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Prozess gegen Stefan H. wegen Körperverletzung in 1450 Fällen

Nach langem Schweigen: Plötzlich ergreift der „falsche Rosenheimer Impfarzt“ das Wort

Der „falsche Rosenheimer Impfarzt“ Stefan H. am Landgericht Traunstein
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Der „falsche Rosenheimer Impfarzt“ Stefan H. am Landgericht Traunstein
  • Xaver Eichstädter
    VonXaver Eichstädter
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Rosenheim/Traunstein - Er impfte reihenweise Menschen im Raum Rosenheim gegen das Coronavirus, obwohl er schwindelte und gar kein Arzt war. Wegen 1450-facher Körperverletzung ist Stefan H. angeklagt. Am vierten Prozesstag wurde mehr über seine Persönlichkeit und seine Motivation bekannt.

Update, 16.20 - War sich für keinen Job „zu schade“

Bisher schwieg der „falsche Rosenheimer Impfarzt“ während des ganzen Prozesses - doch jetzt, am vierten Verhandlungstag, ergreift Stefan H. plötzlich das Wort. „Ich bedaure, was passiert ist. Ich möchte um Verzeihung bitten und bekräftigen, dass ich niemandem schaden wollte“, so der 50-Jährige. Bisher sprachen nur seine Verteidiger in seinem Namen, legten unter anderem schon ein Teilgeständnis für ihn ab.
 
Der Angeklagte bekräftigte erneut, nicht in erster Linie wegen des Geldes als „falscher Impfarzt“ gearbeitet und die entsprechenden Dokumente dafür gefälscht zu haben: „Ich hatte niemals etwas Böses im Sinn.“ Überhaupt sei er sich in seinem Leben für keinen Job „zu schade“ gewesen. 2015 arbeitete er zuletzt bei IKEA, später versuchte er sich mit einer Praxis für Psychotherapie.

„Ich kann auf alle meine Arbeitsstellen schauen und behaupten, meinem Grundsatz, Menschen aller Altersgruppen oder Herkunft zu coachen, sie zu begleiten, treu geblieben zu sein - auch wenn es hieß, mit anderen bei IKEA ein Schlafzimmer zusammenzustellen“, so Stefan H. Auch seine Partnerschaft habe durch „meine Lügen und meine Dummheit einen großen Riss“ bekommen.

Der Prozess gegen Stefan H. wegen 1450-facher Körperverletzung wird am 24. März am Traunsteiner Landgericht fortgesetzt. Mit einem Urteil wird im April gerechnet. 

Die Erstmeldung

Schon beim Verhandlungstag vorige Woche ging es darum, was Stefan H. dazu getrieben hat, sich als „falscher Arzt“ ins Rosenheimer Impfzentrum hineinzuschwindeln. Nächstenliebe, wie seine Verteidiger sagen, oder wegen des Geldes - denn den Angeklagten plagten große Geldsorgen, wie bekannt wurde. Am Donnerstag (17. März) gaben nun psychiatrische Gutachter Einblick ins Innenleben von Stefan H. Deren Kernaussage: Er wollte mit dem Job als Impfarzt vor allem sein geringes Selbstwertgefühl aufpolieren.

Falscher Impfarzt - „Sein Selbstwertgefühl ist nicht zu sättigen“

Ein „gesteigertes Bedürfnis nach Anerkennung“ diagnostizierte der Sachverständige Jürgen Thomas. Denn zuvor habe er im Leben nie erreicht, was ihm wirklich wichtig war. „Schon in der Schule habe er sich zweitklassig gefühlt, weil er mit Kindern bekannter Persönlichkeiten in der Klasse war“, so die zweite Gutachterin Susanne Lausch. Anzeichen für psychiatrische Erkrankungen oder Realitätsverlust gebe es bei Stefan H. aber eindeutig nicht. Sein Kernkonflikt sei das verminderte Selbstwertgefühl: „Es ist nicht zu sättigen“, so Jürgen Thomas. Der Angeklagte sei auf Bewunderung und Anerkennung angewiesen.

Überhaupt sprechen beide Sachverständigen nur von einer „scheinbaren Uneigennützigkeit“ beim Angeklagten. Ja, er habe im Impfzentrum helfen und etwas bewegen wollen, „aber es gibt auch eine narzisstisch Komponente, nämlich den finanziellen Hintergedanken“. Der Stundenlohn für einen Impfarzt beträgt 100 Euro. Rund 20.000 Euro wären dem Mann aus dem Landkreis München für seine Tätigkeit als Impfarzt im Februar und März 2021 zugestanden. „Hochmanipulativ“ sei Stefan H. vorgegangen, um an den Job als Impfarzt zu kommen, so der psychiatrische Sachverständige. Er fälschte dafür Arzturkunden und sagte nicht mal seinem Lebensgefährten etwas davon.

Angeklagt ist der Mann wegen 1450 Fällen von Körperverletzung, Urkundenfälschung, gewerbsmäßigen Betrugs, Ausübung der Heilkunde ohne Erlaubnis sowie Missbrauch von Titeln und Berufsbezeichnungen. Bei mindestens 306 Personen habe er die Spritze selbst gesetzt, sowohl im Impfzentrum Rosenheim, als auch in Heimen im Landkreis Rosenheim. Bei 1144 Personen habe er nur Leitung und Aufsicht inne gehabt. Mehrere seiner Assistenten wurden bereits skeptisch angesichts seiner Wissenslücken. Ein Arzt, der sich von Stefan H. impfen ließ, brachte den Stein dann ins Rollen.

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