Eine Tankstelle aus Unterwössen geht auf Reisen

Ohne das große Regendach über die beiden Tankstellenfahrbahnen kommt der ehemalige Verkaufsraum Oberwössner Tankstelle im Verhältnis zum Kran eher unbedeutend daher. Flug
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Ohne das große Regendach über die beiden Tankstellenfahrbahnen kommt der ehemalige Verkaufsraum Oberwössner Tankstelle im Verhältnis zum Kran eher unbedeutend daher. Flug

Der Verkaufsraum aus den 1950er-Jahren zieht ins Freilichtmuseum Glentleiten. Die Station soll dort den Aufbruch Oberbayerns in die Moderne symbolisieren. Dass das architektonische Kleinod so erhalten bleiben kann, damit hatte niemand gerechnet.

Von Ludwig Flug

Unterwössen – Eine seltene Reisende erlebte der Oberwössener Ortsteil Brem: Ein gewaltiger Lastkran hob den Verkaufsraum der ehemaligen Tankstelle an der Bundesstraße 305 auf einen schweren Lkw-Auflieger. Der fuhr das Gebäudeteil ins Werdenfelser Land, ins Freilichtmuseum Glentleiten.

Dass die ehemalige Oberwössener Tankstelle dort weiterexistiert, damit hatte im vergangenen Jahr niemand gerechnet. An deren Stelle an der Deutschen Alpenstraße lag ursprünglich eine Schmiede der Familie Meier mit kleinem Sägewerk, beides angetrieben von der Wasserkraft des Wössener Bachs. Als um 1950 der Traktor das Pferd als Zugtier allmählich ablöste, lastete der Hufbeschlag die Schmiede immer weniger aus.

So begann die Familie Meier die Arbeit auf eine Werkstatt für Autos und Traktoren umzustellen. Erst standen gegen 1950 die Gasolin-Zapfsäulen am östlichen Straßenrand. Später, gegen 1955, baute die Familie Meier einen Verkaufsraum dazu, von dem sich ein großes Regendach über die Tankstellenfahrbahnen beidseitig der Zapfsäulen spannte.

Zweitaktgemisch für die Dorfjugend

Matthias Meier war der Tankwart, seine Mutter Maria die Eigentümerin des Geländes und der Tankstelle. Die Tankstelle wurde neben Kirche und dem Wirt ein Mittelpunkt des Ortsgeschehens für die Oberwössener. Stefan Entfellner, der sich bestens in der dortigen Historie auskennt, erinnert sich an seine eigene Jugend. „Ob für Fahrrad, Moped, Auto oder Bulldog, hier gab es alles, was man für sein Gefährt braucht.

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Matthias Meier, der Walchschmied Hias, hatte Diesel für die Schlepper, Benzin für die Autos und mixte das Zweitaktgemisch für die Mopeds der Dorfjugend. Inzwischen stand neben der Tankstelle eine Wagenhalle mit zwei großen Räumen für die Fahrzeugreparaturen. Gegenüber in der Scheune lag die Fahrradwerkstatt mit Flickzeug, Radlschläuchen und Ventilen.

Hias Meier war ein geselliger Mensch, erinnern sich viele. Georg Haslberger, in der Nachbarschaft groß geworden, schmunzelt, als wir ihn darauf ansprechen. „Jeder, der beim Hias tankte – und das waren alle – sah sich allzeit drei Fragen ausgesetzt: „Wo kommst du her, was hast du heute noch vor und bist du immer noch mit dem selben Dirndl beieinander? Kein Wunder, dass der Hias bekannt für die neuesten Geschichten aus dem Dorf war.

Der Sonntag war der Gesellschaftstag

Entfellner erinnert sich, dass der Sonntagnachmittag im Kassenraum der Tankstelle für so manchen Oberwössener „der Gesellschaftstag“ war. Die Dorfjugend führte die neuesten PS-Anschaffungen vor, eine Zündapp oder einen Lloyd. Altbürgermeister Hans Haslreiter erinnert sich, wie er selbst Jahre für sein erstes gebrauchtes Moped, eine Adler, Horex, sparte. Das gelang nur mit einem Nebenjob. Viele Jahre arbeitete Haslreiter als Kinovorführer. Auch er gehörte zum Kreis der regelmäßigen Besucher der Tankstelle.

Auch wenn die Söhne vom Hias Meier, der Matthias Meier und der Sepp Maier, das Kfz-Handwerk erlernten, am 31. Dezember 1982 stellte die Tankstelle ihren Betrieb ein. Das Gebäude stand leer. Die später angebaute Wagenhalle diente als Garage. Und im vergangenen Jahr brachen traurige Zeiten für die Tankstelle an.

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Damals setzte quirlige Betriebsamkeit der Straßentiefbauer ein, den Ortsteil Brem zu sanieren und neu zu gestalten. Nichts Gutes bedeutete das für die Tankstelle. Die Entscheidung fiel: „Wir reißen die Tankstelle ab und machen der Neugestaltung des Straßenumfeldes Platz“. Das war seit der Projektvorstellung der Straßenerneuerung Sachstand.

Nur am Rande genoss die kleine Tankstelle Aufmerksamkeit. Da entstand ein kleiner Fernsehfilm. Ein Technikinteressierter fotografierte das längst historische Gebäude, eine Fachzeitschrift für historische Technik veröffentlichte das Bild. Auf diesem Weg erfuhr das Freilichtmuseum Glentleiten von dem Kleinod.

Symbol für Aufbruch in die Moderne

Am Montag, 2. Dezember 2019, war Bezirkstagspräsident Josef Mederer im Unterwössener Rathaus zu Gast. Im Namen des Bezirks Oberbayern, des Trägers des Freilichtmuseums, unterzeichnete er mit Bürgermeister Ludwig Entfellner den Vertrag. Die in den 50er-Jahren errichtete, später weiter ausgebaute Tankstelle ist auserkoren, im Freilichtmuseum „den Aufbruch in die Moderne, den beginnenden Tourismus der Nachkriegszeit in Oberbayern zu verdeutlichen“, heißt es aus dem Bezirk.

Es ist bundesweit die dritte Tankstelle, die originalgetreu in ein Freilichtmuseum kommt. Matthias und Sepp Meier sind begeistert von der Idee. Mit Wehmut hatten sie sich mit dem drohenden Abriss der Tankstelle abgefunden. Zur Erinnerung hat Matthias Meier noch ein kleines Modell von der Tankstelle gebastelt. Sepp Meier bewahrt historische Aufnahmen davon auf. Dass die Anlage im Freilichtmuseum Glentleiten ein neues Leben beginnt, begeistert beide. „Für das Freilichtmuseum ist das Exponat etwas Besonderes“, beschreibt uns dessen wissenschaftlicher Mitarbeiter Simon Kotter. Bisher sind Produktionsteile aus einem Sägewerk aus den Zwanzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts das jüngste Objekt im Freilichtmuseum. Die Tankstelle wird deshalb dort Ausdruck einer neuen Epoche, neuer Technik und erster Urlaubsreisen. Doch das dauert noch etwas.

Eine spannende Aufgabe sieht Diplom-Ingenieur Hans Eberl vom Ingenieurbüro Eberl aus Kochl am See, der die statischen Berechnungen für den Umzug liefert. Er schildert einige Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit dem Freilichtmuseum. Dennoch sei der Rückbau der Tankstellenanlage für ihn etwas Neues. „Wir haben ja kaum etwas an Plänen und Informationen. Mit jedem Fortschritt im Rückbau stellen sich neue Fragen.“

Während das Tankstellendach bereits in Einzelteilen nach Glentleiten ging, reiste der Verkaufsraum am Montag am Stück hinterher. Mit der Säge schnitten die Fachleute Tage zuvor den Raum vom Fundament.

Seltenes Erlebnis für die Beteiligten

Das Bauwerk spannten sie in einen Metallrahmen. Große Spanplatten schützten beidseitig die großen Fenster vor Bruch. 6,3 Tonnen hingen am Haken des Schwerlastkrans, als der Baggerführer das Bauwerk vorsichtig anlupfte. Der Schwertransporter manövrierte sich dicht daneben und der Kran schwenkte das Bauwerk auf dessen Ladefläche. Sorgfältig justierten die Fachleute den Verkaufsraum auf der Ladefläche, vier Zentimeter Überstand mussten es auf beiden Seiten des Tiefladers sein. Dem Leiter des Transportvorgangs Martin Wiedenbauer war der Spaß an dieser Aufgabe deutlich anzusehen. Der gelernte Maurer und Diplomingenieur ist Leiter des Sachgebiets Handwerk und Bau im Freilichtmuseum Glentleiten. Er liebt die abwechslungsreichen Arbeiten in seinem Aufgabenbereich.

Eine seltene Fracht sah der Lkw-Fahrer Frank Koal von der Münchner Spedition Walleck & Geser Spezialtransporte. „Normalerweise transportiere ich vorwiegend Baumaschinen wie Bagger“, erzählte er. „So ein Transport ist neu und spannend für mich“, strahlte er während er im Kontakt mit dem Statiker das seltene Transportgut sicherte. Besondere Sorgfalt ist da gefordert, denn der Verkaufsraum wirkt fragil. Nur drei Außenwände hat das Teil, alle mit großen Fenstern. Die Gebäuderückwand teilte sich der Verkaufsraum mit dem Toilettengebäude auf der Rückseite. Die reist diese Woche mit diesem Gebäudeteil hinterher.

Ein Kamerateam hält den Abbau und den Aufbau im Freilichtmuseum für einen Film im Bayerischen Fernsehen fest. Der Sendetermin ist noch nicht bekannt. Zuletzt tritt der hintere Gebäudeteil den Weg nach Glentleiten an.

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