Geheime Plattler- und Tanzproben -Ausgangsbeschränkungen gab es in Breitbrunn schon vor 75 Jahren

Eine Gruppe von „schneidigen Trachtenbuam und -dirndl´n“aus dem Jahr 1946 vorm örtlichen Gasthof, in dem der erste Almtanz nach dem Krieg stattfand.
  • vonKarl Wastl
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Die Coronakrise und deren Ausgangsbeschränklungen zerren an den Nerven. Zudem liegt das Vereinsleben nahezu brach. Dass schon Generationen früher die Menschen mit Ausgangsbeschränkungen zu kämpfen hatten, belegt ein Blick in die Breitbrunner Chronik.

Breitbrunn – 1945 – der Krieg war Gott sei Dank zu Ende, doch die amerikanische Besatzungsmacht regelte fürderhin das öffentliche Leben. Um Widerstand unter der Bevölkerung zu vermeiden, wurde die Existenz aller Ortsvereine verboten, somit waren deren Aktivitäten zum Erliegen gekommen. Sogar die Feuerwehren mussten unter Androhung hoher Strafen ihre Uniformen abgeben. Sowohl Personenansammlungen als auch Ausgangssperren für bestimmte Tageszeiten, vor allem nachts, wurden von den Besatzern verhängt. Man befürchtete Widerstandsbildung und Plünderungen der gebeutelten Bürgerschaft.

Aktive schritten zur Selbsthilfe

Da waren aber zum Beispiel die Breitbrunner Trachtler, die sich baldmöglichst wieder treffen, lustig sein oder „Tanzen und Schuhplatteln“ wollten. Für Veranstaltungen mit „mehreren Personen“ – was für Plattlerproben unumgänglich war - bedurfte es letztlich einer Genehmigung der Militärregierung, die aber nicht problemlos zu bekommen war.

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Um dieses Procedere zu umgehen, wurde „oafach hoamlich zu einer Plattlerprob im Märtlhof in Wolfsberg eig´sogt“, erzählt Dorfarchivar Franz Burghardt gegenüber unserer Zeitung. Als es im Laufe der Zeit immer mehr junge Leute wurden, verlagerte sich das Geschehen zum „Lenderbauern“ in den Breitbrunner Ortsteil Unterkitzing. Der Bauernhof lag etwas abgelegener und so hatten die Trachtler von den amerikanischen Besatzern wenig zu befürchten.

Plattln in Bauernstube und Hausgang

Die große Bauernstube, der Hausgang und sogar der Tennenboden konnte zum Einüben der Schuhplattler und Trachtentänze in Beschlag genommen werden, weiß Burghardt aus Erzählungen. Den „Bandlbaum für´n Bandltanz am Tennenboden“, hielt damals nicht Irgendeiner, sondern meistens ein wichtiger Mann aus dem Dorf. Aufgrund seines mangelnden Musikgehörs fürs Tanzen wurde er beständig für diese Aufgabe eingesetzt, konnten sich Beteiligte erinnern. Der für die Proben unverzichtbare „Bandlbaum“ war damals einfach nur ein „Hifistecker“, an dem „eig´färbte Garbenstrickl knüpfid war´n“, kann der Dorfarchivar belegen.

Beim „Lenderbauern“ in der Wohnstube gab es auch eine lange Eckbank mit einem großen Tisch. Auf ihr saßen in den Pausen die glücklichen „Heimkehrer“ mit Ihren Dirndln, erzählten, lachten und hatten viel Gaudi. Einmal entdeckten die „Lenderbuam“ in der Eckbank ein „Astloch“. Es entstand die Idee, man könne hier doch mit einer Nadel so manchen „Hintern piesacken“ .

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Gesagt getan: Es wurde ein Mechanismus fabriziert, der vom Bankende mit einem „Schnürl“ zu bedienen war. Einige Unbedarfte wurden durch ständiges Nachrücken auf der Bank so platziert, dass sie „über dem besagten Astloch mit dem Stichmechanismus zum Sitzen kamen“, schmunzelt der Erzähler. Wenn dann jemand nun am Ende der Bank unbemerkt die Schnur für den Piekser betätigte, war so mancher Gast mit seinem Hinterteil am „hin- und herwetzen,“ ehe der den Schabernack durchschaute.

Wie die Zeit der Ausgangsbeschränkung in die Chronik gelangte

Die damals Beteiligten Paul und Sepp Enzinger – die früheren „Lender-Buam“ von Unterkitzing – erzählten die Geschichte im fortgeschrittenen Alter gerne immer wieder beim sonntäglichen Frühschoppen, weiß der Chronist von Schilderungen. Und dass dabei viel gelacht wurde, kann man sich heute noch vorstellen.

Aber, auch wenn man Beides nicht vergleichen kann, war sowohl damals als auch „in Zeiten wie diesen“ der Zusammenhalt in schwierigen Umständen die Basis dörflicher Gemeinschaft.

Begriffserklärung: Der Schuhplattler

Der „Schuhplattler“ gehört zweifellos zu den markantesten bayerischen Ausdrucksformen. Das Wortdeutung erklärt sich daraus, dass sich der „Tänzer“ mit den Händen auf Oberschenkel und Schuhe (richtiger auf die Schuhsohlen) schlägt. Der Bursche kann sich nach freiem Ermessen zum Beispiel zu einer Landlermelodie bewegen, Figuren zeigen, springen, „schnaggln“ und platteln, während sich sein Dirndl weiter im Takt dreht und erst zum Rundtanz von ihm eingeholt wird, beschreibt Brauchtumspfleger Siegi Götze den Ablauf.

Der Plattler vereint in hohem Maße Attribute wie Geschicklichkeit, Eleganz und Rhythmusgefühl in sich, gepaart mit animierender Schlagkraft.

Ursprünglich sei es in erster Linie wohl das Bestreben des Burschen, gepaart mit einer ausgewogenen Mischung aus Musikalität und Körperbeherrschung, allein die Aufmerksamkeit der Dirndl´n zu erreichen, ergänzt Götze.

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