Feuerwehrkapelle Gstadt spielte nur drei Sommer lang – Bei Freibier spontan gegründet

Bei einem Festzug durch Breitbrunn marschiert die Kapelle voran.

Es gibt nur noch zwei Zeitzeugen, die sich an die spontane Gründung der Gstadter Feuerwehr-Blaskapelle vor 65 Jahren erinnern. Einer von ihnen ist Konrad Bergmann. Er erzählt von der kurzen, durchaus turbulenten Zeit an den Blechblasinstrumenten.

Von Karl Wastl

Gstadt – Einige passionierte Musikanten hoben 1955 die Feuerwehrkapelle Gstadt aus der Taufe. Einer der beiden noch lebenden Zeitzeugen, Konrad Bergmann, erinnert sich im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung mit äußerst amüsanten Schilderungen an die holprigen Zeiten der damaligen Blaskapelle.

Im Herbst 1955 saß ein geselliges Grüppchen Musikanten im Nebenzimmer des Gstadter Jägerhofs beisammen, das beim Genuss einer frischen Maß spontan beschloss, eine Blaskapelle zu gründen. Spendiert hatte das Freibier die Feuerwehr für die Teilnahme an der Herbstübung. Somit stand auch gleich der Name fest: „Feuerwehrkapelle Gstadt“.

„Überschaubares“ muskalisches Talent

Bergmann, damals als Roider Jackl von Gstadt bekannt, wurde zum Musikmeister und 1. Trompeter ernannt. Mit dabei waren außerdem Fritz (Zellner) Hainz als 2. Trompeter, Sigi (Schallner) Strasser am 1. Tenorhorn, Max (Nudler) Oberhauser am 2. Tenorhorn, Lenz (Radler) Wölkhammer, Es-Trompete, Sepp (Schallner) Strasser, Posaune, Hartl (Grimm) Reichl, Bombadon (Bass) und Schorsch Stadler am Schlagzeug. Etwas später gesellte sich noch Sepp Pecher (Wegmacher) mit seiner Klarinette dazu.

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Auf einen euphorischen Anfang folgte alsbald der Dämpfer. Die Motivation war grenzenlos, der „Krach“ aber auch und die anfängliche Begeisterung schwand mit jedem gespielten Ton. Waren vereinzelte Talente zu erkennen, „so war dies aber beim Rest durchaus überschaubar“, umschreibt es Bergmann schmunzelnd.

Die erste Probe in der Stube des „Schallnerbauern“ war ernüchternd: 25-maliges Proben des Marschs Nr. 1 „Dem Glück entgegen“ – und kein Ende in Sicht, erinnert sich Bergmann.

Glücklicherweise gelang es dem Grimm Hartl, ein „Bombadon“ (Bass) vom Hell´n Schorsch, einem Musikanten von den Fraueninsler „Klästera“ zu erwerben. Auch der Radler Lenz rüstete auf und beschaffte sich ein F-Horn, „dass er mittels „Sauschwanzl“ (Distanzstück) auf Es-Dur transponierte“, fachsimpelt Bergmann über die Versuche, sich über bessere Instrumente dem klanglichen Ziel zu nähern..

Aufwärts ging es ab der zweiten Probe mit einem versierten „Trainer“, dem Breitbrunner „Schandarm“ und Musikanten der Landespolizei, Ludwig Hellman, der für die Enthusiasten den Taktstock schwang.

Geldsammlung in „Wirtschaftskrise“

Die ständigen Geldausgaben für Noten und Instrumente führten schon bald zur ersten „Wirtschaftskrise“ der Kapelle. Um die Not etwas zu lindern, entschloss man sich zu einer Haussammlung, deren Erfolg in der Chronik aber nicht beziffert ist.

Guter Dinge folgten die ersten öffentlichen Auftritte, was ebenfalls Geld in die Kapellenkasse spülte. Es waren Beerdigungen, Standkonzerte und Christbaumversteigerungen, entweder als Quintett oder mit allen neun Mann.

Da Hellmann noch kein akzeptables Instrument hatte, wurde eine Holzsammlung angeleiert und die Festmeter für 75 Mark verkauft. Vom Erlös, wurde für 300 Mark ein Waldhorn erworben und es ging in den ersten Proben-Winter.

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Weil der Nudler Max zu wenig Freude und der Zellner Fritz zu wenig Zeit hatte, „quittierten sie zeitig ihren Dienst und deswegen brauchten wir immer Aushilfen“, was oft für Unmut gesorgt habe.

Für den ebenfalls bald ausgeschiedenen Schallner Sigi sprang der Schlemer Donat in die Bresche, was für die Kapelle ein Glücksfall war.

Anlässlich der Beerdigung von Gstadts Feuerwehrkommandanten Hans Rappl stellte sich ein Teil der Kapelle Ende 1955 erstmals der Öffentlichkeit vor und wurde sogar in der Chiemgau Zeitung erwähnt.

Selbstverständlich gab es auch viele lustige Begebenheiten. So blies auf der Hochzeit vom Aischinger Hermann im April der Ostwind so kalt, dass allen Musikanten die Blechinstrumente einfroren und man letzten Endes nur noch die Klarinette vom Pecher Sepp „fiepen“ hörte.

Oder der erste abendfüllende Feuerwehrball: Ein noch begrenztes Repertoire wurde gestreckt, indem man von jedem Stückl den Applaus abwartete und je nach Lautstärke des Beifalls dies gleich nochmal wiederholt wurde. Nach elf Stunden Spielmarathon gingen alle mit geschwollenen Lippen nach Hause, schmunzelt der damalige Protagonist heute über die körperlichen Strapazen.

Ein anderes Mal sollte auf einem Waldweg zwischen „Fazikreuz“ und „Neuhäusl“ das Marschieren nach Musik geprobt werden. Da tauchte urplötzlich ein Radlfahrer auf und vor lauter Schreck „is da Stadler Schorsch über sei eigene Basstrommel umikugelt und scho war´n mia wieda aus´m Takt“, witzelt Bergmann.

Das eine oder andere Mal zogen aber auch dunkle Wolken am Musikantenhimmel auf. So war es der Kapelle nicht gelungen, für den heimischen Feuerwehrball Ersatzmusikanten aufzutreiben, so dass die Priener Blaskapelle das „Heimspiel“ der Gstadter im Nachbardorf Breitbrunn übernahm, ärgert sich der 89-jährige Bergmann noch heute.

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Meistens waren die Hobby-Musikanten für Auftritte schlicht zu wenige. Ersatz fand sich zumeist auch nicht. Trotzdwem war die Feuerwehrkapelle Gstadt während ihrer aktiven Jahre auf zahlreichen Veranstaltungen zu hören. So wurde den Sommer hindurch zur Brauchtumspflege und Unterhaltung der Touristen auf Almtänzen und Heimatabenden aufgespielt. Auch Umzüge, Jahrtage, Hochzeiten und sogar die musikalische Umrahmung der Weltmeisterschaft im Eisstockschießen stehen in der Chronik.

Am Ende war es aber der dauerhafte Personalmangel, der maßgeblich war, dass sich die Kapelle nach kaum drei Jahren wieder auflöste.

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