Der furchtbare Tod des Leibarztes Lotzbeck

Wahre Gruselgeschichte aus dem Jahr 1907: Lebendig begraben in Bergener Gruft

Vor dem Leichenhaus liegt die Gruft. Es heißt, dass das Kreuz auf dem Deckel nicht betreten werden darf, weil das eine Sünde sei.
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Vor dem Leichenhaus liegt die Gruft. Es heißt, dass das Kreuz auf dem Deckel nicht betreten werden darf, weil das eine Sünde sei.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Lebendig begraben zu werden, das war jahrzehntelang der Alptraum vieler Menschen in Bergen. Dahinter versteckt sich die furchtbare Geschichte des Leibarztes von Herzog Maximilian. Der Mann wurde für tot erklärt und in der Gruft in Bergen beigesetzt – lebendig.

Bergen – An Allerheiligen ist der Friedhof für viele Menschen ein Ort der Erinnerung und des Friedens. Andere gruselt es allein bei dem Gedanken an Gräber. Auch im Chiemgau sind schauerliche Geschichten rund um die Grabstätten bekannt. In Bergen hatten alte Menschen jahrzehntelang Angst, scheintot begraben zu werden. Das erzählt eine Besucherin am Friedhof: „Meine Oma hatte panische Angst davor und immer wieder darüber gesprochen.“

Ausgerechnet der Leibarzt von Herzog Maximilian

Der ehemalige Ortsheimatpfleger Sigmund Gehmacher, erst heuer verstorben, wusste, wo diese Angst gerade in Bergen ihren Ursprung hat und hat das in der Gemeindechronik festgehalten. Eine wahre Gruselgeschichte.

Um die Wende vom 19. auf das 20 Jahrhundert, in der Zeit, in der Bergen glaubte, ein Moorbad zu werden, machten sich viele Prominente, vor allem Ärzte in Bergen sesshaft, berichtet er. „Andere hohe Persönlichkeiten verbrachten bei uns ihren Urlaub.“ So zum Beispiel Dr. Karl Ritter von Lotzbeck und seine Gattin Anna. Er war unter anderem auch Leibarzt des Herzogs Maximilian in Bayern.

Leichnam des Ehemannes soll umgebettet werden

Die Eheleute Lotzbeck haben jahrelang ihren Sommerurlaub im Zuhaus der Familie Georg Lichtmannegger (Wanger) in Bergen Stocka verbracht. Weil es ihnen in Bergen so gut gefiel, beschlossen sie, im Friedhof von Bergen zur letzten Ruhe gelegt zu werden.

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Sie kauften sich zu Lebzeiten in die Volkamerische Gruft ein. Die Gruft ist zwischen der Pfarrkirche St. Aegidius und dem Leichenhaus, westlich vom Missionskreuz. Sie ist mit zwei Steinplatten mit einem eingemeißelten Kreuz abgedeckt.

Am 19. Januar 1907 verstarb von Lotzbeck in München. Er wurde seinem Wunsch entsprechend in der Gruft zur letzten Ruhe gelegt. Die Ehefrau Anna ist am 16. April 1917 gestorben. Sie legte notariell fest, dass sie, falls sie während des Ersten Weltkrieges sterben sollte, im Friedhof von Rottach-Egern beerdigt werden soll und dass ihr Ehemann umgebettet werden muss, damit er an ihrer Seite seine letzte Ruhe findet. Da die Umstände eintrafen, wurde sie in Rottach-Egern beerdigt.

Die Grabstätte in der Gruft war leer

In Erfüllung des Vermächtnisses von Anna von Lotzbeck, wurde die Gruft in Bergen geöffnet. Man hob die Steinplatten ab und stieg mit einer Leiter in die Gruft ein, um die sterblichen Überreste von Dr. Karl Ritter von Lotzbeck nach Rottach-Egern zu überführen. Die Gruft aber war leer!

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Zum Entsetzen aller wurden die Gebeine Lotzbecks in einer Ecke liegend gefunden. Er hatte vermutlich versucht, sich aus der Gruft zu befreien. Es bestand kein Zweifel, dass er zum Zeitpunkt der Beisetzung nur scheintot war und lebendig in die Gruft gelegt wurde. Wie ein Lauffeuer machte sich die Nachricht über das unglaubliche Geschehen in der Region breit.

Freund und Dorfarzt stellt fälschlicherweise den Tod fest

In den Wirtsstuben und auf der Straße in Bergen gab es nur dieses eine Thema. Laut Überlieferung wurde Dr. Lotzbeck nach Rottach-Egern überführt und an der Seite seiner Frau begraben.

Allerdings wurde der Fall Dr. Lotzbeck schnell totgeschwiegen. Vermutlich, weil sein Freund und Leibarzt Dr. Hans von Volkamer seinen Tod festgestellt hatte. Von Volkamer war über Jahrzehnte Dorfarzt in Bergen und als solcher auch bekannt und geschätzt. Übrigens war er 1949 der Letzte, der in die Gruft gelegt wurde.

Viele Bergener ließen sich feuerbestatten

„Zu erwähnen ist, dass meine Mutter Zeit- und Augenzeugin war“, schrieb Ortsheimatpfleger Gehmacher. „Sie war damals 15 Jahre alt und im Gasthof zur Post aufgewachsen und bei der Öffnung der Gruft dabei. „Sie erlitt den Schock fürs Leben.“ Immer wieder sei sie auf das, was sie erlebt hatte, zurückgekommen und bat ihre sieben Kinder: „Kinder, es muaßts ma vasprecha, dass mi, wenn i amoi stirb, verbrenna laßts. Ned dass ma geht wia an Lotzbeck, dens lebendig in de Gruft eineglegt ham.“

Mythos um das Kreuz auf dem Deckel

Im Sterbebuch der Pfarrei St. Aegidius in Bergen von 1907 und 1917 fand man keinen Eintrag. Vermutlich, weil Lotzbeck in München gestorben ist und evangelisch war.

„Als Kinder sagte man uns, dass man das Kreuz auf dem Deckel nicht betreten darf, und dass das eine Sünde sei“, hielt Gehmacher fest. Die Epitaphe, das heißt die Gedenktafel, hängt im Glockenhaus links an der Wand.

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