Große Probleme mit Grenzöffnungen in Reit im Winkl – Übergang Schleching bleibt dicht

Ein ungewohntes Bild:Die Grenze zu Österreich ist in Reit im Winkl jetzt für viele ein großes Problem, denn sie ist nur zu bestimmten Zeiten passierbar. Auf dem Bild fehlen die Grenzbeamten, die sich im Hintergrund hielten. Siemers

Der Grenzübergang Schleching bleibt weiter gesperrt. Die Öffnungszeiten am Übergang von Reit nach Österreich werden gelockert. Eine große Erleichterung vor allem für viele Pendler, die mit den bisherigen Möglichkeiten über die Grenze zu kommen, erhebliche Probleme hatten.

Von Claudia Siemers

Reit im Winkl/Schleching – Die gute Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer in Reit im Winkl: Die Zeiten für den Grenzübertritt werden ab sofort genau um vier Stunden erweitert. Eine große Erleichterung vor allem für viele Pendler, die mit den bisherigen Möglichkeiten über die Grenze zu kommen, erhebliche Probleme hatten und viele Einschränkungen in Kauf nehmen mussten.

Berechtigungspapier ermöglicht Passage

Seit Dienstag dürfen Pendler und Reisende mit einem speziellen Berechtigungsschreiben die Grenzen passieren – zwischen 5 und 9 Uhr morgens und zwischen 17 und 21 Uhr abends. Bisher galten die Zeiten 5 bis 7 Uhr und 18 bis 20 Uhr. Gerhard Trattler aus Reit im Winkl, Inhaber von fünf Geschäften und stellvertretender Vorsitzender des Wirtschaftsverbandes Reit im Winkl, strahlt über das ganze Gesicht. „Endlich haben sich die intensiven Bemühungen gelohnt.“

Probleme für Firmen im Grenzbereich

Auch Heinz Ritzer, Geschäftsführer der Firma Halton, die mit 170 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber in Reit im Winkl ist und hochtechnisierte Lüftungsdecken herstellt, machte zusammen mit seinen Mitarbeitern einen Luftsprung, als er die Neuigkeit erfuhr. 50 seiner Mitarbeiter wohnen im Tiroler Grenzgebiet und 25 pendeln täglich über die Grenze. „Für sie waren die Öffnungszeiten sehr schwierig, denn oft mussten sie sich 11 Stunden in der Firma aufhalten, bis sie wieder nach Hause kamen.“ Auch private Notsituationen, die eine schnelle Rückkehr des Mitarbeiters nach Hause erfordert hätten, waren nur schwer zu realisieren. „Dann musste ein Riesenumweg in Kauf genommen werden – über Oberaudorf, Rosenheim und Bernau – das bedeutete für manche etwa 90 Kilometer mehr zu fahren und über eine Stunde länger unterwegs sein.“ Er habe Angst und Unsicherheit bei seinen Mitarbeitern gespürt.

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Vielen habe er es als Chef frei gestellt, ob sie in die Firma kommen. Trotz aller Probleme ist Heinz Ritzer voll des Lobes über seine Mitarbeiter. „Sie waren wie die mutigen Gallier Asterix und Obelix und haben hoch motiviert versucht, mit den neuen Umständen so gut wie möglich umzugehen. Die längeren Grenzöffnungszeiten bedeuten jetzt für alle mehr Lebensqualität.“ Während für Halton die Geschäfte trotz aller Beschränkungen gut laufen, müssen die Einzelhandelsgeschäfte der Firma Trattler in Reit im Winklschwere Umsatzeinbußen durch die staatlich angeordneten Schließungen und den komplett eingestellten Tourismus hinnehmen.

Aufgrund der Krise wurde von uns die Erweiterung des Sportgeschäftes „Intersport Skihütte“ um ein Jahr verschoben. Gott sei Dank haben wir stets solide gearbeitet. Deshalb mussten wir keinen Mitarbeiter entlassen oder eine Filiale aufgeben“, so Gerhard Trattler.

Schließung kam überraschend

Richtig schwierig war die Situation, als am 23. März ohne Vorankündigung die Grenze in Reit im Winkl plötzlich ganz gesperrt war. Stefan Buchauer aus Walchsee, der seit 19 Jahren als Schweißer bei Halton arbeitet, stand damals in den Morgenstunden ratlos an den Absperrungen. „Nachdem ich meinen Chef angerufen hatte, fuhr ich wieder nach Hause.“ Halton-Geschäftsführer Heinz Ritzer telefonierte damals stundenlang mit verschiedenen Behörden und Polizei. „Erst dachte ich, die Absperrungen hat ein Verrückter als Scherz aufgestellt, weil es keine Informationen gab, wer sie veranlasst hatte. Ich war schon so weit, sie einfach weg zu räumen.“

Eine Woche lang dauerte die Komplettsperrung. Heinz Ritzer ließ am ersten Tag das Auto auf österreichischer Seite stehen und marschierte zu Fuß in die Firma. Erst durch die Unterstützung der Bezirkshauptmannschaft Kitzbühel wurden die Grenzen zu bestimmten Zeiten für Pendler geöffnet. Auch der Traunsteiner Landtagsabgeordneten Klaus Steiner setzte sich in vielen Gesprächen mit den zuständigen Ministern mit Nachdruck für eine Lockerung ein. Eindringlich warnte der Politiker vor einer schnellen Aufhebung aller Corona-Regeln. „Wir sind noch nicht über den Berg und sollte eine zweite Corona-Welle kommen würden wir sie nicht so überstehen wie die erste. Dann könnte im schlimmsten Fall eine komplette Schließung der Wirtschaft drohen.“

Berufspendler trifft es besonders hart

Auch Stefan Buchauer freut sich über die Lockerungen an der Grenze. Seine Arbeitszeiten werden sich jetzt ein wenig normalisieren. „Bisher verließ ich frühmorgens das Haus und kehrte gegen 18.30 Uhr abends zurück. Da war dann nicht viel Zeit für die Kinder oder Erledigungen zu machen.“ Gerne hätte er auch seine Frau mehr unterstützt, die selbst im Home Office arbeitet und nebenbei zwei Kinder betreut, die jetzt weder zur Schule noch in den Kindergarten gehen können. Jetzt hat er wenigstens eine Stunde mehr Zeit für die Familie…

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Anders ist die Situation in Schleching. Hier wurde die Grenze – ebenfalls ohne Vorankündigung – zeitgleich geschlossen und das gilt bis heute. Bürgermeister Sepp Loferer beschreibt die Situation: „Pendler, Besucher und Kunden müssen über Reit im Winkl oder machen eben den Riesenumweg, um über die Grenze nach Österreich zu kommen.“ Direkt betroffen ist seine Mitarbeiterin Johanna Detsch aus Kössen.

Die Verwaltungsangestellte, die im Vorzimmer des Bürgermeisters arbeitet, bleibt bestimmte Tage ganz zu Hause, um Einkäufe und Erledigungen zu machen und arbeitet dafür an anderen Tagen im Schlechinger Rathaus länger. Auch sie hofft auf eine baldige Lockerung der Grenzöffnungszeiten, um wieder den normalen Rhythmus zu haben.

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