Frischzellenkur für das Chiemsee-Bockerl – Kultbahn bekommt einen neuen Anstrich

Das frische Grün des Waggonsglänzt, die gelbe Umrandung der Elemente ist Markenzeichen der Chiemseebahn in der Werkstatt am Priener Hafen. Berger/Mischi
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Es riecht nach frischer Farbe und Lack. Der grün glänzende Waggon des Chiemsee-Bockerls befindet sich zur Frischzellenkur in der hauseigenen Werkstatt der Chiemsee-Schifffahrt Ludwig Feßler KG. Der kleinen Zug, der zwischen Bahnhof und Hafen verkehrt, genießt Kultstatus

Prien – „Wir nutzen den corona-bedingten Stillstand der Schifffahrt und bringen vieles auf Vordermann. Wobei die Arbeiten an Diesellok und Waggons so oder so angestanden hätten“, erklärt der vertretungsberechtigte Gesellschafter Michael Feßler.

Blick auf die Bestandteile der Dampflok mit Kessel.

Glänzender Lack und originalgetreuer Anstrich

Die gelben Streifen als Umrandung der einzeln Waggon-Element sind dabei nicht nur ein Frischekick, sondern historisch bedingt. Auch die Zweifarbigkeit des Grüns orientiert sich an den Ursprüngen. „Uns ist der Erhalt dieses unter Denkmalschutz stehenden Gefährts wichtig“, deshalb legen wir hier auch höchste Akribie an den Tag“, so Feßler.

Sorgenkind „Laura“ noch immer in Thüringen

Doch nicht nur der historische Aspekt sei wichtig, sondern auch die Erfüllung der Auflagen und notwendigen Reparaturen. „Was wir können, restauriert unser Fachpersonal selbst. Doch die Dampflok musste quasi in die „Klinik“. Sie ist – wie berichtet – jetzt dann den dritten Sommer in Thüringen. Alle sechs Jahre benötigt die Dampflok eine Hauptuntersuchung. „Die machen wir normalerweise selbst. Aber dieses Mal hat einiges bei der 133 Jahre alten Dame gefehlt und da wir wie eine große Eisenbahn behandelt werden, gelten für uns auch die gleichen Auflagen. Deshalb kann nur die Werkstatt in Thüringen uns helfen“, rekapituliert Feßler.

Blick in das Erste-Klasse-Zugabteil mit Samtsitzen.

175. Firmenjubiläum vorerst wegen Corona verschoben

Aber: Die Restaurierung zieht sich und zieht sich. 2017 wurde die Lok – wie berichtet – nach Meiningen gebracht.

Was fehlt? Der Kessel war an mehreren Stellen verrostet. Zum einen war die Materialfrage des Kessels nicht zu klären. „Damals wurde alles zusammengegossen, was herging“, so Feßler. Und: Der alte Kessel war genietet. Doch diese Technik gibt es nicht mehr, „heute wird geschweißt“. Der Einbau eines neuen Kessels wäre dann aber einer Neuzulassung gleichgekommen. Ein Kesselsachverständiger musste letztlich zurate gezogen werden.

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Aber die Arbeiten ziehen sich weiterhin. Die Arbeitsreihenfolge in der Thüringer Werkstatt sowie Mangel an Fachpersonal, da kaum einer diese Fertigkeiten mehr beherrscht, sei nicht klar definiert und „so warten wir und warten“, schildert Feßler seine steigende Ungeduld. Aus der anvisierten Rückholung im Januar dieses Jahres ist nachweislich nichts geworden. Dabei wünschte man sich das Unternehmen das vertraute Pfeifen und den Kohle-Rauch wieder zum 175. Firmenjubiläum zu hören, zu sehen und zu riechen. „Daraus wird aber nichts. Aber wegen Corona verschieben wir auch unsere Feier, was nun wieder zusammenpasst“, so Feßler. Ihm zufolge gibt es demnächst die erste Druckprobe des Kessels. „Ich hoffe, dass Laura heuer noch wieder heimkommt. Alles andere wäre nicht akzeptabel“, stellt er klar. Zudem: 2021 kommt die Landesausstellung auf die Herreninsel. „Da soll die Dampflok auf Alle Fälle wieder in Dienst gestellt sein.“

Um 1887entstand dieses Bild der Dampflok.

Bis dahin wird die Diesellok weiter den Dienst übernehmen. Die kleine Schwester von Laura erstrahlt ebenfalls bereits in ihrem Frühlings- und Sommerkleid: schwarzer Unterbau, grünes Gebäude und gelbe Umrandungen. Damit der lack auch entsprechend glänzt, muss dieser sorgfältig in einem Guss und bei passender Temperatur aufgetragen werden.

Die 1,9 Kilometer lange Strecke wurde 1887 fertiggestellt

Mitte Mai nimmt das Chiemsee-Bockerl – sofern es aufgrund von Corona möglich ist – wieder Fahrt auf und legt dann die knapp zwei Kilometer langen Strecke zwischen Hafen und Bahnhof mehrfach am Tag zurück.

Die kleine Diesellok hat ebenfalls schon ihr Frühlingskleid erhalten.

Die 1,9 Kilometer lange Strecke wurde bereits nach 70 Tagen Bauzeit fertiggestellt und 1887 eröffnet. Der offizielle Fahrbetrieb der Chiemsee-Bahn begann im. Juli. Hohe Prominenz wurde schon auf den Gleisen chauffiert: Mitglieder des bayerischen Königshauses, die Herzogin von Modena, die Erzherzogin Valerie von Österreich oder der Schah von Persien.

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Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm das Bockerl erst zum Sommerfahrplan 1949 wieder den Betrieb wieder auf. 1965 wurde die Chiemsee-Bahn Feßler & Comp als Firma aufgelöst und in die Chiemsee-Schifffahrt Ludwig Feßler KG eingegliedert.

Zur Erstausstattung der Chiemsee-Bahn gehörte ein Salonwagen der ersten Klasse. Der Wagen wurde von MAN nach dem Vorbild der „Kaysersberger Talbahn“ gebaut. Der Wagen war bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg unverändert im Einsatz und wurde 1949 stillgelegt. Der Salonwagen mit seiner luxuriösen Ausstattung an Sesseln und Samtsofas wurde 1975 ohne Bezahlung an ein privates Museum in Marxzell bei Karlsruhe abgeben, jedoch dort nie öffentlich ausgestellt. In einem dunklen Schuppen nagte der Zahn der Zeit an dem Fahrzeug. 1993 wurde zum Preis von 12 000 D-Mark das Fahrzeug von der Chiemsee-Bahn zurückgekauft. Der luxuriöse Wagen wurde größtenteils restauriert und 1995 wieder in Betrieb genommen.

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