Der Heckenstreit von Breitbrunn schlägt nicht nur auf Facebook Wellen

Eher abgerissen, als abgeschnitten: Die Buchenhecke macht die Kurve unübersichtlich.Tofern
  • vonMartin Tofern
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Ein Bürger ärgert sich über das radikale Vorgehen der Gemeinde: Die hat seine Hecke kräftig zurückschneiden lassen, damit der Gehweg wieder frei ist. Bürgermeister Anton Baumgartner beruft sich aufs Gesetz und darauf, dass der Bürger alle Zeit der Welt gehabt habe, den Wildwuchs selbst zu stutzen.

Breitbrunn – Die Hecke ist klein, doch die Aufregung ziemlich groß. „Wenn ich so eine Arbeit gemacht hätte, dann würde ich keinen Pfennig dafür kriegen“, schimpft Lucas Sommer auf Facebook. In einem selbst gefilmten Handy-Video spricht Sommer auf die Bilder seiner zerrupften Hecke und fragt seine Facebook-Kontakte, ob sie glauben, „dass das eine fachgerechte Ausführung ist oder ob man sich einfach auf einen Mulcher draufsetzt und das einfach so macht.“ In einigen Reaktionen auf das Video erklären Facebook-Nutzer, Sommer hätte die Hecke doch nur selbst rechtzeitig zurückschneiden sollen, dann wäre es nicht so weit gekommen.

„Das kam nicht Knall auf Fall“

Genau das ist auch das Argument vom Breitbrunner Bürgermeister Anton Baumgartner (parteifrei): „Herr Sommer hätte reichlich Zeit gehabt, den Heckenschnitt zu erledigen. Das kam nicht von Knall auf Fall.“ Der Fall sei auch nichts Ungewöhnliches, Herr Sommer sei nicht der Erste gewesen, der seine Hecke nicht in Ordnung hält. Dass die Gemeinde sich überhaupt in die Gartengestaltung eines Bürgers einmischt, hat nichts mit Spießertum zu tun, sondern mit den Anforderungen des Bayerischen Straßen- und Wegegesetzes und der Lage des Grundstücks. Es liegt an einer Kreuzung, der Bürgersteig ist sehr schmal. Wenn eine wuchernde Hecke den Bürgersteig zu stark verengt, dann sind Fußgänger etwa mit einem Kinderwagen oder Rollator dazu gezwungen, auf der Straße zu gehen. Das kann sehr gefährlich werden, denn abbiegende Autofahrer sehen den Fußgänger erst sehr spät, möglicherweise zu spät.

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Die Gemeinde Breitbrunn hat nach Darstellung von Baumgartner darauf gesetzt, dass Sommer selbst tätig wird. „Wir haben Herrn Sommer im November 2019 zum ersten Mal angeschrieben und ihn aufgefordert, die Hecke zurückzuschneiden“, sagt er. Mitte Dezember habe die Gemeinde ein Erinnerungsschreiben geschickt. Im Januar 2020 habe Thomas Wagner, der Geschäftsleiter der Gemeinde, Lucas Sommer persönlich angesprochen, als er ihn zufällig getroffen habe.

Eigentümer beruft sich auf Vogelschutz

Am 5. Mai bekam Sommer erneut die Aufforderung, die Hecke zurückzuschneiden. Knapp 14 Tage später antwortete er, er könne die Hecke wegen darin nistender Vögel nicht schneiden. In seinem Video erklärt Sommer, er habe allerdings einen „Formschnitt unter Berücksichtigung des Vogelschutzes“ durchgeführt. Das war für die Gemeinde nicht ausreichend. Sommer bekam einen weiteren Brief, worin ihm die Gemeinde eine Frist setzte, verbunden mit dem Hinweis, dass bei Nichtbeachtung „die Verkehrssicherheit im Auftrag der Gemeinde wiederhergestellt wird.“ Die Kosten müsse dann der Grundstücksbesitzer übernehmen.

Wegen des Vogelschutzes hatte der Bürgermeister sogar Kontakt mit Naturschützern in Rosenheim aufgenommen. Und die Mitarbeiter des Bauhofes, der er schließlich Ende Mai damit beauftragte, der Hecke zu Leibe zu rücken, hätten nachgesehen und bemerkt, dass das Vogelnest in der Hecke nicht mehr bewohnt ist. Baumgartner bedauert, dass die Arbeit nicht so ganz fachgerecht ausgeführt worden ist, wendet aber ein, dass er im Bauhof unter den Mitarbeitern keinen gelernten Gärtner habe. Außerdem sagt er: „Wenn ich das in einem halben Jahr nicht schaffe, dann darf ich mich nicht wundern, wenn die Gemeinde das übernimmt.“

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Grundstücksbesitzer Lucas Sommer beteuert auf Facebook, dass er nicht die Tatsache kritisiert, dass die Gemeinde die Hecke geschnitten hat. Vielmehr gehe es ihm um die Art und Weise. Dem hält Baumgartner entgegen, dass „die meisten Bürger ihre Bäume, Sträucher und Hecken selbst zurückschneiden.“ Wenige bräuchten eine schriftliche Aufforderung und erledigten es dann. „Wir schreiben die Bürger ja erst dann an, wenn die Bepflanzung in den öffentlichen Bereich hineinragt.“ Auf fünf Zentimeter komme es der Gemeinde dabei nicht an, beteuert Baumgartner.

Lucas Sommer wiederum betont im Gespräch mit der Chiemgau-Zeiung, dass er seine Hecke Anfang Mai so weit zurückgeschnitten habe wie der Nachbar auch. Damit habe er auch dem Vogelschutz genüge getan. Im Oktober hätte er das Grün dann bis auf die Grundstücksgrenze zurückgestutzt. Er habe sich auch mit den beiden betreffenden Bauhofmitarbeitern unterhalten. Sie hätten erklärt, dass sie ihren Vorgesetzten ausdrücklich gefragt hätten, ob man die Hecke nicht besser mit einer entsprechenden Schere stutzen sollte, doch der habe darauf bestanden, dass sie den Mulcher nehmen.

Gutachten bescheinigt unsachgemäße Arbeit

„Das Haus ist seit 60 Jahren im Besitz meiner Familie und seit 60 Jahren existiert diese Hecke, da hat es noch nie Probleme gegeben“, erklärt Sommer. Die meisten Bürger gingen aus Gewohnheit auf der Straße und nicht auf dem Bürgersteig. Sommer hat inzwischen bei der Baumsachverständigen Dr. Karla Melka-Müller aus Großkarolinenfeld ein Gutachten in Auftrag gegeben. Das sei zu dem Ergebnis gekommen, dass die Gemeinde die Arbeit nicht fachgerecht durchgeführt, den Artenschutz nicht beachtet und an einigen Stellen zu weit ins Privatgrundstück hineingeschnitten habe, erklärt Sommer. Er fühle sich bestätigt. „Aber ich möchte keinen Rechtsstreit haben“, betont er. Da bleibt nur die Hoffnung, dass sich die Hecke wieder erholt.

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