Gespaltenes Prien wieder geeint - Ära von Bürgermeister Jürgen Seifert endet nach zwölf Jahren

Zum 40. Jubiläum im öffentlichen Dienst gratulierte Dritter Bürgermeister Alfred Schelhas Seifert. Archiv Berger
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Zum 40. Jubiläum im öffentlichen Dienst gratulierte Dritter Bürgermeister Alfred Schelhas Seifert. Archiv Berger

Zwölf Jahre lang hat Jürgen Seifert (57) im Priener Rathaus die Richtung vorgegeben. Bei der Kommunalwahl im März war der parteilose Bürgermeister nicht mehr angetreten, weil ihm ein Großteil der Parteien und Gruppierungen die Unterstützung versagte, die er noch beim Urnengang 2014 hatte.

von Dirk Breitfuß

Prien – Am 30. April räumt er den Chefsessel für Andreas Friedrich (ÜWG). Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung hat Seifert Bilanz gezogen.

Über Seiferts Zukunft wird in Prien viel spekuliert. Der gebürtige Franke hatte bei der Kommunalwahl für die Freien Wähler den Ansbacher Landrat Jürgen Ludwig (CSU) in die Stichwahl gezwungen und dort mit 41 Prozent zwar ein sehr achtbares Ergebnis geschafft hatte, aber kein neues politisches Mandat bekommen.

Urlaubspläne, aber keine Aussagen zu beruflicher Zukunft

Zur beruflichen Zukunft äußerte sich Seifert im Interview nicht, nur zu privaten Plänen für die nächsten Monate. Er und seine Frau Isabella, die in Prien ein Geschäft betreibt, wollen zunächst in der Marktgemeinde bleiben. „Wir haben keine anderen Erwägungen. Wir warten, dass die Reisebeschränkungen aufgehoben werden, um Deutschland mit dem Wohnmobil in aller Ruhe von Süden nach Norden und zurück zu erkunden, mit der Zeit und Ruhe, die wir bisher nie hatten“.

Einzelne Projekte wollte Seifert im Rückblick aus Zeit- und Platzgründen nicht nennen. Stellvertretend nennen kann man die energetische Generalsanierung der Franziska-Hager-Schule für rund zehn Millionen Euro, als Prien dank guter und schneller Vorarbeit als eine der ersten Kommunen in Deutschland überhaupt Geld Millionenbeträge aus dem Konjunkturpaket der Bundesregierung abgreifen konnte. Niederlagen, auch persönlich, waren für Seifert sicher die Bürgerentscheide über den Bau eines Holzheizkraftwerks mit Nahwärmenetz und einer Jugendherberge. Beide Vorhaben scheiterten knapp am Wählervotum.

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Er selbst freut sich rückblickend, 2008 Gräben zugeschüttet zu haben. „Was mich am allermeisten freut und darauf bin ich auch wirklich stolz, ist, dass ich es geschafft habe, den Marktgemeinderat und die Gemeinde wieder geeint zu haben. Als ich herkam, war Prien tief gespalten.

Es ist uns dann gelungen, sehr schnell eine Einheit im Gemeinderat herzustellen, deren oberstes Ziel die nachhaltige Weiterentwicklung Priens war.

„Wir können Monate ohne Einnahmen überbrücken“

Das spürt man auch heute noch und das wird mir auch heute noch immer wieder bestätigt.“

Seiferts Prämisse war es immer, nur das Geld auszugeben, was da ist, und möglichst keine neuen Schulden zu machen. Das hat ihm auch öfter Kritik eingebracht, im Nachhinein sieht er sich mehr denn je bestätigt. „Denn wenn wir jetzt auf Pump leben müssten, wüssten auch unsere Nachfolger nicht, wie es weitergeht. So haben wir ein finanzielles Polster, mit dem wir drei Monate ohne jegliche Einnahmen überbrücken könnten.

Und wir haben auch vorausschauend im Gemeinderat in der Haushaltsklausur im Oktober 2019, als noch niemand von Corona geredet hat, einen Haushalt aufgestellt, der auf der Refinanzierbarkeit von Projekten beruht. Das heißt, brechen Einnahmen weg, kann man auch Ausgaben dafür streichen.“ Wenn sich Seifert nun aus der politischen Verantwortung zurückzieht, blieben manche Dauerbrenner-Themen auf der Agenda.

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Verkehrsprobleme konnten in seiner Amtszeit nur punktuell gelöst werden, so ist zum Beispiel der Spatenstich für die Umfahrung von Prutdorf immer noch nicht erfolgt. Er selbst hätte vor allem gern die Umgestaltung des Bahnhofsumfelds gern weiter voran gebracht, denn „allein der Kampf um den Erhalt der historischen Bahnsteig-Dächer hat gezeigt wie sehr der Fokus der Priener auf diesen Bereich gerichtet ist. 2013/2014 hatte Prien einen internationalen Architektenwettbewerb ausgelobt und Eckdaten für das Areal entwickelt. Seifert konnte für die Gemeinde dann 10 000 Quadratmeter Grund günstig erwerben und der Gemeinde so die Planungshoheit sichern, aber: Ich hätte nicht gedacht, dass sich das wegen verschiedener privatrechtlicher Gegebenheiten so lange hinauszögert.“ Bremsklotz ist ein Teilgrundstück nördlich des Bahnhofsgebäudes, das von der Bahn trotz mehrerer Vorstöße Priens bis heute nicht freigegeben worden ist (wir berichten wiederholt). „Wir haben vielleicht zu lange gehofft und gewartet“, so der Bürgermeister heute.

Rathaus war zwölf Jahre wie zweites Zuhause

Was Seifert im politischen Ruhestand vermissen wird und was nicht, darüber hat er sich noch nicht wirklich Gedanken gemacht. Zu viele Sitzungen standen in den letzten Woche in unterschiedlichsten Gremien noch an, gerade auch die Herausforderungen der Corona-Pandemie haben den scheidenden Bürgermeister bis zuletzt gefordert. „Was ich vermissen werde, kann ich Ihnen vielleicht in drei bis vier Monaten sagen. Was ich ganz bestimmt vermissen werden, ist, dass ich am Montag, 3. Mai, in der Früh um 9 Uhr nicht in „mein“ (in Anführungszeichen) Rathaus gehen werde, denn das war die letzten zwölf Jahre für mich schon wie ein zweites Zuhause.“

Vorfreude hat Seifert auf freie Abende und Wochenenden. Das kam als Bürgermeister oft zu kurz. Als Wahl-Priener drückt er nun seinem Nachfolger die Daumen: „Herrn Friedrich wünsche ich, dass er die gleiche Unterstützung erfährt, wie ich sie die zwölf Jahre erfahren habe.

Dem neuen Marktgemeinderat wünsche ich, dass auch ab 1. Mai die Entwicklung Priens im Vordergrund steht. Wenn das gegeben ist, wird Prien weiter in eine gute Zukunft blicken können.“

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