heraus".

Den 24-Jährigen habe die Kammer entgegen den Schlussanträgen auf Freispruch verurteilt - wegen der von ihm selbst eingeräumten Ohrfeige, die nicht von Notwehr gedeckt sei. kd

Kommentare