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Eine Metzgerei im Gefängnis?

Exklusiv: Die verbotene Stadt – Ein Blick hinter die Mauern der JVA Bernau

Wie in Venedig stehen die Gebäude der JVA Bernau auf Pfählen. Denn die Anlage liegt auf einem Hochmoor.
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Wie in Venedig stehen die Gebäude der JVA Bernau auf Pfählen. Denn die Anlage liegt auf einem Hochmoor.
  • Heidi Geyer
    VonHeidi Geyer
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Manche Orte bekommt man nie zu sehen. Außer man hat etwas ausgefressen: Die JVA Bernau ist ein solcher Ort. Wir haben uns dort exklusiv umgesehen. Warum es auch im Gefängnis eine Metzgerei gibt und Blumenbeete zwischen Zellentrakt und Natodraht liegen.

Bernau – Ungewöhnlicher könnte ein Blumenbeet gar nicht liegen: auf wenigen Quadratmetern, eingezwängt zwischen einem hohen und stabilen Zaun und den massiven Mauern der Gebäude, in denen die Gefangenen untergebracht sind. Auf diesem klitzekleinen Fleckerl wachsen Gurken und Ringelblumen.

Es ist nicht die einzige Überraschung, mit der die JVA Bernau beim Ortstermin mit den OVB-Heimatzeitungen aufwarten kann. Denn hinter dem Gefängniszaun verbirgt sich eine eigene kleine Stadt. Nur eben eine, zu der nicht jeder Zutritt hat und die auch nicht jeder ohne Weiteres verlassen kann.

820 Plätze, ausschließlich für Männer, hat die JVA, 330 Menschen arbeiten dort. Aber es finden sich eben auch Rinder, Hühner, Schweine und, selbstverständlich, Wachhunde. Denn die JVA hat eigene Betriebe, darunter eine eigene Landwirtschaft. Fast autark kann die JVA auf diese Weise wirtschaften.

Wenn der Häftling wurstet

„Wir haben sogar eine Biogasanlage, mit der wir Strom und Fernwärme für ein Unterbringungsgebäude produzieren“, sagt Clemens Schmid, stellvertretender Leiter der JVA sichtlich stolz. In der Bäckerei backen die Häftlinge Brot und Semmeln, in der Gärtnerei wird Gemüse gezogen und dann in der JVA-Küche in eine Mahlzeit verwandelt.

Sogar Würstl werden in der hauseigenen Metzgerei hergestellt. Wie das zusammen passt, Messer und Schlachthaken in einem Gefängnis? „Wir schauen da schon sehr intensiv darauf, wer dort arbeiten darf und da überhaupt hinkommt“, sagt Schmid. „Psychisch auffällige Gefangenen kommen dort nicht hin“, ergänzt Klaus Zacher, der Personalratsvorsitzender der Justizvollzugsanstalten Bernau, Traunstein und Bad Reichenhall ist.

Sogar die Möbel für die Zellen werden in der JVA von Häftlingen gebaut. Mit besonderen Kriterien: Sodass keine Verstecke für Drogen möglich sind, erklärt Schmid. Beklemmend und düster stellt man sich ein Gefängnis vor. In Bernau gibt es sogar einen wunderschön angelegten Teich, der von Blumenbeeten gesäumt wird. „Davon darf man sich nicht täuschen lassen“, sagt Schmid. Häftlinge haben hier sowieso keinen Zugang. Die kleine Terrasse ist nur für Pausen der Mitarbeiter gedacht.

Weitläufig wirkt das Gelände, wobei die Gefangenen zu vielen Bereichen keinen Zutritt haben. Nur über einen oberirdischen, vergitterten Tunnel sind die Gebäude miteinander für die Häftlinge verbunden. Nur über diesen Weg kommen die Männer, die in Bernau einsitzen, beispielsweise von ihrem Zellentrakt zum Kraftraum. „Die U-Bahn“ nennen das die Häftlinge, erzählt Schmid.

Kein schöner Gedanke

Besucht man die Zellen, kriegt man umso deutlicher den Eindruck, dass ein Gefängnisaufenthalt eben eine Strafe ist. Ein Großteil der Bernauer Häftlinge wird in Einzelzellen untergebracht.

Im besten Sinne als „funktional“ kann man diese beschreiben. Das gilt auch für die Mehrbettzellen: einfache Stockbetten, Spinde, ein Tisch mit vier Stühlen. Kein Teppich, kein Fernseher und selbstverständlich vergitterte Fenster. Kein schöner Gedanke, mit drei anderen Personen in heißen Sommernächten hier eingeschlossen zu werden.

Zwar gibt es Beachvolleyballfelder und selbst ein Yogakurs wird in der JVA angeboten. Aber eben auch nur zwei Stunden Besuchszeit im Monat, kein freier Zugang zum Internet und auch nur ganz wenige Telefonate.

In Bernau sitzen jene Straftäter, die bereits zum zweiten Mal eine Haftstrafe bis zu drei Jahren verbüßen. Also keine Ersttäter, aber auch nicht die ganz schweren Jungs, die „lebenslänglich“ als Urteil erhalten haben. Menschen, bei denen man hofft, dass noch nicht alles verloren ist.

Berufliche Ausbildung

Unterstützt werden sollen sie in der JVA Bernau durch berufliche Fertigkeiten, sogar Berufsausbildungen, sofern möglich. „Nur wird das immer schwieriger, wenn die Häftlinge nur ein Jahr hier sind oder kein Deutsch sprechen“, sagt Schmid. Oft fehle es auch an den Grundvoraussetzungen, um überhaupt arbeiten zu können, teils aufgrund psychiatrischer Erkrankungen, die sich aus Sicht von Schmid und Zacher immer häufiger in der Haft sind.

An Aufträgen mangelt es der JVA Bernau nämlich nicht. Weder an eigenen, noch an solchen, die gar nichts mit dem Gefängnis zu tun haben. Denn jeder kann sich ein Bankerl in der Schreinerei machen lassen oder sein Auto zur Reparatur bringen. Nur Geduld sollte man mitbringen. Wie die Häftlinge eben auch.

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