Die Gemeinde Prien setzt den Mühlbach unter Strom – nur so können tausende Fische umziehen

Noch ist der Mühlbach voll Wasser, aber die marode Fußgängerbrücke ist schon abgerissen. Sie wird neu gebaut. Ab Samstag wird im Bach das Wasser für zwei Wochen abgelassen.
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Noch ist der Mühlbach voll Wasser, aber die marode Fußgängerbrücke ist schon abgerissen. Sie wird neu gebaut. Ab Samstag wird im Bach das Wasser für zwei Wochen abgelassen.
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Am 19. September wird dem Mühlbach das Wasser abgedreht. Zwei Wochen lang bleiben nur ein paar Zentimeter Restwasser im Bachbett, damit Kleinstlebewesen überleben können. Lesen Sie hier, was in dieser Zeit mit den Fischen passiert.

Prien – 14 Tage lang werden Uferverbauungen saniert, Brücken neu gebaut und Durchlässe geräumt. Die „Bachauskehr“ ist vor allem für den Sportfischerverein eine große Herausforderung.

Mit bis zu 20 Freiwilligen werden die Vereinsmitglieder zweieinhalb Tage lang aus dem gut drei Kilometer langen Mühlbach Fische einsammeln, erklärt Vorsitzender Peter Steiger im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Vor fünf Jahren, bei der bisher letzten Bachauskehr, hatte der Verein etwa 10 000 Tiere eingesammelt, erinnert sich Steiger. Ein Teil wird in anderen Gewässern sozusagen zwischengelagert, auch in den Zuchtteichen des Vereins im Eichental, die mit dem Mühlbach verbunden sind.

Der „Schneider“ lebt im Unterlauf

Im Unterlauf außerhalb des bebauten Gebiets durchs Harrasser Moos leben Steiger zufolge auch sehr seltene, vom Aussterben bedrohte Arten wie der „Schneider“. Und es gibt dort beeindruckende Seeforellen, die zum Laichen aus dem Chiemsee in den Mühlbach kommen. Das Rekordexemplar 2015 war Steiger zufolge 88 Zentimeter lang und fast acht Kilo schwer.

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Selten sind auch die Aalrutten, die im Mündungsbereich leben. Sie werden zum Teil im Austausch über den Kreisfischereinverband für Zuchtprojekte andernorts abgegeben, zum Beispiel in der Mangfall.

Im Gegenzug bekommen die Priener Fischer Äschen als neuen Besatz. Diese Art sei so sensibel, dass sie nicht zwei Wochen in einem Provisorium überlebt. Was am Wochenende gefangen wird, werde gleich in andere Gewässer umgesiedelt.

Eine Wissenschaft für Sich

Das Abfischen mit Gleichstrom ist eine Wissenschaft für sich. Nur eine Handvoll Mitglieder des Vereins hat den erforderlichen Schein. Je nach Beschaffenheit des Gewässers müsse die Voltzahl variiert werden, um die Wirkung so zu dosieren, dass die Fische nur betäubt werden und keinen dauerhaften Schaden nehmen.

Für die zwei Wochen der Bachauskehr werden sogar „Bypässe“ für die Fischer gebaut, die im Restwasser des Mühlbachs verbleiben. Mit Hilfe solcher Provisorien können die Fischer Baustellen umschwimmen. Davon gibt es einige. Im Eichental hat eine Baufirma schon begonnen, die baufällige Fußgängerbrücke zwischen Beilhackwehr und großem Wasserrad abgerissen. Sie wird komplett erneuert. Parallel zum Spazierweg bachabwärts bis zur Beilhackstraße müssen Teile der Uferverbauung erneuert werden, berichtet Andreas Gasteiger vom Bauamt der Gemeinde. Der beliebte Weg ins Eichental ist deshalb bereits gesperrt.

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Mit einer Konstruktion aus T-Stücken aus Stahl, die in den Boden getrieben werden, und Fichtenbohlen wird verhindert, dass der Fußweg und das Ufer ausgewaschen werden. Ähnliche Arbeiten sind Gasteiger zufolge auf Höhe der OMV-Tankstelle an der Bernauer Straße nötig. Auch dort hat die alte Verbauung aus Holz arg gelitten.

Die Stahlträger der alten Fußgängerbrücke waren völlig durchgerostet.

Grundsätzlich ist jeder Grundeigentümer entlang des Mühlbachs für Reparaturarbeiten selbst verantwortlich, erklärt Klaus Dingler von der Rathausverwaltung, der die Bachauskehr koordiniert. Schon im Juni hat der Markt Prien die 90 betroffenen Grundbesitzer erstmals mit einem Rundschreiben informiert. Besonders wichtig sind die Infos für die Triebwerksbetreiber. Heute gibt es entlang des Mühlbachs noch fünf Firmen und Privatleute, die mit der Wasserkraft des Mühlbachs Strom für den Eigenbedarf produzieren. Früher waren es noch mehr.

Kaum Durchkommen unter Waldorfschule

Die größte Baustelle entlang des Mühlbachs in den nächsten Wochen entsteht an der Waldorfschule. Dort hatte die Gemeinde 2019 Busparkplätze eingerichtet, damit die Schulbusse nicht mehr an der viel befahrenen Bernauer Straße rangieren müssen. Eine Fußgängerbrücke über den Mühlbach bleibt als Engstelle im Verlauf des Bus-Parkstreifens übrig. Sie wird jetzt abgerissen und der Gehweg durchgehend über den Bach verlängert.

Die Waldorfschule ein paar Meter bachaufwärts ist für die Sportfischer eine der größten Herausforderungen. Der Mühlbach fließt unter dem früheren Kreiskrankenhaus hindurch. Im Laufe der Jahre habe sich dort eine so hohe Kiesschicht gebildet, dass sich die Mitglieder nur noch gebückt und kniend mit gespreizten Beinen vorarbeiten können, um Fischer einzusammeln, die dort Unterschlupf suchen.

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