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Häusliche Pflege geht an die Grenze

Prien - Vier Millionen Menschen in Deutschland werden von Angehörigen gepflegt. Würden sie es nicht tun, wären zusätzliche 3,2 Millionen Vollzeit-Pflegekräfte notwendig, hat der Sozialverband VdK ausgerechnet.

Die Pflege eines Angehörigen in den eigenen vier Wänden geht oft an die Grenze der Belastbarkeit und nicht selten darüber hinaus. Rosemarie Mosler, die seit über sieben Jahren ihre Mutter pflegt, schilderte beim VdK-Stammtisch ihren Alltag.

Abendliche Spaziergänge macht Rosemarie Mosler nicht mehr, damit ihr im Dunkeln nichts passiert. Die Tochter musste auf die Auslandsreise zum Schüleraustausch verzichten, weil für einen Austauschschüler im Haus mit der gepflegten Mutter kein Platz wäre und in Urlaub fährt Mosler seit Jahren grundsätzlich ohne Buchung - im Wohnwagen und quasi auf Abruf, falls daheim etwas passiert und sie kurzfristig zurück muss.

Das sind nur drei Beispiele für Einschränkungen, die die 54-Jährige, ihr Mann und die Kinder (23 und 19 Jahre, beide leben noch bei den Eltern) in Kauf nehmen müssen. "Ohne die Familie würde es nicht funktionieren", sagt die stellvertretende Vorsitzende des VdK-Ortsverbands Traunstein im Nebenraum des Gasthauses "Alpenblick" mehrmals.

Bis 2005 lebte ihre Mutter in ihrer Siegsdorfer Eigentumswohnung. Nach einem Oberschenkelhalsbruch traten Komplikationen und ähnliche Symptome wie bei einem Schlaganfall auf. Seitdem ist die heute 93-Jährige fast vollständig gelähmt. Moslers Mutter hört und sieht kaum noch etwas, auch das Sprechen fällt schwer, Unterhaltungen sind fast nicht mehr möglich. Seit zweieinhalb Jahren ist die alte Dame in Pflegestufe drei, der höchsten.

Das bedeutet unter anderem: Familie Mosler bekommt 700 Euro Pflegegeld monatlich. Wäre die Seniorin im Heim, stünde ihr mehr als das Doppelte zu: 1510 Euro. Es bedeutet auch: Wenn das Ehepaar Mosler einmal im Jahr Urlaub macht, sind zusätzlich 110 Euro pro Tag für die Kurzzeitpflege in einem Heim fällig. Die Pflege der Zukunft "wird nicht zu finanzieren sein", da ist sich Rosemarie Mosler sicher. Denn die heutige und künftige Generationen verfügen über weniger Geld als frühere. "Die Ersparnisse gehen sehr schnell drauf", kann die Schatzmeisterin des VdK Traunstein ein Lied von den hohen Pflegekosten singen.

Aber über die finanzielle Seite verliert sie gar nicht viele Worte. Den Zuhörern vor allem die psychische Belastung dieser Aufgabe zu schildern, nimmt sie sich viel mehr Zeit. Jeden Tag stemmt sie ihre Mutter (50 Kilo) aus dem Bett in den Rollstuhl und bringt sie an die frische Luft. "Sie möchte am Leben teilnehmen", weiß die Tochter und erfüllt diesen Wunsch, wo immer es geht.

Rosemarie Mosler ist ein Einzelkind. Die Frage, ob eine Schwester oder ein Bruder sich um die Mutter kümmern kann, hat sich nicht gestellt. Die 93-Jährige selbst hat Geschwister - und spricht ihre Tochter oft mit Namen ihrer Schwestern an. "Das ist auch nicht immer einfach." Oft liegt sie abends im Bett, lässt den Tag Revue passieren und zweifelt die ein oder andere Entscheidung, die zu treffen war, im Nachhinein an.

Die Pflege der Mutter bestimmt Tag und Nacht, denn für die 93-Jährige gibt es diese zeitlichen Unterschiede nicht. "Es geht an die Grenzen, ich bin ja auch nur ein Mensch", bekennt die 54-Jährige freimütig.

Trotzdem lässt sie keinen Zweifel, dass sie wieder so handeln würde, müsste sie die Entscheidung "Daheim oder Heim" noch einmal treffen. "Man macht viele Erfahrungen, die man nicht machen würde, wenn sie im Heim wäre." Deshalb empfiehlt sie auch allen, den Partner selbst zu pflegen, sollte es einmal nötig werden.

Wie nervenaufreibend auch gesetzliche und bürokratische Hürden in der Pflege sein können, schildert Mosler drastisch an einem Beispiel aus eigener Erfahrung. Als sie, mit einer Vollmacht ausgestattet, ihre Mutter zur Kurzzeitpflege in ein Heim brachte und an deren Bett ein Gitter angebracht haben wollte, damit die alte Dame nicht herausfällt, waren sich Heim- und Pflegedienstleitung nicht einig, ob dies nun als "freiheitsentziehende Maßnahme" zu bewerten ist und ein richterlicher Beschluss notwendig wäre.

Ein andermal, als sie mit Mann und Wohnwagen gerade tief in schwedischen Wäldern steckte, rief das Kurzzeitpflegeheim an, weil die Windeln ausgegangen waren - keine herkömmlichen, sondern solche, die es nur auf Rezept und Bestellung bei einer Spezialfirma gibt. Mosler hatte mehr als genug Windeln im Heim deponiert, aber das Pflegepersonal diese Packungen auch für die Zimmernachbarin ihrer Mutter benutzt.

Über Zwischenfälle zu Hause berichtet Rosemarie Mosler nicht. Dort hat sie alles selbst in der Hand und im Griff. "Mir redet niemand drein, ich muss es nur mit meinem Gewissen vereinbaren."

Wie sehr sie die Pflege ihrer Mutter fordert, daraus macht die 54-Jährige kein Hehl. "Man zieht sich aus dem Bekanntenkreis immer mehr zurück" und "Man hat weniger Nerven für die Kinder", nennt die Traunsteinerin zwei weitere Nebeneffekte. Und trotzdem: "Es ist richtig."

Dirk Breitfuß/Chiemgau-Zeitung

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