30 Jahre Deutsche Einheit

Einziges DDR-Playmate lebt heute im Chiemgau: Erst fielen die Hüllen, dann fiel die Mauer

Ihre Playboy-Fotos zogen im Abstand von 25 Jahren um die Welt: Anja Kossak (links) mit ihrer Tochter Linda.
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Ihre Playboy-Fotos zogen im Abstand von 25 Jahren um die Welt: Anja Kossak (links) mit ihrer Tochter Linda.
  • Ulrich Nathen-Berger
    vonUlrich Nathen-Berger
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Die Geschichte des ersten und letzten DDR-Playmates: Die heutige Chiemgauerin Anja Kossak war 1990 „Miss Januar“ im Playboy. Zum 25. Jahrestag der Deutschen Einheit im Jahr 2015 zog sich auch ihre Tochter für das weltberühmte Männermagazin aus. Interview mit Mutter und Tochter.

Chiemgau – Oktober 1989: Die Grenze zwischen Ost und West ist noch geschlossen, die Mauer noch nicht gefallen – aber die Hüllen bei einem spektakulären Foto-Shooting in Berlin-Ost: Vor der Kamera steht im Grand Hotel die 21-jährige Zahnarzthelferin Anja Kossak aus Magdeburg. Drei Monate später sorgen die Fotos für mächtig Wirbel in der internationalen Medienwelt: Anja Kossak wurde im bekanntesten Männermagazin der Welt, dem Playboy, auf acht Seiten als „Miss Januar“ präsentiert. 30 Jahre später: Seit dem Mauerfall lebt sie mit ihrem damaligen Freund und jetzigen Ehemann im Chiemgau. Anja Kossak im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen:

Wie sind Sie mit dem Medienrummel damals umgegangen?

Anja Kossak: Dieser Medienrummel hat mich überrannt. Ich habe versucht, damit klarzukommen. Was mir mehr oder weniger gelungen ist. Aber als Medienneuling war der Rummel zu viel für mich.

Bei einem Pressetermin sollen über 150 Journalisten Schlange für ein Interview gestanden haben…

Anja Kossak …die waren tatsächlich da. Als ich im Hotel zum Frühstück gegangen bin, hatte ich schon gesehen, dass in einem Raum extra eine Bühne aufgebaut wurde, mit meinem Namen versehen. Das Ergebnis der Berichterstattungen in den Medien habe ich dann in einer Zeitung lesen: Es wurde damals von 40 Millionen Leserkontakten ausgegangen.

Wie ist Ihr Umfeld damit umgegangen, dass Sie plötzlich auf dem Titel des Playboys prangen? War das mit Blick auf die Stasi nicht gefährlich für Sie? Zum Glück fiel die Mauer…

Anja Kossak Ich war mit 21 Jahren eher unbedarft mit solchen Gedanken. Aber im Nachhinein – ich hätte Schwierigkeiten bekommen können. Ich hatte zu dem Zeitpunkt nicht damit gerechnet, dass die Grenzen zum Westen geöffnet würden.

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Wie haben Sie das Fotoshooting mit dem ostdeutschen Fotografen Günter Gueffroy im Ostberliner Grand Hotel in Erinnerung?

Anja Kossak: Das Shooting war sehr professionell vom Playboy organisiert. Es war zwar nicht immer einfach, weil ich vorher noch nie nackt vor einer Kamera posiert habe, aber Günter Gueffroy war sehr einfühlsam. Zudem war das Hotel nicht geschlossen, da gab’s dann schon mal Überraschungsmomente für die Gäste wie auch für mich: Zum Beispiel vor einer Aufzugstür, die sich plötzlich hinter mir öffnete…

Warum hat der Fotograf Sie für das Playboy-Shooting ausgewählt?

Anja Kossak Zu DDR-Zeiten habe ich in der Magdeburger Volkstanztruppe „Schwermaschinenbauer“ getanzt mit vielen Auftritten. Dabei habe ich einen Künstler kennengelernt, der von Günter Gueffroy fotografiert worden war. Einmal war ich bei Aufnahmen dabei; Gueffroy hat mich dann in seine Model-Kartei aufgenommen.

Warum machten Sie das Rennen?

Anja Kossak Weil ich aus Sicht der Playboy-Redakteure offenbar Klischeevorstellungen erfüllt habe, als ein typisches DDR-Mädel. Es waren sicher nicht meine Maße…

Was war der Grund, dass Sie das Playboy-Angebot angenommen haben?

Anja Kossak Schwierig zu sagen – aber ich hatte darauf spekuliert, möglicherweise mal in den Westen reisen zu können und Geld zu bekommen.

Gab es danach berufliche Angebote zum Beispiel aus der Modebranche für Sie?

Anja Kossak Nein. Ich habe das damals auch nicht in Erwägung gezogen. Nicht bei meiner Körpergröße mit 1,63 Meter. Ich habe die Playboy-Pressetour durchgezogen und bin dann ganz normal wieder als Zahnarzthelferin arbeiten gegangen.

Das Shooting hat sich also gelohnt…

Ja, schon…

Im Playboy-Steckbrief haben Sie von einer Griechenlandreise „geträumt“. Haben Sie die schon gemacht?

Anja Kossak: (Lachend) Nein, bis heute tatsächlich nicht. Ich habe viele andere Länder bereist, aber nicht Griechenland. Steht ganz oben auf der Liste¨…

…und als Lieblingssänger haben Sie Herbert Grönemeyer angegeben…

Anja Kossak …mir gefielen seine Texte und seine Musik sehr gut. Die haben wir im Osten hören können, weil Magdeburg recht nah zu Hannover liegt. Ich habe damals ausschließlich West-Fernsehen geschaut.

Im November 1990 sind Sie mit Ihrem Partner in den Chiemgau umgesiedelt. Wie hat sich das angefühlt?

Anja Kossak Es war ein großes Freiheitsgefühl. Nicht zu beschreiben. Ein Unterschied wie zwischen Tag und Nacht. Mir ging es zwar gut, ich hatte eine gute Kindheit, ein gutes Leben. Aber wir wurden von Früh bis Spät reglementiert.

Was waren Ihre ersten Eindrücke vom Westen?

Anja Kossak Es hat hier in den Städten zum Beispiel anders gerochen. Das hört sich blöd an, aber ich habe diesen Duft nach Kaffee, nach Parfüm so stark in Erinnerung. Mit Anfang 21 war ich wohl unbedarfter, als ich es mit 40 gewesen wäre. Wir haben unser Auto vollgepackt, sind hier runter und haben gesagt „Guten Tag, wir hätten gerne ‘ne Wohnung und ‘ne Arbeit, wie sieht‘s denn aus?“. Wir haben dann geheiratet, eine Reise nach Djerba gemacht und zum ersten Mal Meer, Strand und Palmen gesehen.

Zum 25. Jubiläum der Deutschen Einheit stand dann auch Ihre Tochter vor der Playboy-Kamera, vor Günter Gueffroy. Wie war das für Sie, Linda?

Linda Kossak Es war eine ganz große Ehre und eine ganz tolle Erfahrung für mich. Einfach war es nicht, vor allem die ersten Fotos nicht. Aber das Team war super und das Shooting fiel mir immer leichter.

Was war der Antrieb für Sie?

Linda Kossak In Mamas Fußstapfen zu treten, definitiv. Der Mitteldeutsche Rundfunk hat eine Doku produziert, meine Mutter wurde dazu eingeladen. Das Redaktionsteam wollte dann von mir wissen, ob ich ein Playmate-Angebot vom Playboy annehmen würde. Ich hab dann relativ schnell zugestimmt.

Wie sind Ihre Freunde und Bekannten damit umgegangen?

Linda Kossak Zum größten Teil fanden das alle sehr cool, dass ich im Playboy zu sehen war. Es gab hier auf dem Land allerdings auch Ablehnung.

Wie geht Ihre Familie mit dem Thema Wiedervereinigung um?

Linda Kossak Es ist bei Treffen immer mal wieder Thema. Aber mir fällt es schwer, mich in die Situation meiner Eltern zu versetzen. Ich bin in Prien geboren und hier aufgewachsen. Aber es ist spannend, zu hören, wie es früher war.

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