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Ein Buch von Wolfgang Hardtwig

„Gold-Rosi“ und für eine Hellwig-Schwester geschwärmt: Heimatliebe für Reit im Winkl

Wolfgang Hardtwig bei der Buchvorstellung im Oktober mit Moderator Hanns Ostermaier.
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Wolfgang Hardtwig bei der Buchvorstellung mit Moderator Hanns Ostermaier.
  • VonJosef Hauser
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Kürzlich erschien das neue Buch des emeritierten Geschichtsprofessors Wolfgang Hardtwig „Der Hof in den Bergen.“ Ein Interview über Heimatliebe.

Reit im Winkl – Im Oktober erschien das neue Buch des emeritierten Geschichtsprofessors Wolfgang Hardtwig „Der Hof in den Bergen. Eine Kindheit und Jugend nach 1945“. Eine Lesung in Reit im Winkl war kurz danach gut besucht – viele alte Weggefährten kamen zusammen und sprachen über ihre Erinnerungen. Doch was bewog den Experten für Neuere Geschichte dazu, diese sehr persönlichen Erinnerungen an seine alte Heimat Reit im Winkl und die Jahre in Marquartstein aufzuschreiben? Unser freie Mitarbeiter Sepp Hauser im Interview mit dem Autor:

Was hat Sie bewogen, dieses Buch zu schreiben?

Da gibt es mehrere Motive, im Alter kommen Erinnerungen an die Kindheit und Jugend hoch, sehr intensiv, schließlich hat man da die Welt um sich herum kennengelernt und seine ersten Erfahrungen gemacht. Aus heutiger Sicht ist manches aus den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg so fremd geworden, dass man seine Erinnerungen daran aufschreiben sollte, schon, damit dieses Wissen nicht verloren geht. Manches aus dem eigenen Leben ist auch allgemeinmenschlich interessant, zum Beispiel das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, das Erlebnis der Schule, wie man Freunde (und Feinde) gewinnt, wie die Welt „draußen“, außerhalb der eigenen Familie, auf einen einwirkt.

Was scheint Ihnen an Reit im Winkl besonders erinnerungswert?

Wie festgefügt die dörfliche Welt damals noch gewesen ist – und wie doch aus verschiedenen Gründen heftige Bewegung hineinkam. Es gab eine klare soziale Schichtung, die Arbeit war meist noch schwere Handarbeit, auf den Höfen, in den Werkstätten der Handwerker, in den Sägewerken, bei der Forstarbeit. Der Aufschwung des Fremdenverkehrs hat dann vieles verändert – er wurde zum Haupterwerbszweig, man lernte Menschen von „draußen“ kennen, die Dienstleistungsarbeit und der Handel erlebten einen mächtigen Aufschwung, ganz allgemein wurde die Arbeit körperlich leichter. Für viele gab es erstmals so etwas wie einen freien Tag oder gar „Urlaub“.

Sie haben selbst in den Schulferien beim Forst gearbeitet?

Ich habe mir, wie einige meiner Schulkameraden, in den Ferien ein wenig Geld verdient – beim Taschengeld wurde ich zu Hause sehr knappgehalten. Für uns war das schon anstrengend, das Steigputzen, gelegentlich auch Arbeiten beim Straßenbau, auch die weiten Wege, die man zum Arbeitsplatz oben in den Bergen erst einmal zurücklegen musste. Manchmal machte uns auch schlechtes Wetter zu schaffen. Aber die Tätigkeit in den Bergen, die Kameradschaft, die da auch entstehen konnte, das Gefühl einer wohltuenden Erschöpfung, aber auch Zufriedenheit, das nach einem solchen lagen Tag entstehen konnte, haben mir gutgetan. Und dass ich bei den Hilfsarbeitern, mit denen wir unterwegs waren, einfache, aber immer auf ihre Weise interessante Menschen kennenlernte, wie ich ihnen in meinem späteren Berufsleben dann nicht mehr begegnet bin. Bis heute vertrage ich es nicht, wenn Städter mit ihrem Hochmut auf das „Land“ und das bäuerliche Leben herabblicken.

Der Boahof der Familie im Oktober 2022.

Ich bin in Reit im Winkl geboren und habe mich immer als gebürtiger Reit im Winkler empfunden. Wenn ich im späteren Leben nach meiner Herkunft gefragt wurde, habe ich Reit im Winkl genannt und war überrascht und erfreut, wie viele Leute den Ort kannten und schätzten – teils, weil sie im Urlaub dort gewesen waren, teils weil sie von ihm gehört hatten. Fast alle nannten den Namen Rosi Mittermaier, die „Goldrosi“, und viele auch die Hellwigs, Maria und Margot. Für Margot, die drei Jahre älter war, und mit meiner Schwester in die Schule ging, habe ich damals ein wenig geschwärmt. Ich kann durchaus sagen, dass ich von der Bekanntheit dieser drei Frauen profitiert habe.

Einerseits ja! Auch, weil der Boahof so weit weg vom Dorfzentrum lag und ich mit den meisten Gleichaltrigen anfangs nur in der Schule in Kontakt kam, bis ich alt genug war, trotz des weiten Weges zum Fußballplatz mit dem Fahrrad hinunterzufahren. Am bäuerlichen Leben auf dem Hof habe ich aber von Anfang an ganz selbstverständlich teilgenommen. Ich war mittendrin in diesem Leben, aber so richtig dazugehört habe ich nicht. Aber das hatte gerade jetzt für das Schreiben des Buches auch Vorteile. Ich hatte einen gewissen Abstand und sah alles mit etwas anderem Blick als die „richtigen“ Einheimischen. Dadurch war ich auch gezwungen, scharf zu beobachten und mich bewusst auf meine Umwelt einzustellen. Natürlich gab es auch die Kämpfe, um mich in der sozialen Hierarchie der Kinder und Jugendlichen zu behaupten. Aber diese Kämpfe musste jeder durchstehen, das gehört zum Erwachsenwerden.

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