Themenabend über Kultur und Literatur des Nachbarlandes in Grassauer Bücherei

Wie "Gott in Frankreich" gefühlt

Marc Bouvet stellte französische Literatur in der Grassauer Bücherei vor (links). Marie-Thérese Jawurek gab Auskunft über französische Gewohnheiten und dies in perfektem Deutsch mit französischen Akzent. Foto Eder
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Marc Bouvet stellte französische Literatur in der Grassauer Bücherei vor (links). Marie-Thérese Jawurek gab Auskunft über französische Gewohnheiten und dies in perfektem Deutsch mit französischen Akzent. Foto Eder

Grassau - Wie "Gott in Frankreich", so durften sich die vielen Gäste in der Grassauer Bücherei fühlen, die sich für die Lebensart und Literatur der Franzosen interessierten. Diese Lebensart konnte Marie-Therèse Jawurek beim Themenabend im Rahmen der Reihe Länder und Literatur eindrucksvoll vermitteln. Die Literatur von Moliére bis Emmanuel Carrère stellte Marc Bouvet, Regisseur und Theaterkenner, emotionsgeladen vor.

"Der Franzose ist stolz auf seine schöne Sprache", betonte die gebürtige Französin und in Rottau lebende Marie-Therése Jawurek. Nach ihrem Sprachstudium war sie nach München gekommen und hatte sich von ihrem ersten Lohn ein Dirndl gekauft. In diesem Dirndl habe sie ihren Mann auf dem Oktoberfest kennengelernt. Diese Investition habe sich gelohnt, denn bereits nach einem halben Jahr wurde geheiratet.

In Frankreich werde einiges unternommen, um Französisch vor Anglizismen zu schützen. Dass der Franzose keine anderen Sprache spreche und schon gar nicht Deutsch, konnte sie anhand des Premierministers, einem pensionierten Deutschlehrer, widerlegen. Sie persönlich kenne viele Franzosen, "die sehr gut Deutsch sprechen".

Zur Lebensart der Franzosen gehöre die besondere Beziehung zum Essen, erklärte sie. Die Gastronomie gelte als Wissenschaft und als Kunst. Zu den Gewohnheiten gehöre ein spärliches Frühstück, ein Schüsselchen Café au lait mit getunktem Brot. Auch das Mittagessen ist leicht und nicht zu üppig. Erst abends wird dann aufgetischt. Wenn die Familie zuhause ist, dann wird gekocht und gespeist und das zu relativ später Stunde.

Zum Brauchtum erklärte sie unter anderem, dass im Jahreslauf Silvester ähnlich gefeiert werde wie hierzulande, allerdings gebe es ein Mitternachtsessen und es werde mehr Geld für Speis und Trank als für Böller ausgegeben. Der Nationalfeiertag sei der 14. Juli und begründe sich aus der französischen Revolution mit dem Sturm auf die Bastille 1789. Mit einem Feuerwerk und Tanz werde der Feiertag begangen.

An "Noel", Weihnachten, steht ebenfalls ein Christbaum im Zentrum und auch hier werde um Mitternacht mit einem Truthahn oder einer Gans das Fest zum kulinarischen Höhepunkt.

Aktuell ging sie auf den Jahrestag der "deutsch-französischen Freundschaft", besiegelt mit dem Freundschaftsvertrag am 22. Januar 1963 im Pariser Elysee Palast von Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, ein. Den Frieden verdanke man Bürgern auf beiden Seiten, die sich dafür engagierten. Ihr Vater sei Mitglied des Widerstands gewesen und habe das Konzentrationslager Dachau überlebt, aber tiefe psychische und physische Wunden davon getragen. Seinen Kindern habe er den Auftrag gegeben, Frieden zu schließen.

Die deutsch-französischen Beziehungen haben aber auch in Grassau eine lange Tradition. So bestehe die Freundschaft zu Rognonas in Südfrankreich bereits seit über 35 Jahren und erlebe derzeit einen neuen Aufschwung. Sie erinnerte an den Besuch der Franzosen beim Gaufest 2010 und an den Gegenbesuch des Grassauer Trachtenvereins im vergangenen Jahr. Besonders erfreulich sei die Reaktivierung des Schüleraustauschs, der nun von Seiten der Realschule forciert werde. "Die Jugend ist unsere Zukunft und nur vor Ort lernt man eine Sprache richtig zu sprechen". Sie habe es nie bereut, in Bayern geblieben zu sein und selbst nach einem Besuch in Frankreich freue sie sich auf Rottau, auf ihr Zuhause, sagte Marie-Therèse Jawurek.

Die französische Literatur liegt dem Regisseur und Theaterexperten Marc Bouvet am Herzen. Er informierte über Moliére, dessen Name ein Künstlername sei und nicht nur in Frankreich gelesen und gespielt werde. Seine Protagonisten spiegeln die Bürgerschaft und deren Verhältnis zu den Edelleuten der damaligen Zeit wider. Auch nannte er Denis Diderot, einen Aufklärer, der bis 1784 in Paris lebte und neben einigen Dramen auch die Enzyklopädie verfasste. Ein wichtiger Vertreter französischer Literatur ist Viktor Hugo (1802-1885), der unter anderem "Der Glöckner von Notre Dame" verfasste. Politisch habe, so Bouvet, Hugo mehrfach seine Idee eines geeinten starken Europas beschrieben. Es folgte die Vorstellung des Nobelpreisträgers Albert Camus (1913-1960) sowie Louis-Ferdinand Céline (1894-1961) und schließlich als jungen Vertreter den 55-jährigen Emmanuel Carrére.

Nach den interessanten Einblicken, die Bouvet mit starkem Ausdruck wie auf einer Bühne zum Besten gab, durften sich die Gäste auch kulinarisch ein Bild von Frankreich am Buffet machen. Hier lockten kleine Köstlichkeiten, gereicht von den Büchereidamen, die den informativen und unterhaltsamen Abend in freundschaftlicher Atmosphäre perfekt abrundeten. tb

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