Der etwas andere Blick auf die Traunsteiner Geschichte

Der Bau der Alten Traunsteiner Hütte, hier ein Bild um 1910, ist eines der Verdienste der Alpenvereinssektion Traunstein. Stadtarchiv Traunstein

Das Jahrbuch des Historischen Vereins Traunstein taucht ein in vergangene Jahrhunderte und fördert dabei so manche Überraschungen zu Tage. So taucht beispielsweise Altoberbürgermeister Fritz Stahl in seinem Aufsatz ein in die Zeit der Weimarer Republik. Stadtarchivar Franz Haselbeck schreibt über die Einführung des Frauenwahlrechts in Bayern.

Von Günther Buthke

Traunstein – Meilensteine bayerischer Geschichte und damit verbundene Lebenswege Traunsteiner Bürger ist das Schwerpunktthema des neuen Jahrbuchs des Historischen Vereins für den Chiemgau zu Traunstein. Renommierte heimische Autoren beschäftigen sich dabei mit ganz unterschiedlichen Themen, die nicht nur die große Politik, sondern auch das Alltagsleben vergangener Generationen prägten.

Parteien ringen um Regierungsmacht

So taucht Altoberbürgermeister Fritz Stahl in seinem Aufsatz ein in die Zeit der Weimarer Republik, jener Epoche zwischen 1919 und 1933 in der nichts mehr so war wie vor dem Krieg: Mit dem Fall der Monarchien im Deutschen Reich brauchte es neue Regierungsformen, um deren Ausgestaltung eine ganze Reihe unterschiedlicher Parteien rangen – und das nicht nur verbal in den neu gegründeten Parlamenten, sondern mitunter auch mit Waffengewalt auf den Strassen.

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Dass die Situation auch nach Kriegsende noch lange Zeit prekär war, ist dabei nicht verwunderlich, wie Fritz Stahl verdeutlicht: „Es herrschte seit Jahren Mangel an Lebensmitteln, an Kleidung und Heizmaterial, eigentlich an allem. Die Preise stiegen. Die heimkehrenden Truppen mussten geordnet aufgelöst werden, alle wollten Arbeit, alle wollten versorgt werden.

Die Revolution in Traunstein verlief weitgehend friedlich

Die Wirtschafts- und Industriebetriebe mussten von Kriegs- auf Friedensproduktion umstellen. Die Siegermächte forderten Reparationszahlungen und erzwangen Gebietsabtrennungen.“

Im Gegensatz zu München und anderen bayerischen Städten verlief die Revolution in Traunstein jedoch weitgehend friedlich: Es gab zwar einen Soldatenrat, doch der war von der Einwohnerwehr kurzerhand entwaffnet worden, als die Gewalt von der Landeshauptstadt in die Provinz überzuschwappen drohten.

Wahlrecht für Frauen

Politik wurde aber auch hier gemacht, wie der Aufsatz von Stadtarchivar Franz Haselbeck über die Einführung des Frauenwahlrechts in Bayern aus Traunsteiner Blickwinkel zeigt: Der allgemeine Aufruf an die Bevölkerung zur Wahl des bayerischen Landtags wie auch kurz darauf zur Deutschen Nationalversammlung im Januar 1919 wurde von etlichen ortsansässigen Frauen kräftig unterstützt. Die Kundgebungen, die Emma Burckhardt, Anna Lackenbauer, Helene Merkc, Elise Pfeiffer, Katharina Prandtner, Luise Progino und Hedwig Rohmer organisierten, war groß, und die Forde-rung der streitbaren Damen klar: Frauen sollten nicht nur vom aktiven Wahlrecht, das sie nach langem Kampf endlich erhalten hatten, Gebrauch machen, sondern auch Politik gestalten.

Vor 150 Jahren DAV-Sektion Traunstein gegründet

Ein Plakat aus der Sammlung des Traunsteiner Stadtarchivs verdeutlicht, mit welchen Wahlkampfparolen weibliche Wähler an die Urnen gelockt werden sollten: „Frauen und Mädchen. Ihr seid künftig nicht nur dazu berufen, im Hause Ordnung zu halten, sondern durch das Wahlrecht der Frauen sollt Ihr im Staate, mithelfen, geordnete Zustände herbeizuführen.“

Dass im Chiemgau aber nicht nur politisiert wurde, beleuchtet der Rückblick von Hans Helmberger, Vorsitzender des Historischen Vereins Traunstein: Heuer vor 150 Jahren wurde die Sektion Traunstein des Deutschen Alpenvereins gegründet, die heute über 7000 Mitglieder zählt.

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Zeitungsbericht von 1920

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hatte die Begeisterung für die alpine Welt auch etliche hiesige Bürger erfasst, aus deren Reihen der Apotheker Josef Pauer und der Landgerichts-Richter Franz von Schilcher dem Vorbild des Deutschen Alpenvereins folgten und wenige Monate nach dessen Formierung im Mai 1869 eine örtliche Sektion gründeten. Aufgabe der Mitglieder war es zunächst, die heimischen Gipfel mit dem Bau von Wegen und Hütten zu erschließen.

Hans Helmberger skizziert in seinem reich bebilderten Aufsatz markante Ereignisse aus eineinhalb Jahrhunderten Alpenvereinssektion Traunstein, über deren Vereinstätigkeit in einem Zeitungsbericht von 1920 zu lesen ist: „Die Sektion hat wieder einmal bewiesen, dass sie nicht bloß bergsteigerisch und auf Klettergerüsten, sondern auch gesellig und künstlerisch hervorragende Leistungen aufzuweisen imstande ist.“ Eine Beschreibung, die auch 100 Jahre später noch genauso passend wäre.

Ein bewegendes Beispiel für Millionen von Toten

Ein passionierter Berggeher war auch der Traunsteiner Rudi Wiendl, dessen kurzes und tragisches Leben Josef Parzinger nachzeichnet. Der Sohn eines Schäfflermeister fiel 18-jährig im Juni 1944 an der Ostfront und ist damit bewegendes Beispiel für Millionen von Toten, die das menschenverachtende Nazi-Regime auf dem Gewissen hat. Parzingers Schilderung ist umso eindrucksvoller, weil sie nicht nur das sinnlose Ende eines Menschen zeigt, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte, sondern auch das Leid, das sein Tod für seine Angehörigen bedeutete – ein Blickwinkel, der in vielen Darstellungen über den Zweiten Weltkrieg meist zu kurz kommt.

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Mit der architektonischen Geschichte Traunsteins beschäftigen sich die Aufsätze von Walter Staller, Helmut Kölbl und Vanessa Zmudzinski. Staller hat eine Chronik über das knapp 200 Jahre alte Geburtshaus seines Vaters, des Heimatforschers und Max-Fürst-Preisträgers Alfred Staller, im Traunsteiner Stadtteil Empfing verfasst. Die wechselnden Besitzer liefern dabei ein buntes Abbild der bürgerlichen Gesellschaft von anno dazumal. Georg Bauer, der erste private Eigentümer des damaligen Wildbads ließ das Haus 1838 errichten, später wohnte hier unter anderem eine Münchner Offizierswitwe, ein Polizeisoldat, ehe der Großvater des Autors das Anwesen 1922 erwarb.

Mit der Bau-Historie des Stadtplatzes beschäftigt

Die Kunsthistorikerin Vanessa Zmudzinski hat sich in ihrer Bachelorarbeit mit der baulichen Historie des Traunsteiner Stadtplatzes beschäftigt und Helmut Kölbl mit der Geschichte des 250 Jahre alten Kernschlosses, das ein wechselvolles Dasein geführt hat: Zunächst Lustschloss des Traunsteiner Kastners Frei-herr von Kern, der dem Gebäude auch seinen heutigen Namen gab, später Wohnsitz des hiesigen Stadtschreibers sowie des Traun-steiner Ehrenbürgers Eugen Rosner, zog 1919 der Schauspieler Friedrich Ulmer ein, nachdem er die Witwe Rosners geehelicht hatte. Im 20. Jahrhundert fungierte das Haus als Nervensanatorium, dann als Heeres-Geschäftsstelle, nach dem Krieg als Flüchtlingsunterkunft und Missionsgebäude. Heute sind dort Büros und Wohnungen untergebracht.

Das Jahrbuch des Historischen Vereines für den Chiemgau zu Traunstein ist ab sofort im Traunsteiner Stadtarchiv sowie im Buchhandel erhältlich.

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