Trauer um "Geierwally" Barbara Rütting: Weggefährten aus Bernau erinnern sich

Barbara Rütting starb im Alter von 92 Jahren. Sie lebte mehrere Jahre in Bernau. dpa
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Barbara Rütting starb im Alter von 92 Jahren. Sie lebte mehrere Jahre in Bernau. dpa
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Barbara Rütting ist tot. Die Schauspielerin, Autorin, Politikerin und Tierschutz-Aktivistin starb im Alter von 92 Jahren. Die Nachricht hat viele bewegt. Barbara Rütting war sieben Jahre lang Mitglied der Gemeinde, sie wohnte mit ihren Hunden an der Edelweißstraße und trat für ihre Überzeugungen ein.

Bernau– Die weißen Haare und die „Pilzfrisur“ waren ihre Erkennungsmerkmale, wenn sie entlang der Bernauer Straßen lief. Waltraud Hackethal, ihre Bernauer Vermieterin und langjährige gute Freundin, erinnert sich gegenüber unserer Zeitung: „Barbara war eine tolle Frau mit Ecken und Kanten.“ Zum Wohle der Tiere war sie in die Politik gegangen und hatte für ihre Überzeugungen gekämpft.

Als „Geierwally“ berühmt geworden

Mit 81 Jahren – legte sie damals als älteste Abgeordnete Deutschlands ihr Grünen-Mandat im bayerischen Landtag aus gesundheitlichen Gründen nieder. Die Verbesserung des Tierschutzes war das große politische Anliegen der Quereinsteigerin, die 2003 überraschend in den bayerischen Landtag gewählt worden war. Verbesserungen bei der Haltung von Masthühnern, Puten und Nutztieren gehörten ebenso zu ihren zentralen Forderungen wie das Verbandsklagerecht für Tierschutzverbände oder die Importverbote für Wildvögel sowie Felle von Hunden und Katzen.

Jüngeren ist sie als Wegbereiterin der vegetarischen Ernährung in Deutschlandbekannt, Älteren als Filmstar. Rütting spielte in 45 Kino- und Fernsehfilmen mit. In Brandenburg geboren und aufgewachsen, schaffte sie 1951 mit ihrem Debüt in dem Streifen „Postlagernd Turteltaube“ den Durchbruch. Legendär ist ihre Rolle als „Geierwally“ in dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1956.

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1984 kehrte Barbara Rütting der Schauspielerei den Rücken und begann eine zweite Karriere als Autorin. Im Anschluss ließ sie sich zur Gesundheitsberaterin ausbilden. Mit Gesundheitsratgebern und Kochbüchern für Vollwertküche erlebte sie eine zweite erfolgreiche Karriere. „Rütting gilt als Wegbereiterin der vegetarischen Ernährung in Deutschland. Sie war zunächst Vegetarierin, dann Veganerin“, so Hackethal.

Entspannung findet Rütting in der Natur am Chiemsee

Sie erinnert sich noch gerne an eine Rückfahrt mit Rütting aus Freiburg. Wir waren mit dem Zug unterwegs und saßen in einem Großraumabteil mit lauter Männern. Barbara gab ja auch Lachseminare und fragte mich: Was meinst, wie lange brauchen wir, bis die das Lachen anfangen?“, schildert Hackethal.

15 Minuten später hätte das Abteil die größte Gaudi gehabt. Am Ziel angekommen, meinten alle: „Schade, dass Sie schon aussteigen.“

Entspannung fand Rütting in der Natur – am Chiemsee, in den Berge und auf den weiten Wiesen sowie beim Yoga. Dennoch: Die harte und scheinbar oft vergebliche politische Arbeit machte Rütting zum Teil auch für ihre Gesundheitsprobleme verantwortlich: „Erscheint einem die geleistete Arbeit zunehmend sinnlos, wird man krank.“ Diesen schleichenden Prozess habe sie sich selbst erst nach geraumer Zeit eingestanden, sagte sie einmal.

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Kraft schöpfte sie zudem aus der Gesellschaft ihrer Hunde. Budina und Lilly, später, als Lilly gestorben war, hatte sich Rütting den Rüden Oscho von einer Indienreise mitgebracht. „Sie hat stets gewusst, was sie will. Barbara Rütting war immer freundlich und hatte ein offenes Ohr für die Menschen“, erinnert sich Sabine Greschek. Sie führte der Abgeordneten sechs Jahre lang den Haushalt, ging mit den Hunden Spazieren und erledigte Arbeiten für sie im Homeoffice. Rütting konnte ihr zufolge gar nicht genug an der frischen Luft sein. „Das war ihr ein Bedürfnis.“

„Eine tolle Frau mit Ecken und Kanten“

Aus der Zeit, als Bürgermeister Philipp Bernhofer noch Vorsitzender des Bund Naturschutz war, kennt er Rütting. „Wir haben gemeinsam gegen die Errichtung eines Mobilfunkmastens am Bahnhof mitten in einem Wohngebiet gekämpft. Bernhofers Initiative unterstützte die Abgeordnete bei einer Infoveranstaltung. „Sie hinterfragte Fakten kritisch, war gerade heraus und zuverlässig“, beschreibt der Rathauschef die Zusammenarbeit.

Bis zuletzt, und dafür meldete sie sich sogar nach ihrem Rückzug ins Privatleben im Jahr 2018 noch einmal zu Wort, kämpfte Barbara Rütting für das Recht auf einen selbstbestimmten Tod.

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