OVB-Reporterin im Selbsttest

Freiwillig minus 95 Grad für die Gesundheit? In der Kältekammer von Michael Baldauf in Bergen

Dominik Fortkord und sein Stiefvater Michael Baldauf führen die Kältekammer Eiszeit in Bergen.
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Dominik Fortkord und sein Stiefvater Michael Baldauf führen die Kältekammer.
  • Heidi Geyer
    vonHeidi Geyer
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Ausgerechnet eisige Temperaturen sollen einen Effekt auf Gesundheit und Wohlbefinden haben. Testen kann man das in der neuen Kältekammer in Bergen. OVB-Reporterin Heidi Geyer hat es selbst ausprobiert.

Bergen – Die wohltuende Wirkung von Sauna und Dampfbad zweifeln die wenigsten an. Doch auch das genaue Gegenteil, extreme Kälte, soll sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Michael Baldauf aus Bergen ist davon überzeugt. Er hat dort eine Kältekammer eröffnet, die mindestens minus 85 Grad kalt ist.

Eiszeit in Bergen

Die sogenannten Kryotherapie, nämlich Anwendungen mit Kälte, sei in den 80er Jahren im Ausland aufgekommen. „Der Sohn meiner Frau ist Trainer im Fitnessbereich und war mit seiner Freundin schon öfters in einer Kältekammer“, erzählt Baldauf. Er sei daraufhin neugierig geworden und habe im Frühjahr in Österreich eine Kammer getestet. Das Erlebnis habe ihn so überzeugt, dass er seit Anfang Dezember mit „Eiszeit Bergen“ eine eigene Kältekammer anbietet.

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Die Kammer ist elektrisch betrieben und damit anders als andere Modelle am Markt, die eher an Tonnen erinnern. Dort ist der Kopf frei und die Temperatur in der Tonne wird durch flüssigen Stickstoff erzeugt. Baldauf hält es aber für wichtig, dass auch der Kopf gekühlt wird. „Wenn jemand die Kammer betritt, wirkt er wie ein Heizgerät. Ist sie leer, geht die Temperatur sogar auf minus 95 Grad herunter“, erzählt der 59-Jährige.

Priener Arzt begeistert

Zur Wirkung der Kammer möchte Baldauf sich nicht äußern, das überlässt er lieber Medizinern. In der Tat ist Kryotherapie in Deutschland noch nicht weit verbreitet. Die Bergener „Eiszeit“ sei die einzige öffentliche Kältekammer zwischen Salzburg und München, sagt Baldauf.

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Priener Arzt begeistert

Dr. Richard Schader ist Allgemein- und Sportmediziner in Prien und zeigt sich begeistert von der Bergener Kältekammer. „Mich persönlich überzeugt das Konzept.“ Er selbst nutze die Kammer, weil er sich im Sommer die Achillessehne gerissen habe. Schader erklärt den Effekt der Kammer so: „Durch den starken Kältereiz verändern sich die Hautnerven und es werden auch Hormone ausgeschüttet, die eine Schmerzlinderung mit sich bringen.“ Dies sei besonders bei chronischen Entzündungen wie Rheuma sehr sinnvoll. Er wurde auf die Kältekammer über einen Patienten aufmerksam, der an Multipler Sklerose leidet. Private Kassen würden die Behandlung in der Kältekammer sofern ärztlich verordnet, auch übernehmen. Bei gesetzlichen Krankenkassen sei dies bislang noch nicht der Fall.

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Schader ist Mannschaftsarzt der Ski-Cross-Nationalmannschaft. „Auch den Athleten werde ich raten, in die Kältekammer zu gehen“, sagt er, da sie leistungssteigernd sein könne und daher auch im Profisport weit verbreitet sei. Der portugiesische Fußballer Christiano Ronaldo soll Medienberichten zufolge über eine eigene Kältekammer verfügen.

Wenige Studien

Die Studienlage zu Krypotherapie, das heißt, die Behandlung in Kältekammern, ist übersichtlich. Das internationale Forschungsnetzwerk Cochrane hat Daten aus vier Studien verglichen und kommt allerdings zu keinem eindeutigen Ergebnis, dass Kryotherapie einen Effekt auf die Regeneration von Muskeln nach dem Sport hat. Dazu müsse laut den Autoren noch besser geforscht werden.

Wie hilfreich die Kryotherapie bei medizinischen Indikationen tatsächlich ist, dazu gibt es laut Dr. med Markus Rihl, der gemeinsam mit einem Kollegen eine rheumatologische Facharztpraxis in Traunstein betreibt, nur wenig Forschung. „In den letzten 20 Jahren haben sich die medikamentösen Therapien in der Rheumatologie sehr dynamisch und erfolgreich entwickelt, sodass diese rein physikalische ‚Therapieform‘ für die Rheumatologie keine Rolle spielt“, meint Rihl.

Eisbaden statt Kältekammer?

Man kennt die Bilder von Nationalspieler Per Mertesacker in der Eistonne und Eisschwimmern im Chiemsee. Eine Alternative zur Kältekammer? Allgemeinmediziner Schader zeigt sich skeptisch: „Das ist aus meiner Sicht nur etwas für Hartgesottene. Da ist der Besuch in der Kältekammer deutlich angenehmer.“ Prominente Kunden hat die Kältekammer bereits. Auf den Spuren Ronaldos ist auch der Traunreuter Boxer Serge Michel, der um den Europameistertitel gekämpft hat. Laut Baldauf hat er mehrfach die Bergener Kältekammer besucht.

In der Kältekammer: Die OVB-Reporterin hat‘s ausprobiert

Ohne zwei Wärmflaschen gehe ich nicht ins Bett. Kälte ist nicht so wirklich mein Ding. Nun stehe ich in Unterwäsche, Socken und Schuhen, mit einer dicken Mütze und Handschuhen vor der Kältekammer. Die Tür geht auf, ich husche schnell hinein. Die Kammer ist etwa so groß wie eine Umkleidekabine. Am Boden sind zwei Aufkleber, die mir zeigen, wo ich mich hinstellen muss.

Raus aus der Kältekammer.

Eine blaue Lichtsäule zeigt mir an, wie viel Zeit noch übrig ist, indem sie ihre Farbe zu weiß ändert. In den ersten Sekunden ist mein Impuls erst einmal „Ich will hier raus!“. Ich schaue an mir herunter, sehe kleine Schneeflocken oder Eisschuppen auf meiner Haut. Und sie schmelzen eben nicht. Es kostet mich Überwindung, drin zu bleiben.

Ich starre auf die Lichtsäule, noch zwei Minuten. Gedanklich versuche ich, mich abzulenken, und gehe kurz meinen Einkaufszettel durch. Ich gewöhne mich ein bisschen an die Temperatur, dennoch bin ich sehr glücklich, als endlich der Zeitstrahl anzeigt, dass drei Minuten um sind.

Danach ist meine Haut noch eisig, aber ich bin angenehm erfrischt und ganz wach. Mein Muskelkater vom Yoga und auch die Müdigkeit nach einem langen Arbeitstag sind wie weggeblasen. Ich taue schnell auf, nachdem ich wieder in meine Klamotten geschlüpft bin. Als ich mich auf den Heimweg mache, schalte ich gleich die Sitzheizung ein. Sicher ist sicher.

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