„Einschränkungen gab es schon früher“: Johann Nußbaum aus Rimsting erinnert sich an Nachkriegszeit

Johann Nußbaumhat in einem Buch über die Nachkriegszeit seine Erinnerungen aufgeschrieben. Mischi/Nussbaum

Die Rückbesinnung auf Direkterzeuger in Krisenzeiten ist nichts Neues. „Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bettelten Familien bei Bauern um Nahrung oder tauschten Waren gegen Lebensmittel“, erinnert sich Johann Nußbaum aus Rimsting. Der 80-Jährige kennt Entbehrungen und Einschränkungen wie jetzt durch die Coronakrise auf andere Art und Weise aus seiner Kindheit und Jugend

von Silvia Mischi

Rimsting – Im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung zieht er Parallelen, wobei er ganz klar hervorhebt, dass Nachkriegszeiten eine ganz andere Schiene als die Pandemie sind. „Die Leute hatten damals wie heute die ähnliche Angst: Was bringt die Zukunft? Zugleich hatten die Menschen Angst vor Krankheiten und Tod“, betont Nußbaum. „Kommt mein Ehemann, unser Vater, wieder gesund von der Arbeit, von der Dienstreise heim. Das sind ganz normale Gedanken. Damals wie heute. Mein Vater ist beispielsweise in russischer Kriegsgefangenschaft 1945 gestorben“, schildert der Rimstinger.

Von Lebensmitteln, Masken und Schulen

Dass diese Eindrücke für viele befremdend und unvorstellbar sind, ist Nußbaum klar. Er referiert deshalb seit Jahren an Schulen über die Nachkriegszeit, das Leben als Kind in dieser Phase, die Ängste und Sorgen. „Die Jugendlichen sind immer sehr erstaunt, aber auch extrem interessiert, wie das leben ohne Spielkonsole, Internet und leerem Kühlschrank so war“, beschreibt der Diplom-Ingenieur. Der findet, dass diese Vergleiche, auch Kraft in der Coronakrise geben können. Denn wie damals würde auch diese Phase durchstanden werden. Er versteht Sorgen wie „Wird meine Familie vom Virus getroffen?“ oder „Hoffentlich verliere ich meine Arbeitsstelle nicht“ oder „Reicht mir das Kurzarbeitergeld?“

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Parallelen, aber kein Vergleich

Mit Lebenserfahrung und Austausch der Generationen könnten viele Menschen aber gestärkter und furchtloser hervorgehen, findet Nußbaum. „Die Nachricht des Überstehens, der kreativen Alltagsbewältigung und des Optimismus, ist eine wertvolle Erfahrung, die weitergegeben werden muss“, ist sich Nußbaum sicher.

Die Angst vor Hunger grassierte damals. Gab es Ende des Weltkrieges und in den Folgejahren noch wenig Lebensmittel, zeichnet sich diese Sorge für ihn in der aktuellen Krise in Hamsterkäufen bei manchen Menschen ab. „Das Bild ist dasselbe: Die Regale in den Lebensmittelläden waren leer. Wie zum Teil jetzt auch“, so Nußbaum.

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Dabei sei die Lage jetzt und in den vergangenen Wochen viel „entspannter“ gewesen. „Denn früher war fraglich, ob man auf seine Lebensmittelmarken noch überhaupt Nahrung bekommt. Oder ob man dem Bauern beim Kartoffelklauben helfen konnte und dafür in Naturalien wie Kartoffeln und Rüben entlohnt wird.“ Dabei war es auf dem Land entspannter als in den Städten. Dort habe es manchmal – „und das war wie ein Festtag“ – sogar Brot und Butter gegeben. „Ein Stück Speck war etwas ganz Besonderes“, so Nußbaum.

Stets hätten mehrere Fragen wie ein Damoklesschwert über den Menschen geschwebt: „Wie komme ich durch? Wann brauchen wir keine Gasmasken mehr? Wann können wir zu unseren Eltern und Verwandten reisen? Ersetzt man die Gasmasken gegen Mundschutz und Gesichtsmasken bleiben die Ängste und Wünsche die Gleichen“, findet der Rimstinger.

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Wie auch aktuell waren nach dem Krieg die Schulen größtenteils geschlossen. „Damals gab es keine Räumlichkeiten mehr. Die Schulen waren bombardiert worden beziehungsweise wurden von Soldaten als Kasernen benutzt. Der Fakt, dass der Unterricht ausfiel, ist aber auch hier eine Parallele“, bewertet der 80-Jährige. Und weiter fällt ihm ein: In den Folgejahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden dann mehrere Schülerjahrgänge in einer Klasse und nur in den Hauptfächern unterrichtet. Auch fuhren damals wie heute wenige Züge, es gab keine Fußballspiele und Gaststätten waren geschlossen.

Auch Gaststätten waren geschlossen

Nußbaum wohnt seit 2001 in der Gemeinde und gehörte elf Jahre dem Gemeinderat an. Über die Grenzen der Gemeinde wurde er bekannt als ehrenamtlicher Autor und Verfasser von zwei Papstbüchern über den emeritierten Papst Benedikt XVI. im Ruhestand. IN Schulklassen, besonders im Münchner Raum, wo er aufgewachsen ist und zahlreiches Bildmaterial hat, referiert er an Schulen über die seine Erlebnisse in der Kriegs- und Nachkriegszeit in Oberhaching.

Großeltern helfen bei Krisenbewältigung

„Denn nicht nur aus der Geschichte können Lehren gezogen werden, sondern auch aus dem Verhalten, dem Miteinander und der Krisenbewältigung in den einzelnen Familien. Hier würden Großeltern und Urgroßeltern wichtige „Informanten“ sein.

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