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„Wir haben eine echt wilde Ecke Bayerns!“

Ein „Maulkorb“ beim Thema Wolf? - Das sagt Ruhpoldings neuer Forstbetriebsleiter im Interview

Hündin Ari ist bei Joachim Keßler am Arbeitsplatz dabei. An das neue Büro in Ruhpolding muss sie sich allerdings erst gewöhnen.
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Hündin Ari ist bei Joachim Keßler am Arbeitsplatz dabei. An das neue Büro in Ruhpolding muss sie sich allerdings erst gewöhnen.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Ruhpolding – Um die grüne Lunge des Chiemgaus kümmert sich seit 1. Juli Joachim Keßler. Der 48-Jährige ist Nachfolger von Paul Höglmüller als Leiter der Bayerischen Staatsforsten in Ruhpolding. Die OVB-Heimatzeitungen sprachen mit ihm über den Klimawandel und die Frage, ob die Staatsforsten wirklich einen „Maulkorb“ beim Thema Wolf haben.

Warum sind Sie Forstwissenschaftler geworden?

Joachim Keßler: Mir war immer wichtig, dass ich einen Beruf habe, bei dem ich auch in der Natur sein kann. Denn einen Bürojob, bei dem man nur vor dem Computer sitzt, konnte ich mir nicht vorstellen. Und das bewahrheitet sich auch. Zwar bin ich oft am Schreibtisch, aber Außentermine habe ich dennoch.

Vor Ihrer Stelle in Ruhpolding haben Sie den Einkauf für die Bayerischen Staatsforsten geleitet. Wie kann man sich das vorstellen?

Keßler: Da war ich in der Tat nicht so oft im Wald (lacht)! Der Job ist spannender, als man meint, weil man den kompletten Fokus auf ganz Bayern hat. Ein Beispiel: Wir haben die Arbeitskleidung für alle 1300 Waldarbeiter bei den Bayerischen Staatsforsten eingekauft. Das ist gar nicht so einfach, weil die Anforderungen schon regional ganz unterschiedlich sind. Zum Teil sind es auch Verträge über mehrere Millionen Euro, beispielsweise bei der Fuhrparkbeschaffung – immerhin über 2000 Fahrzeuge.

Jetzt treten Sie die Nachfolge von Paul Höglmüller an. Wie geht es Ihnen mit diesen Fußstapfen, in die Sie treten?

Keßler: Paul Höglmüller hat die Aufgabe super übergeben. Ich glaube, es gehört einfach dazu, dass es mal einen Wechsel gibt. Aber ja: Da habe ich sicherlich viel vor mir.

Was sind die Themen, die Sie in Ruhpolding angehen wollen?

Keßler: Wir wollen weiter daran arbeiten, mit dem Forstbetriebsteam die Bergwälder auf einen guten Weg zu bringen beziehungsweise zu halten. Das ist eine sehr langfristige Aufgabe. Denn die Wälder kommen durch den Klimawandel immer mehr unter Stress, teils liegen die Ursachen aber auch schon länger zurück. Etwa durch Zeiten, in denen die Wildbestände sehr hoch waren. Beispielsweise sind die Wälder nach dem Zweiten Weltkrieg sehr stark ausgeplündert worden. Ein anderes Beispiel: Der Betrieb der Saline war auch sehr energieintensiv; die Waldwirtschaft damals rein auf Fichte ausgerichtet. Das erben wir und müssen sehen, wie wir den Wald weiterentwickeln. Wir arbeiten hier auch mit der Waldforschung zusammen.

Wie sieht das ganz konkret aus?

Keßler: Alle zehn Jahre inventarisieren wir den Wald und sehen ganz genau, wie der Status und die Herausforderungen für die Bewirtschaftung sind. Das ist sehr aufwendig, einen ganzen Sommer dauert das. Danach wissen wir ganz genau, wo wir welche Mischung haben, wo es junge Bäume gibt und leiten die Maßnahmen für die nächsten Jahre ab.

Warum muss man denn einen Wald überhaupt pflegen?

Keßler: Oh, das hören wir immer wieder. ‚Der Wald wächst ja von selbst.‘ Es geht aber um Folgendes: Wir brauchen eine Struktur mit alten und jungen Bäumen und verschiedenen Arten im Chiemgau – nämlich Fichte, Tanne, Buche und Bergahorn. Das sieht konkret so aus, dass an einem Waldort zu viele Fichten wachsen und sich die Buchen nicht durchsetzen können. Da werden wir dann aktiv. Wir spielen da auch viel mit dem Licht, das gerade der Bergahorn braucht.

Wie stark hat der Klimawandel den Wald bei uns schon erwischt?

Keßler: Sicherlich nicht so stark wie bei den Kollegen in Mitteldeutschland. Im Harz ist die Situation schon eine ganz andere. Dennoch wissen wir, dass gerade im Gebirge die Temperaturen exponentiell steigen werden. So schnell wird der Wald nicht hinterherkommen. Ob wir 2050 noch so schöne sattgrüne Wälder haben, ist die Frage. Wir merken das sehr stark bei unseren Fichten, die sind unser Sorgenkind. Durch lange Trockenperioden werden diese Bäume sehr geschwächt und locken den Borkenkäfer. Wir entwickeln deshalb naturnahe und gemischte Wälder, da die in der Regel die Widerstandsfähigsten sind.

Nun haben die Staatsforsten ja nicht nur den Auftrag, Naturschutz zu forcieren. Wie sieht es denn mit der Bewirtschaftung aus?

Das ist keine Entscheidung des Forstbetriebs Ruhpolding. Der Freistaat Bayern als Eigentümer der Staatswälder hat sich entschieden, ebenso den heimischen Rohstoff Holz zu produzieren – auch weil er gebraucht wird. Ein Großteil des Holzes geht ja auch in die regionale Weiterverarbeitung, und da hängen sehr viele Arbeitsplätze dran.

Welche Rolle spielt eigentlich die Digitalisierung bei den Bayerischen Staatsforsten?

Keßler: Mehr als man meint! Ein Beispiel: Wenn wir Bäume umschneiden, müssen diese erfasst und in den Verkauf gebracht werden. Das kann man sehr gut digital abbilden. Die Masse des Baumes wird beispielsweise per Tablet foto-optisch erfasst, dann kommt das sofort in die EDV und der Kunde bekommt das digital zugespielt. Der Frächter bekommt die GPS-Koordinaten und kann den Auftrag dort abholen. Hier gibt es auch die Möglichkeit, die Aufladepunkte digital so zu optimieren, sodass die Wege möglichst kurz sind. Außerdem werden Wälder digital kartiert, etwa durch Satellitenfotos oder durch Flugaufnahmen. Wobei das Themen sind, die die Staatsforsten das zentral aufsetzen und wir in Ruhpolding dann den Prozess aufnehmen.

Viele Landwirte werfen den Bayerischen Staatsforsten vor, Wolfssichtungen und -risse zu unterschlagen. Es soll sogar einen offiziellen „Maulkorb“ geben. Was sagen Sie dazu?

Keßler: Nein. Das ist nicht richtig. Wir arbeiten das ganz sachlich ab, unterstützen die zuständigen Behörden beim Wolfsmanagement und haben bei den Staatsforsten auch einen internen koordinierenden Ansprechpartner. Wir haben ja mit dem Chiemgau eine echt wilde Ecke Bayerns. Zugleich ist die Region aber auch eine alte Kulturlandschaft noch dazu mit viel Tourismus. Ich verstehe total die Sichtweise der Almbauern. Es gibt keinerlei restriktive interne Vorgaben beim Thema Wolf und die wird es mit mir auch nicht geben. Wenn wir etwas sehen oder finden, geben wir das weiter.

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