Verzweiflung bis Galgenhumor

Gebäck in Stinkefingerform: Reaktionen auf den Lockdown von Chiemgauer Unternehmern

Dieses Gebäck essen die Betreiber der Unternbergalm.
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Dieses Gebäck essen die Betreiber der Unternbergalm.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Es ist schon wieder passiert: Die Gastronomie, Fitnesstudios und viele andere Freizeitangebote müssen schließen. Zur Eindämmung des Coronavirus. Ein Besuch bei betroffenen Unternehmern im Chiemgau und bei Menschen zwischen Verzweiflung und Galgenhumor.

Prien/Ruhpolding – Auf der Unternbergalm in Ruhpolding ist der Frust groß: Gebäck in Stingefingerform gibt es dort zu Essen. Der Lockdown trifft viele Unternehmer und Gastronomen in der Region.

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Kevin Toth ist Leiter des Fitnessstudios Vitalis in Prien und hatte eigentlich Pläne für viele Projekte: „Zum Beispiel wollten wir Partnerschaften mit Firmen angehen. Das macht jetzt keinen Sinn mehr.“ Denn auch sein Studio muss schließen. „Immerhin dürfen wir noch Rehasport anbieten. Da sehen wir auch Leute, die noch an den Folgen von Corona-Infektionen leiden“, sagt Toth.

Reha-Sport darf Kevin Toth noch anbieten, für reguläre Mitglieder ist seit Fitnessstudio ab Montag geschlossen.

Viele Kündigungen und Stornierungen

Dennoch sei für ihn die Entscheidung nicht nachvollziehbar angesichts nur weniger Menschen, die derzeit auf der Intensivstation sind. Außerdem hält er das Infektionsrisiko im Fitnessstudio für gering. Im März sei sein Studio von den Mitgliedern sehr gut unterstützt worden. „Wir haben aber jetzt auch Leute, die Corona finanziell trifft und die den Beitrag aussetzen werden“, befürchtet der Studioleiter. Leider hätten auch schon viele Menschen ihre Mitgliedschaft heuer gekündigt.

Gastronomie vorbildlich

Stornierungen kennt auch Rolf Estermann, Inhaber des Hotels Bayerischer Hof, in dem er auch zwei Restaurants betreibt. „Es war damit zu rechnen, dennoch habe ich nicht gedacht, dass man uns ganz zumacht“, sagt Estermann. Das Robert-Koch-Institut hätte schließlich auch gesagt, dass die Gastronomie nicht Treiber der Infektionen sei. „Unsere Branche hat doch in den letzten Monaten gezeigt, wie es funktioniert“, so der Hotelier sichtlich fassungslos.

Seine Mitarbeiter schickt Rolf Estermann im Lock-Down in den Urlaub und wird selbst Telefon und Email im Hotel Bayerischer Hof übernehmen.

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In diesem Jahr habe er trotz des Sommers ein Minus von rund einem Viertel, nicht nur wegen des Lock-Downs im Frühjahr: „Uns fehlen die Österreicher, Amerikaner und Italiener, das können wir sehr genau zuordnen.“ Betriebsruhe habe er im November nicht vorgehabt, insofern trifft ihn die Entscheidung hart. Und zwar mit vollen Personalkosten. Denn seine 22 Mitarbeiter müssen jetzt den Urlaub abbauen.

Wutausbruch in den Sozialen Medien

Viele Wirte machen ihrer Wut und ihren Sorgen in den Sozialen Medien Luft. Robert Krininger, Wirt des Siegsdorfer Bistros Papillons, hat sich auf Facebook emotional geäußert und viele zustimmende Reaktionen bekommen.

Die Wirtsleute der Unternbergalm in Ruhpolding erzählen in einem Beitrag auf Instagram, dass sie gerade erst in Plexiglasscheiben investiert hatten. Von einem Bäcker aus dem Landkreis Berchtesgadener Land haben sie Gebäck in Form eines Stinkefingers bezogen, das sie unter dem Hashtag #esreicht zeigen.

Was passiert mit privaten Vermietern?

In einem offenen Brief fordert Sepp Hohlweger, Vorsitzender des Tourismus- und Wirtschaftsverbandes Ruhpolding, Hilfen für nichtgewerblich tätige Privatvermieter. Denn die seien meist nicht gewerblich tätig und fielen deshalb durchs Raster.

„Wenn wir auch in Zukunft ein vielfältiges und leistungsfähiges Beherbergungsangebot für unsere Gäste vorhalten wollen, dürfen nun diese Betriebe nicht nochmals leer ausgehen“, schreibt der Vorsitzende. Für den sonst eher ruhigen November haben laut Hohlweger sogar mehr Menschen im Chiemgau gebucht.

Enorme Umsatzverluste

Im Prienavera bleiben die Türen ab Montag zu, teilt Andreas Freier, Betriebsleiter des Erlebnisbades, mit. Die 30 Mitarbeiter werden am Montag in einer Betriebsversammlung informiert, wie es weiter geht. Denn die Ausfälle sind für das Bad heuer immens: „Zusätzlich zu den bisherigen Umsatzverlusten kommt der November jetzt noch dazu“, sagt Freier. Und auch hinsichtlich der Öffnung im Dezember hängt das Bad noch in der Luft, schließlich sei das vom Infektionsgeschehen abhängig.

Schloss zu, Schiffe fahren

Schwenkt man den Blick vom Prienavera auf die Herreninsel, stößt man ab Montag ebenfalls auf geschlossene Türen. Nach Auskunft der Schloss- und Gartenverwaltung Herrenchiemsee sind das Neue und Alte Schloss geschlossen und können nicht besichtigt werden. Immerhin: Die Chiemsee-Schifffahrt fährt vorerst nach Fahrplan, da sie als reguläres Verkehrsmittel gilt.

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