Franz Wagner leitet die Praxisklasse in Prien: „Ich bin Dienstleister für meine Schüler“

Die Praxisklasse baut ein Bushäuschen: Eines der vielen praktischen Projekte, die Franz Wagner (links) mit seinen Schützlingen angegangen ist. In diesem Fall mit dem damaligen Aschauer Bürgermeister Werner Weyerer (rechts neben Wagner) im Aschauer Ortsteil Bucha.
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Die Praxisklasse baut ein Bushäuschen: Eines der vielen praktischen Projekte, die Franz Wagner (links) mit seinen Schützlingen angegangen ist. In diesem Fall mit dem damaligen Aschauer Bürgermeister Werner Weyerer (rechts neben Wagner) im Aschauer Ortsteil Bucha.

Hunderte schwieriger Schüler haben Franz Wagner viel zu verdanken. Er hat sie an der Franziska-Hager-Mittelschule Prien in seine Praxisklasse geholt und ihnen zu einem Schulabschluss mit Perspektive verholfen. Der 60-Jährige geht auch nach 20 Jahren noch voll in dieser Aufgabe auf.

Von Dirk Breitfuß

Prien – Lukas hatte „gleich ein gutes Gefühl, als ich in die Klasse kam“ und Konrad findet Mathe „immer wieder spannend“. Dass Mittelschüler, die manche Lehrer schon fast aufgegeben hatten, solche Sätze sagen, braucht es in Prien Franz Wagner. Der 60-Jährige schafft es seit 20 Jahren, Schüler auf den richtigen und erfolgreichen Weg zu bringen, die viele Lehrerkollegen schon abgeschrieben hatten. Die Chiemgau-Zeitung hat versucht, das Erfolgsgeheimnis des beliebten Pädagogen zu ergründen. Lukas hatte letztes Jahr noch über 60 Fehltage, heuer keinen einzigen.

„Ich will, dass die Kinder keine Angst haben“

„Jeder will etwas erreichen, wenn nicht, dann ist er krank.“ Mit solch vermeintlich einfachen Feststellungen geht Wagner seit der Jahrtausendwende daran, Mittelschüler in der Praxisklasse für das Leben fit zu machen. Als der damalige Rektor Rainer Wicha meinte, „das wäre doch was für dich“, als die Praxisklassen im Jahr 2000 bei einer der vielen Schulreformen eingeführt wurden, war Wagners weiterer Berufsweg entschieden. Fortan kümmerte er sich immer zwei Jahre lang um Klassen mit höchstens 16 Schülern bis zu deren Abschlussprüfungen in der neunten Jahrgangsstufe. Und auch heute noch, 20 Jahre später, steht ihm die Begeisterung für seien Mission ins Gesicht geschrieben.

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„Ich will, dass die Kinder keine Angst haben und einigermaßen gern in die Schule gehen.“ Klingt simpel, aber das deutsche Schulsystem basiert auf Lernen durch Fehler, für den 60-Jährigen der falsche Ansatz.

Als Wagner die besondere Aufgabe übernommen hat, begann er, Unterrichtseinheiten aus dem Leben zu entwickeln und auf Band aufzunehmen. Heute kann er auch einen riesigen Fundus in allen relevanten Fächern zurückgreifen – und seine Schüler auch. Weil das Audio-Lernen individuell erfolgen kann, haben die Schüler nicht den gleichen Druck wie andere. „Bei mir arbeitet jeder auf seinem Niveau“, das ist Wagner sehr wichtig.

„Man kommt besser mit und kann öfter fragen“, erzählt Konrad Grill, einer von Wagners derzeitigen Schülern. Und sein Klassenkamerad Lukas Knechtl nickt und bestätigt: „Es ist alles ein bisschen entspannter.“

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Wenn Konrad sich bei der Berechnung eines Grundstückspreises am Chiemsee in Mathe um eine Kommastelle verrechnet und sein Lehrer das mit dem Satz kommentiert „Jetzt hab ich Dich um 7,2 Millionen beschissen“ – dann vergessen Konrad und seine Mitschüler diese Schmach so schnell nicht wieder.

Vielleicht ist es auch ein wenig Wagners fast kumpelhafter Umgang mit seiner Klasse, der ihm viel Autorität verschafft, wenn es drauf ankommt. Der Pädagoge ist ein Spätberufener. Als junger Mann wurde er Physiotherapeut in einer Reha-Klinik, verdiente zwischendurch seinen Lebensunterhalt als Bierfahrer. Ein Kreuzbandriss war der Wendepunkt. Wie einige familiären Vorbilder schlug auch er die Lehrerlaufbahn ein und schloss die Ausbildung 1990 ab. Nur ein Jahr ging er in den 1990ern mal in Aschau „fremd“, sonst ist er der heutigen Franziska-Hager-Mittelschule in Prien immer treu geblieben.

Wagner versteht sich nicht als Lehrmeister, eher als „Dienstleister für die Schüler und keiner, der am Schafott den Hebel drückt“, übt er indirekt Kritik am sehr leistungsbezogenen Schulsystem hierzulande. In „seiner Praxisklasse“ hat er einige Freiräume und die nutzt er. Über die Jahre hat er sich ein eng geflochtenes Netzwerk mit Firmenadressen geflochten und nutzt es, um seinen Schülern immer wieder Praktika zu ermöglichen. So lernen sie ihre Stärken immer besser kennen, werden selbstbewusster und besser in ihren Leistungen. Eines bedingt das andere.

„Die san ja ned ganz sauber im Kopf, die san ja in der Pubertät“

Wagners ambitioniertes Gesamtziel: „Die Erziehung zum mündigen Bürger, das ist das höchste Gut“.

Dafür hat er die Puzzlesteine, ob es das gemeinschaftliche Gemüsebeet auf der Dachterrasse ist oder soziale Projekte für den guten Zweck wie der Bau eines Buswartehäuschens: Offenbar gelingt es Wagner mit seiner Mixtur immer wieder, verborgene Talente zu wecken und selbstbewusste, selbstständige junge Erwachsene zu formen. Darum gehts am Ende. Zwischendurch ist der 60-Jährige auch oft nachsichtig, das kommt an. Er weiß ja: „Die san ja ned ganz sauber im Kopf, die san ja in der Pubertät. Aber wenn sie spinnen, dann jetzt noch. Später müssen sie ja arbeiten.“

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