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Corona-Pandemie sorgt für immer mehr Patienten

„Es ist total eskaliert“ - Fehlende Tierarzt-Notdienste in der Region bringen Tiere in Not

Eine Hundewelpe spielt im Schnee.
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Die Zahl der Haustiere ist durch die Corona-Pandemie angewachsen. Es gibt jedoch immer weniger tierärztliche Notdienste.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Es gibt immer weniger tierärztliche Notdienste und durch die Corona-Pandemie gleichzeitig mehr Haustiere. Das bringt Tierärzte genau wie die Tiere und ihre Besitzer in Not.

Traunstein/Oberhaching - Kratos sitzt neben seiner Besitzerin im Wartezimmer und schaut aus seinen großen braunen Augen müde drein. Der neunjährige Mischling bewegt sich kaum und dreht seinen Kopf nur langsam, als ein anderer Hund an der Rezeption der Tierklinik Oberhaching anfängt, wild zu kläffen. Kratos ist ein Schatten seiner selbst, denn eigentlich ist er ein ganz aufgewecktes Tier, erzählt seine Besitzerin Gabriela Schwaiger.

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Und ein schlaues noch dazu: Sogar als Rettungshund ist er ausgebildet. Doch jetzt ist alles anders, die Galle ist es wohl, die ihm starke Schmerzen bereitet. „Ich mache mir große Sorgen“, sagt Schwaiger. Eineinhalb Stunden ist sie mit dem Auto hergefahren, musste sich einen Tag Urlaub nehmen. Denn in ihrer Heimatstadt Regensburg kann Kratos niemand helfen.

In vielen Regionen Bayerns wird kein Notdienst mehr angeboten

„Leider kein Einzelfall“, erklärt Dr. Peter Scabell, Leiter der Tierklinik und selbst Tiermediziner. „Es gibt viele Regionen in Bayern, in denen kein Notdienst mehr angeboten wird.“ Immer weniger Kleintierpraxen hätten zu Randzeiten offen, außerdem gebe es immer weniger Tierkliniken. „Wir sind dann das letzte Auffangbecken“, sagt Scabell achselzuckend. Zum Beispiel, wenn der Hund spät abends noch mal raus muss, angefahren wird und eine offene Fraktur hat. „Dann beginnt die Rumtelefoniererei.“ Zum Teil würden die Praxen bei komplexeren Verletzungen gleich abwinken und die Patienten weiterschicken, weil sie diese selbst schlicht nicht behandeln können.

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So wie bei Nino, dem Hund von Lisa Huber. „Wir haben Nino vor einem Dreivierteljahr vom Tierschutz aus Portugal bekommen“, erzählt Huber. Leider habe er Probleme mit Parasiten, sogenannten Giardien, deren Behandlung sich als sehr aufwendig herausgestellt habe. „Damit haben wir nicht gerechnet“, räumt seine Besitzerin ein. Nino war schon mehrfach in der Tierklinik, auch wenn Huber extra eineinhalb Stunden Auto fahren muss: „Unser Tierarzt daheim hat nicht die technischen Möglichkeiten wie hier.“

Lange Warteschlangen in der Klinik

Im Hintergrund geht es zu wie in der Fußgängerzone vor Weihnachten. Lange Schlangen bis vor die Eingangstür der Klinik, Hunde, die vor Angst und Aufregung kläffen, andere, die völlig abwesend wirken und vermutlich große Schmerzen haben. Nur in dem Bereich, in dem die Katzenbesitzer warten, ist es etwas ruhiger.

Viel Kundschaft sei eigentlich im Sinne der Klinik, sagt Scabell. „Nur brauchen wir dafür Personal und Räume.“ Gerade Ersteres sei schwer zu kriegen: „Es gibt einfach zu wenige Kolleginnen und Kollegen, die klinische Erfahrung haben und auch bereit sind, Notdienste zu machen“, sagt er. Lukrativere Alternativen mit deutlich angenehmeren Arbeitszeiten bietet die Industrie. „Außerdem macht es uns das Arbeitszeitgesetz nicht leicht, die Notdienste zu organisieren“, sagt Scabell. Lukrativ ist der Notdienst trotz hoher Aufschläge nicht, zumal die Kunden teils wenig Verständnis für die Zuschläge haben: „Wer am Wochenende einen Schlüsseldienst braucht, muss horrende Preise zahlen. Wir kriegen dafür oft einen Shitstorm.“

Bis zum 50 Patienten im Tier-Notdienst

Gebraucht wird die Notfallbetreuung dringend: 30 bis 50 Patienten kommen an einem typischen Samstag in den Notdienst. Zusätzlich müssen die Tiere, die in der Klinik stationär aufgenommen werden, versorgt werden. Obwohl 54 Tierärzte dort beschäftigt sind, sei es schwierig.

Wenn man sieht, wie eng es im OP-Bereich der Tierklinik zugeht, könnte man fast meinen, dass mehr als genug Personal da ist: In einer Nische schauen sich drei Tierärzte einen betäubten Berner Sennenhund an. Ein paar Meter weiter liegt eine schwarz-weiße Katze in Vollnarkose, eine Mitarbeiterin notiert sich Werte auf einem Klemmbrett. In einem Saal wird schon operiert, im anderen ist ein Hund für die Entfernung von zwei Tumoren im Unterleib narkotisiert. Viele Menschen und Tiere auf wenig Raum. Wer sich steril macht, muss aufpassen, nicht angerempelt zu werden.

„Es reicht immer noch nicht“

Umgebaut haben Scabell und seine Kollegen die Tierklinik seit ihrer Gründung vor 16 Jahren immer wieder. Sogar in den Bürogebäuden nebenan seien mehrere Etagen angemietet worden: „Aber es reicht immer noch nicht“, sagt Scabell resigniert.

Ein Anruf in der Praxis von Tierarzt Dr. Christian Ebenböck in Traunstein. Er ist einer der wenigen, der im Chiemgau noch Notdienste anbietet. Wenn es denn nur immer echte Notfälle wären mitten in der Nacht. „Um eins werde ich angerufen, weil jemand ein Vogerl gefunden hat, um drei meldet sich dann jemand, weil eine fremde Katze vor der Tür sitzt und um fünf ruft die nächste Kundschaft an, weil sie unbedingt einen Termin für den Tag haben will.“ Seit Kurzem deckt seine Praxis deshalb nicht mehr die ganze Nacht ab, nur bis 23 Uhr bietet er noch Notdienst an. Zumal sich auch Ebenböck schwertut, Tierärzte sowie tiermedizinische Fachangestellte zu finden.

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Kein Personal, aber immer mehr Tiere: Die Pandemie hat Tierärzten noch mehr Patienten beschert. „Da ist es total eskaliert“, findet Ebenböck. Scabell sieht das auch so, zumal Tiere immer stärker zur Familie gehören und der Markt für Tierbedarf wachse. Nicht alle diese Entwicklungen gefallen den beiden Ärzten. „Da wird ein Heidengeld für biologisches artgerechtes rohes Futter ausgegeben. Das Futter vom Discounter tut es aber ebenso“, sagt Ebenböck.

Ist die medizinische Hilfe immer im Sinn der Tiere?

Scabell gibt außerdem zu bedenken: „Der Fortschritt in der Tiermedizin erlaubt uns eine wesentlich intensivere und aufwendigere medizinische Betreuung.“ Ob das immer im Sinne der Tiere sei, müsse man von Fall zu Fall prüfen. Auf der anderen Seite ermögliche dies aber eben auch das Niveau von Tiermedizin, das in Oberhaching praktiziert werde.

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