Erinnerung an den 11. November 2000

Gletscherbahn-Katastrophe von Kaprun: Uschi Geiger aus Übersee hat dort ihren Sohn verloren

Kaprun Hinterbliebene Uschi Geiger
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„Seine absolute Leidenschaft war das Skifahren.“ Uschi Geiger aus Übersee hat ihren Sohn Sebastian verloren.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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155 Menschen starben am 11. November 2000 in der Kapruner Gletscherbahn. Skifahrer aus dem Chiemgau waren unter den Opfern. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit dem Streif-Sieger Josef Ferstl (31), der der Katastrophe nur um Haaresbreite entkam und Uschi Geiger (59) aus Übersee, die in Kaprun ihren Sohn verlor.

Chiemgau – Dass er heute im Ski-Weltcup fährt, grenzt an ein Wunder. Denn Josef „Pepi“ Ferstl fährt am Tag der Katastrophe mit der Unglücksbahn, die am Berg dreht und bei der nächsten Fahrt die größte Katastrophe Österreichs nach dem 2. Weltkrieg auslöst.

Der damals Elfjährige ist auf dem Gletscher in Kaprun zu einem Sichtungslehrgang. „Ich habe dort Familienangehörige, Kollegen und Freunde verloren. Für mich ist das ein sehr emotionales Thema“, sagt der Skirennläufer und seine Stimme wird leiser, als er sich erinnert.

Skirennläufer Josef Ferstl war am Tag des Unglücks selbst in Kaprun.

Skirennläufer Ferstl war am Unglückstag in Kaprun

Sein Onkel Franz und sein bester Freund Massimo reisten an diesem Morgen mit dem Bus aus dem Chiemgau an und erwischen den abfahrenden Zug um 9:07 Uhr. Ferstl ist schon in einem Schlepplift im Skigebiet, als plötzlich der Strom ausfällt.

„Erst haben wir gespielt, dann haben wir den Rauch gesehen, der aus dem Alpincenter kam“, sagt Ferstl. Nach 45 Minuten sei die Gruppe mit der Gondelbahn, die parallel zur Gletscherbahn lief, per Notstromaggregat ins Tal gebracht worden.

Eltern holten ihn in Kaprun ab

„Ich hatte damals noch kein Handy. Zum Glück konnte ich zwei Stunden nach dem Unglück mit dem Telefon von jemand anders meine Eltern erreichen“, berichtet Ferstl. „Meine Eltern haben mich am frühen Nachmittag in Kaprun abgeholt und mir gesagt, dass etwas Schlimmes passiert ist.“ Lange Zeit sei nicht klar gewesen, ob sein Onkel und seine Freunde aus dem Skiteam überlebt hatten.

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„Es war ein Wahnsinn, weil ich genauso dabei sein hätte können“, sagt Ferstl. 155 Menschen starben, darunter Ferstls Onkel Franz. Er war damals für den SC Eisenärzt Trainer und betreute eine Gruppe, von der viele Kinder ebenfalls in der Unglücksbahn saßen.

Mutter erfährt vom Tod des Sohnes

Darunter ist auch der 14-jährige Sebastian, Sohn von Uschi Geiger aus Übersee. Geiger und ihr Mann erhalten von einem anderen Mädchen aus der Skigruppe die Nachricht, dass etwas passiert sei und fahren sofort nach Kaprun.

Bis in die Abendstunden warten sie auf Informationen. Dann hört Geiger zwei Sanitäter, die sich unterhalten: „Mei, wann sagen sie es ihnen denn jetzt endlich?“ Keiner will den Angehörigen mitteilen, dass ihre Liebsten verbrannt sind.

Josef Ferstl über die Emotionen, die Kaprun auslöst

Josef Ferstls Eltern versuchen, ihm schonend beizubringen, dass seine Freunde und sein Onkel tot sind. „Die waren plötzlich nicht mehr da. So richtig hab ich das damals nicht realisiert, aber mir ging das dennoch sehr nahe“, sagt Ferstl und ringt um Fassung.

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Das Skifahren habe ihn damals sehr gut abgelenkt. Erst als Erwachsener habe er die Dimensionen von damals verstanden. Erst recht, wo er heute selbst Vater zweier Kinder ist.

Uschi Geiger wird Sprachrohr der Hinterbliebenen von Kaprun

Bei Uschi Geiger stellt sich neben dem riesigen Schock schon früh Irritation ein. „Von Anfang an hatte ich das Gefühl, dass wir hingehalten werden, dass man versucht, gezielt Informationen von uns fernzuhalten“, sagt Geiger. Im Nachgang zu dem Unglück war sie das Sprachrohr der Angehörigen und tut das bis heute.

Die Wucht der Katastrophe habe Menschen ganz unterschiedlich getroffen: „Da waren kleine Kinder, die ihre Eltern verloren haben, aber auch Menschen, die ein Haus gebaut hatten, Schulden hatten und plötzlich war der Hauptverdiener tot.“

Das Foto vom 16. November 2000 zeigt Bergungsarbeiter bei der Inspektion von Überresten der verbrannten Tunnel-Gletscherbahn am Kitzsteinhorn bei Kaprun, Österreich.

Eigentlich würde man in so einem Moment Hilfe und Unterstützung erwarten. Geiger und viele Angehörige hatten vielmehr das Gefühl, dass man ihnen vonseiten der Gletscherbahn und der anderen Beteiligten der Aufarbeitung erst recht Knüppel zwischen die Füße wirft.

Wie Uschi Geiger den Prozess um die Katastrophe erlebte

Die Versicherung forderte eine detaillierte Rechnung über die Kosten der Skiausrüstung, bevor sie zahlte. Fehlte die Rechnung der Skischuhe, bekamen die Eltern kein Geld, erzählt Geiger. Rechtfertigt eine solche Katastrophe nicht unbürokratische Hilfe? Nie sei den Angehörigen die Frage gestellt worden, „was braucht ihr jetzt?“, sagt Geiger. Sie schildert diese Erlebnisse nüchtern und stringent. Der emotionale Ausbruch ist nicht ihr Ding, obwohl ihre Bitterkeit spürbar ist.

Speziell der Strafprozess, der im Jahr 2004 zu einem Freispruch aller Angeklagten führte, habe viele Angehörige traumatisiert. Aus Sicht des Salzburger Richters Manfred Seiss lag es statt an der Gletscherbahn am Hersteller eines Heizlüfters. Dieser soll für die Katastrophe verantwortlich sein – ausgerechnet eine deutsche Firma.

Auf welchen Satz die Mutter hofft

Der Ausgang des Prozesses habe sie kalt erwischt, erzählt Uschi Geiger, sie habe bis zum Schluss nicht mit einem Freispruch gerechnet. Es nagt heute noch an ihrem Rechtsverständnis, ihr Blick wird steinern, wenn sie davon erzählt. Geiger geht es nicht um Rache. „Aber des Satz ‚Wir haben unser Bestes getan, aber es war unsere Schuld‘ – den hätte ich einfach gern gehört“, sagt die Überseerin.

Josef Ferstl ist ebenfalls fassungslos, dass niemand beim Verfahren die Verantwortung für die Katastrophe zugesprochen bekommen hat. „Wie kann da keiner schuld sein?“ Der Profi-Sportler hat sich tief in die Materie eingearbeitet, Dokumentationen angesehen und kennt auch kleinste Details aus dem Prozess.

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Und Ferstl kennt auch die Seite der Opfer: Er hat miterlebt, wie Familien zerstört wurden, er weiß von Angehörigen, die auch heute, 20 Jahre später, noch unter den Folgen der Katastrophe und dem Urteil der österreichischen Justiz leiden. „Ich verstehe jeden Angehörigen, der wütend ist. Das ist unterste Schublade!“

Ohne Schuldspruch keine Entschädigung

Ein Schuldspruch hätte auch ganz praktische Konsequenzen für die Hinterbliebenenen gehabt, erzählt Uschi Geiger. Denn die Auszahlung von Entschädigungen hing davon ab. „Es geht nicht um Geldgier, sondern darum, dass ein Schaden entstanden ist“, betont die Überseerin.

Aus ihrer Sicht war es eine bewusste Zermürbungstaktik. Der Vergleich, auf den sich die Angehörigen schließlich mit der Gletscherbahn einigten, um nicht noch jahrelang in einem Zivilprozess zu streiten, hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Denn die Kosten der Anwälte waren nicht Teil des Vergleichs: „Da kann man sich vorstellen, wie viel da übrig bleibt, wenn man acht Jahre lang Anwälte beschäftigt.“

Geiger hat es geschafft, ihre Wut in Kraft zu verwandeln. Heute ist sie Schöffin am Jugendgericht in Traunstein und am Verwaltungsgericht in München, außerdem sitzt sie im Überseer Gemeinderat. Ihr Herzensprojekt ist aber ein anderes.

Das Leben der Hinterbliebenen von Kaprun

Gemeinsam mit ihrer Schwester organisiert sie den Familienstützpunkt Übersee, der sich um Familien kümmert, die Unterstützung brauchen. Denn sie will Menschen nicht in Not allein lassen, so wie es ihr geschehen ist.

Uschi Geiger ist jedes Jahr in Kaprun dabei, wenn sich die Katastrophe jährt, repräsentiert auch hier noch die Angehörigen. Und weist auf Aspekte hin wie etwa, dass es nicht im Interesse der Angehörigen wäre, wenn der heutige Salzburger Landeshauptmann Wilfried Haslauer (ÖVP) bei der Gedenkfeier dabei wäre. Denn er war damals einer der Verteidiger der Beschuldigten im Prozess.

Heuer werden die Angehörigen aus dem Ausland wegen der Corona-Pandemie nicht nach Kaprun reisen können. „Dabei wäre es immer noch so wichtig“, sagt Geiger mit großem Bedauern.

Uschi Geigers Sohn wäre heute 34 Jahre

Ihr Sohn wäre in diesem Jahr 34 Jahre alt geworden. Obwohl sich Uschi Geiger seit 20 Jahren mit der Katastrophe auseinandersetzt, kommen ihr die Tränen, fragt man nach ihrem Sohn.

Was er für ein Kind gewesen sei? „Er mochte es wild. Sebastian war sehr gerne bei den Ferstls und hat sich dort ausgetobt“, erzählt Geiger. Skifahren sei seine absolute Leidenschaft gewesen. Eigentlich wollte er an diesem Tag vor 20 Jahren nur das tun.

Die Brandkatastrophe der Gletscherbahn Kaprun 2

Nur wenige Meter, nachdem der Zug am Morgen des 11. November 2000 losgefahren war, kam es zu einem Brand im Wagen. Auslaufendes Hydrauliköl, das von einem Verbindungsstück auf einen Heizlüfter tropfte, soll diesen im Führerstand der Gletscherbahn verursacht haben.

Das Feuer breitete sich über die offen verlegte Hochspannungsleitung aus. Die Bahn war voll besetzt, da sie am frühen Morgen Skifahrer auf den Gletscher brachte. Nur zwölf Personen konnten sich aus dem hinteren Teil des Zuges befreien und ins Tal fliehen.

Einige Passagiere liefen in die Gegenrichtung und starben dort an der Rauchentwicklung durch den Kaminsog des Feuers. Auch in der Bergstation und im talwärts fahrenden Zug starben Menschen durch die giftigen Dämpfe. Insgesamt wurden 155 Menschen getötet, darunter 37 aus Deutschland.

Der Prozess um das Unglück von Kaprun

Im Strafprozess in Salzburg wurden 16 Beschuldigte angeklagt. 2004 sprach sie das Gericht alle frei. Stattdessen soll der Heizlüfter eines deutschen Herstellers die Katastrophe verursacht haben. Er war explizit nicht für den Gebrauch in einem Fahrzeug vorgesehen. Allerdings bewertete der Salzburger Richter die Seilbahn nicht als Fahrzeug.

Zu einem anderen Schluss kamen das Landeskriminalamt Baden-Württemberg und die Staatsanwaltschaft Heilbronn. Demnach soll der Heizlüfter unsachgemäß und verändert in die Seilbahn eingebaut worden sein, daher treffe den Hersteller, der inzwischen pleite ist, keine Schuld.

Zwar hat eine Expertenkommission keine Versäumnisse gefunden, dennoch kritisieren viele Prozessbeteiligte die Umstände der Verhandlung. Die Gletscherbahn Kaprun 2 wurde abgebaut. An ihrer Stelle führen nun mehrere neue Bahnen ins Skigebiet.

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