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Mit einem Bier mit zwölf fing alles an...

Steffen Flügler war früher drogen- und alkoholabhängig. Er schaffte den Entzug – und redet nun immer wieder über alles. elk

Prien – Steffen Flügler stand am Rande des Abgrundes.

17 Jahre lang war er drogen- und alkoholabhängig. Er drohte, in der Sucht unterzugehen. In letzter Sekunde schaffte er dann aber doch die Wende, fand einen Weg zurück ins Leben ohne Suchtmittel. Über sein Leben als Junkie und seinen Entzug erzählt er in diesen Tagen viel in Prien. Zum Auftakt einer Vortragsreihe in den Schulen sprach er im Chiemsee-Saal.

„Alles begann mit einem Bier, das ich als Zwölfjähriger dazu benutzte, um mir Mut anzutrinken“, sagte Flügler. Danach war er lang und schwer abhängig: „Valium, zwei bis drei Flaschen Rotwein und ein Kasten Bier täglich“ konsumiert er – bis zum dramatischen Höhepunkt, als er sich als 29-Jähriger, wie er heute erzählt, „einem letzten Kampf gegen die Sucht in einem Krankenhaus stellte“. Er gewann gegen sich selbst und fand die Kraft, von den Drogen loszukommen. In seinem Buch „Treppe in die Dunkelheit“ erzählt er von seiner Suchtgeschichte.

Larissa Bolz, ehemalige Schülerin des Ludwig-Thoma-Gymnasiums (LTG), hatte das Buch im Rahmen eines Seminars gelesen. Und sie wollte, wie sie jetzt am Anfang der Veranstaltung sagte, diese Erfahrung „mit anderen Schülern teilen“. Und so kam eins zum anderen. Larissas Mutter Beate, Elternbeiratsvorsitzende, regte im Rahmen eines Treffens mit allen anderen Elternbeiräten im Rathaus an, Flügler nach Prien zu holen, Bürgermeister Jürgen Seifert unterstützte die Idee, der Lions Club ebenso – und so stand Flügler nun also auf der Bühne im Chiemsee- Saal.

Freimütig erzählt er von der Zeit nach seinem Entzug: „Ich war erst ein Jahr später wieder voll da, und ich hatte keinen Lebenslauf, keine Zeugnisse und keinen Abschluss.“ Und sein Eingeständnis erschüttert: „Ich konnte meiner Mutter nicht mehr in die Augen schauen“ – hatte er sie doch jahrelang belogen. Sie, die alles richtig machen wollte, hatte immer wieder an ihn geglaubt.

Er fand schließlich doch Arbeit. Und nach einer zweiten Therapie einige Jahre später sogar den Mut, eine Aus- und Weiterbildung zum Heilpraktiker für Psychotherapie zu absolvieren.

War schon seine Biografie spannend, so war es die anschließende Fragestunde nicht minder. Warum der Weg so geradeaus in die Abhängigkeit verlaufen sei, wollte eine Jugendliche wissen. Flügler erklärte dies damit, dass der Alkohol wie ein Zaubertrank gewirkt habe. Probleme seien verschwunden, und so sei er ständig auf der Suche nach einer Steigerung seines Selbstwertgefühls gewesen.

Eine andere Nachfrage betraf den Unterschied zwischen seiner und der jetzigen Generation. Flügler sah einige Übereinstimmungen, wie beispielsweise das rebellische Verhalten in der Pubertät. Dennoch sei heute mehr Druck in der Schule und schlimmer noch, Alkohol und Drogen seien heute viel leichter verfügbar – und Jugendliche kämen so früher damit in Kontakt. Verstöße gegen das Drogengesetz würden kaum geahndet. Und zu einem großen Teil sei auch „die Industrie mit ihren Alko-Pops“ daran schuld, schmecken Bier und Wein doch bitterer.

Weitere Nachfragen betrafen Flüglers Familie und deren Reaktionen auf seine Abhängigkeit. Seine Mutter habe ihn immer unterstützt, aber erst in der Therapie habe er erkannt, wie sie sich angesichts ihrer eigenen Ohnmächtigkeit gefühlt haben muss. Er habe bis heute deswegen Schuldgefühle. Sie sei immer „guten Willens“ gewesen, habe aber nie Sanktionen seinen Taten und Lügen folgen lassen.

Es müssten klare Grenzen aufgezeigt werden, folgerte er. Sein Rausschmiss von zu Hause habe ihm das deutlich gemacht. Aber viele Eltern, das habe er auch in seinen „besten Zeiten als Junkie“ erlebt, schweigen dieses Thema tot, so Flügler – „denn was könnten die Nachbarn sagen...“

Auslöser seiner Sucht war mangelndes Selbstwertgefühl, hatte Flügler mehrfach in seinem Vortrag erwähnt. Und diese Ausgangslage beschäftigte auch so manchen Zuhörer. Sucht sei, so Flügler weiter, eine persönliche Entscheidung, und das gelte auch für das Beenden. Da brauche es Einsicht, persönliche Motivation und Therapie. 97 Prozent aller ehemaligen Süchtigen, die sich nur entgiften ließen, aber keine Therapie besuchten, würden wieder rückfällig.

Drogen, egal welcher Art, sollten nie verharmlost werden, warnte er. „Alkohol ist kein kleines Thema, das ist immer präsent.“ Ehrliche, offene Worte, die da offen ausgesprochen wurden. Schade, dass nur wenige zum Vortrag kamen, denn Suchtprävention ist ein Thema, dass alle angeht.

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