Faschismus keine Chance geben - Gedenken zum Jahrestag am jüdischen Friedhof in Surberg

Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen an der Gedenkstätte in Surberg. Die Gedenkfeier musste in diesem Jahr aufgrund der Coronakrise virtuell stattfinden. Wittenzellner

Vor 75 Jahren, am 3. Mai 1945, fand wenige Kilometer von Traunstein entfernt und nur wenige Stunden vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen in Traunstein ein Massaker an über 60 KZ-Häftlingen eines „Todesmarsches“ statt. Am jüdischen Friedhof fand eine Gedenkfeier statt.

von Andreas Wittenzellner

Traunstein– Die meist jüdischen Häftlinge hatten oft einen langen, mehrjährigen Leidensweg durch verschiedene Konzentrations- und Arbeitslager hinter sich, bevor sie Anfang 1945 über die Lager Buchenwald und Flossenbürg noch nach Süden in die Flossenbürger Nebenlager Plattling und Ganacker in Niederbayern verfrachtet wurden. Die begleitenden SS-Männern flohen anschleießnd und wurden nie entdeckt.

1000 jüdische Häftlinge gen Süden getrieben

Mit dem Heranrücken der Front wurden beide Lager aufgelöst und jeweils rund 500 Häftlinge in mehreren Marschkolonnen auf einen Fußmarsch Richtung Südosten getrieben, bei dem bereits viele Häftlinge durch Erschöpfung, Hunger und Gewalttaten der begleitenden SS-Wachmannschaften den Tod fanden. Nach einer Woche Marsch erreichte einer der Häftlingszüge am Abend des 2. Mai 1945 die Stadt Traunstein, wo sie im Schweinestall des damaligen Brunnerbräukellers übernachteten. Am nächsten Morgen wurden sie Richtung Osten weitergetrieben.

Kurz vor dem Ort Lauter sollten sie in einen Feldweg abbiegen, ihnen wurde Unterkunft und Verpflegung versprochen. An einem Waldrand mussten sie sich der Reihe nach aufstellen und wurden dann von den SS-Männern erschossen. Der polnische Jude Leo Neumann überlebte schwerverletzt das Massaker, aus seinem kurzen Bericht sind die Einzelheiten des Geschehens bekannt. Wenige Monate später, im November 1945, wurden die Särge von 66 Ermordeten auf dem neu errichteten KZ-Friedhof beigesetzt.

Wurden in den ersten Jahren noch Gedenkfeiern abgehalten, so geriet das Geschehen bald in Vergessenheit. Erst seit 1985 finden auf Initiative des Traunsteiner Kreisverband der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) wieder Gedenkfeiern statt.

Lesen Se auch: Die OVB-Themenseite zum Zweiten Weltkrieg

Es wäre zum 75. Jahrestag wohl wieder eine bewegende Gedenkfeier auf dem KZ-Friedhof in Surtal geworden, mit vielen Teilnehmern,

Grüßen von Überlebenden des Naziterrors, Ansprachen und musikalischer Umrahmung. Aufgrund der Corona-Krise kann sie nicht abgehalten werden – wie viele ähnliche Gedenkfeiern in diesem Jahr. „Aber weil die Erinnerung an die Opfer und an den Naziterror, den es eben auch vor Ort gegeben hat, wichtig bleibt, angesichts von rechter Gewalt, Krieg und Menschenrechtsverletzungen, wird die Gedenkfeier in diesem Jahr virtuell abgehalten“ wie Friedbert Mühldorfer vom VVN-BdA mit Verweis auf das gedrehte Video betont. Er übermittelt bei der Gedenkfeier Grüße von Surbergs ehemaligen Bürgermeister Josef Wimmer und der Gemeinde Surberg. Besondere Grüße kamen von drei Überlebenden des NS-Terrors, die schon öfters in Surtal dabei waren: Von Salec Beldengruen aus Israel, auf einem Todesmarsch bei Waging befreit, sowie von Ernst Grube, noch im Frühjahr 1945 ins KZ Theresienstadt deportiert, heute Präsident der Lagergemeinschaft Dachau. Grüße ließ auch „Mano“ Höllenreiner überbringen, der als Kind einer Münchner Sintifamilie unter anderem auch nach Auschwitz verschleppt wurde.

Videogrüße von drei Überlebenden

Bundestagsabgeordnete Dr. Bärbel Kofler, Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, betont in ihrem Grußwort die Bedeutung dieses Erinnerns vor Ort. Es müssten alle Kräfte aufgeboten werden, damit sich solches Geschehen nie mehr wiederholen möge. Dazu gehöre besonders, aller Opfer würdig zu gedenken.

„Ich empfinde es persönlich immer zutiefst aufwühlend und erschütternd, wie viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden.“ Es ist unsere Verpflichtung, so Bärbel Kofler, uns heute weltweit dafür einzusetzen, „dass in allen Ländern dieser Erde der Wert eines jeden Menschen gleich geachtet wird“.

Demokratie und demokratische Rechte müssten geschützt werden, nationalistischen und rassistischen Schuldzuweisungen entgegengetreten werden. Dabei könne jeder einzelne seinen Beitrag leisten. So könne das Gedenken an die Opfer von Surberg auch „Ansporn sein, uns für Menschenrechte weltweit einzusetzen“.

+++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Die Ansprache zum Gedenken hielt heuer der Kinder- und Jugendarzt Dr. Thomas Nowotny aus Stephanskirchen. Seine Mutter, eine Münchner Jüdin, musste mit ihrer Familie vor rassistischer und politischer Verfolgung durch die Nazis aus Deutschland fliehen. An Frauen und Männern machte der Redner deutlich, wie gnadenlos die Vernichtungsmaschinerie der Nazis mit den jüdischen Bürgern umging. Dazu gehörte auch die Täuschung, so in Bezug auf das Ghetto Theresienstadt, in das allein acht seiner Verwandten deportiert wurden. Schon vor ihrer Ankunft mussten sie einen so genannten „Heimeinkaufvertrag“ abzuschließen und teuer bezahlen, um den Kauf von richtigen Wohnungen vorzutäuschen; das Geld verschwand in der Kasse des NS-Staats.

Das könnte Sie auch interessieren: Infos zum jüdischen Friedhog in Surberg

Aber auch die Massenmorde sollten vertuscht werden: So zwang die SS Ende 1944 Insassen des Ghettos, die Asche von etwa 20000 Menschen in den nahegelegenen Fluss Eger zu werfen. Einer seiner Verwandten, so berichtete Nowotny, hatte auch einen Bezug zu Traunstein: Max Oestreicher lebte mit seiner Frau in den 30er-Jahren für kurze Zeit in Traunstein und Altenmarkt, bevor er nach Kassel zog und dort als Ingenieur arbeitete. Der 44-jährige wurde von dort aus deportiert und 1942 im KZ Sachsenhausen ermordet. Sein stilles Gedenken verband Thomas Nowotny mit den Worten: „Wenn wir heute vor den Gräbern in Surberg stehen, denken wir an alle Ermordeten - auch an die, die keine Gräber haben. Wir denken an die, die unter dem Druck der Verfolgung die Flucht in den Tod gewählt haben, wie mein Opa. Wir denken an die, denen die Flucht ins Exil gelungen ist, so wie meiner Mutter, meiner Tante und meiner Oma. Und wir denken an die, die das KZ überlebt haben. Viele dieser Menschen und auch ihre Nachkommen leiden ihr Leben lang an den Folgen. Alle sind davon beeinträchtigt.“ Die Erinnerung ist notwendig, betonte der Redner abschließend, „dass Faschismus und Intoleranz in diesem Land keine Chance haben.“

Kommentare