Dr. Krämer setzt alle Hoffnung ins Impfen

Traunsteiner Gesundheitsamtsleiter zum Corona-Marathon: „Nervenkostüm wird bei allen dünner“

Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamtes.
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Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamtes.
  • Marina Birkhof
    vonMarina Birkhof
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Die Kreise Traunstein und Berchtesgadener Land übersteigen den dritten Tag in Folge die Inzidenzgrenze von 100. Damit tritt die „Notbremse“ in Kraft. Dr. Wolfgang Krämer, Leiter des Gesundheitsamts Traunstein, reagiert auf die Entwicklung der aktuellen Lage auch in punkto Schulöffnungen und Wiederschließungen.

Trotz steigender Inzidenzen hat man sich für eine Schulöffnung am 15. März entschieden - mit einer Reihe an begleitenden Maßnahmen. „Wir haben auf Grundlage der bayernweit geltenden Vorgaben am vergangenen Freitag entschieden“, erläutert Dr. Krämer im Gespräch mit chiemgau24.de. „Gott sei Dank hat sich geändert, dass solche Festlegungen zumindest für eine Woche gelten. So bekommen Eltern, Kinder und die Schulen mehr Verlässlichkeit.“

Denn die Schwierigkeit, täglich oder alle zwei Tage zu wechseln stelle alle vor eine „riesige Herausforderung“. Zusätzlich mit dem Thema Notbetreuung sei da „niemanden geholfen“.

Zurückrudern zu Distanzunterricht und Notbetreuung?

Bis dato funktioniere der Schulbetrieb nach den Rückmeldungen seitens des Schulamts „sehr gut“. Bis zu den Osterferien werde sich nichts ändern, wie Ministerpräsident Söder in einer Pressekonferenz am Dienstagmittag untermalte. 

Dr. Krämer blickt trotzdem mit einem eher mulmigen Gefühl auf die kommenden Tage: „Bleibt es bei diesen Vorgaben mit der 100er-Inzidenz-Grenze, so wird ob der steigenden Zahlen kommende Woche alles wieder in den Distanzunterricht gehen und die Kinderbetreuungseinrichtungen auf einen Notbetrieb umschwenken müssen.“

Britische Virus-Variante verantwortlich für steigende Infektionszahlen?

Was die schwankenden Zahlen anbelangt, so stellt sich Dr. Krämer, der neben dem Traunsteiner Gesundheitsamt interimsmäßig derzeit auch das Gesundheitsamt im Berchtesgadener Land leitet, auf die Seite des RKI-Präsidenten Lothar H. Wieler, der ganz Deutschland überblicke: „Ich habe ja nur den Blick über meinen Mikrokosmos Traunstein. Wir beobachten jedoch das Gleiche, das auch Studien schlussfolgern: Eine Zunahme der ansteckenderen Virus-Varianten, insbesondere der britischen.“

Anfang Februar habe man noch einen Anteil aller Positiv getesteten von um die sechs Prozent verbucht, jetzt sei man bei über 40 Prozent. „Wenn wir Varianten haben, dann fast ausschließlich UK-Nachweise. Durch diese erhöhte Ansteckung ist aus meiner Sicht schon erklärbar, dass die Zahlen insgesamt in der Region und auch bundesweit wieder steigen“, so die Einschätzung des Freilassingers.

Entwicklung der 7-Tage-Inzidenzen in der Region (Stand 16. März).

Dr. Krämer ist überzeugt: Besserung kommt mit Impf-Fortschritt

Licht am Ende des Tunnels ist mit Sicherheit zu sehen“, erklärt Dr. Krämer weiter, der die große Hoffnung auf Besserung in das Impfen setzt: „Je weiter wir mit Impfungen kommen, umso besser und leichter können wir zum erstrebten Ziel, einer Normalität für alle Bereiche, zurückkehren. Das Aussetzen mit Astra Zeneca ist dabei jetzt mit Sicherheit ein größeres Hemmnis.“

Dem Gesundheitsamtsleiter sei durchaus bewusst, dass Nervösität und Belastung in der Bevölkerung zunehme. „Jeder freut sich über Lockerungsmaßnahmen, die ein Stück weit zurück führen zu dem was man kennt und was man möchte. Aber ich fürchte tatsächlich, die nächsten Wochen und Monate müssen wir noch durchhalten, bis wir einen deutlich größeren Impf-Fortschritt haben, als es aktuell der Fall ist Durch das Impfen erreichen wir eine Immunisierung, die diese Infektionsketten effektiv durchbrechen kann - und zwar an der Wurzel.“

Ein essentieller Punkt in den Augen Dr. Krämers seien die „einfachen, aber effektiven Regeln“ um Abstand, Hygiene, Maske tragen sowie Kontaktbegrenzungen ernst zu nehmen und gerade zum jetzigen Zeitpunkt nicht schleifen zu lassen: „Das konsequente Weiterleben mit den Maßnahmen, die jeder selber in der Hand hat, ist ein ganz wichtiges Instrument im Kampf gegen die Pandemie.“

Ein Jahr Leben mit dem Virus: Corona-Krise „momentan die größte Herausforderung“

Beinah ein halbes Jahr Lockdown und Deutschland steht am Anfang der dritten Welle - eine Zerreißprobe für die Bürger. Den ersten Lockdown im Frühjahr 2020 schätzt Dr. Krämer ein als „Anfangsspurt eines Marathons, bei dem jeder noch viel Kraft hatte. Dann sind wir in eine zweite Welle hineingegangen und bevor wir in das letzte Drittel des Marathons laufen, kommt doch noch mal ein steiler Anstieg, der natürlich alle extrem belastet. Ich kann das gut verstehen: Das Nervenkostüm wird bei allen dünner. Es gibt kaum jemanden, den die Pandemie nicht betrifft.“

Die Corona-Krise sei „momentan die größte Herausforderung“ - auch auf so lange Zeit gesehen: Über ein paar Monate hinweg könne das leichter weggesteckt werden. Dennoch, so betont Dr. Krämer zum Schluss: „Schauen wir, dass wir hier im Landkreis und natürlich auch bayern- und deutschlandweit gut durch diese Pandemie kommen.“

mb

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