Rat distanziert sich von "Handlungen"

Der Marktgemeinderat hat sich einstimmig von "Handlungen und Anordnungen" des früheren Ehrenbürgers Adolf von Bomhard im Dritten Reich distanziert. Der Weg zu diesem Kompromiss, den auch die Initiatoren des Bürgerantrags mittrugen, die ursprünglich die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde gefordert hatten, war zweieinhalb Stunden lang. Das Gremium wollte angesichts der Außenwirkung Geschlossenheit zeigen.

Prien - "Der Marktgemeinderat distanziert sich von den Handlungen und Anordnungen des Herrn Adolf von Bomhard, die zur Verletzung der Menschenrechte im Dritten Reich geführt haben. Aufgrund der neuen Erkenntnisse würde das Ehrenbürgerrecht aus heutiger Sicht nicht mehr verliehen werden." Diese Formulierung trugen am Ende die 22 anwesenden Räte inklusive Bürgermeister und Kabarettist Uli Bauer als Sprecher der Initiatoren des Bürgerantrags mit.

Die Aberkennung der Ehrenbürgerwürde, die mehr als 200 Priener mit ihrer Unterschrift beantragt hatten, war nur zu Beginn der außergewöhnlich gut besuchten Sitzung kurz ein Thema. Bürgermeister Jürgen Seifert legte dar, dass die Ehrenbürgerschaft rechtlich mit dem Tode erlischt. Adolf von Bomhard war am 19. Juli 1971 verstorben. Wenige Monate zuvor hatte ihm der damalige Marktgemeinderat den Titel für seine Verdienste als Erster Bürgermeister von 1960 bis 1966 sowie als leitender Verfasser des Priener Heimatbuches verliehen.

Die damaligen Kommunalpolitiker wussten wohl nichts über die Rolle von Bomhards als führender Kopf der Ordnungspolizei im Dritten Reich bis 1943. Erst in den beiden vergangenen Jahren hatten Dokumentationen in der ARD ("Hitlers willige Helfer von der Polizei") und auf Arte ("Hitlers Polizei") sowie eine Ausstellung "Ordnung und Vernichtung. Die Polizei im NS-Staat", die in Berlin und Ingolstadt zu sehen war, neue Erkenntnisse und Licht ins Dunkel der Vergangenheit gebracht.

Für die Initiatoren des Bürgerantrags, im Wesentlichen örtliche Kulturschaffende, stand danach fest, dass von Bomhard "in die Aktionen der Judenvernichtung, der Massenerschießungen und Deportationen vor allem in den besetzten Ostgebieten nicht nur eingeweiht" war, "er war als Chefs des Kommandoamtes auch für die Durchführung der Verbrechen verantwortlich...", schrieben sie unter anderem in der Begründung ihres Antrags.

Die Verwaltung im Rathaus war zurückhaltender in ihrem Urteil. Ordnungsamtsleiter Andreas Friedrich hatte umfangreiches Material zusammengetragen und stützte sich in seiner Argumentation auf Darstellungen zweier anerkannter Historiker und Buchautoren (Martin Hölzl und Dr. Stefan Klemp).

Weil zwar "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit" festgestellt werden könne, dass von Bomhard "von Kriegsverbrechen der Ordnungspolizei zumindest gewusst hat", aber keine juristisch belastbaren Beweise vorlagen, schlug die Verwaltung vor, ein umfangreiches biografisches Gutachten in Auftrag zu geben, um Gewissheit zu erlangen, und dann im Herbst eine endgültige Entscheidung zu treffen.

Erst eine halbe Stunde vor Beginn der Sitzung hatte ein Berliner Historiker Seifert am Telefon angeboten, für 5000 bis 10000 Euro in höchstens drei Monaten eine solche Expertise anzufertigen. Er wisse, wo entsprechende Schriften als belastbare Belege zu finden seien, zitierte der Bürgermeister aus dem Gespräch mit Florian Dierl.

Friedrich legte in seinen mehrseitigen Ausführungen auch dar, dass es noch eine Reihe fraglicher Aspekte zur Rolle und Ideologie von Bomhards gebe. Mögliche Zweifel machte er auch an einem "Karriereknick" 1943 fest. Die Gründe, die zu diesem "Machtverlust" geführt hätten, ließen sich nicht mehr rekonstruieren.

Zu einem Gutachten kam es nicht. Einige Räte, vorwiegend aus der CSU-Fraktion, hätten zwar gern eine solche Dokumentation in der Hand gehabt, vor allem auch aus Rücksicht auf den Marktgemeinderat, der Anfang der 1970er-Jahre die Ehrenbürgerschaft verliehen hatte, und um nicht durch möglicherweise voreilige Entscheidungen Gefahr zu laufen, die hohe Auszeichnung abzuwerten. Aber andere beharrten darauf, dass der Marktgemeinderat jetzt Stellung beziehen sollte, weil es genug ausreichende Hinweise gebe.

Vehementeste Verfechter einer sofortigen Distanzierung waren Felicitas Bauer, Helge Holzer und Kulturreferentin Dr. Claudia Trübsbach (alle BfP), die für den Bürgerantrag den Lebenslauf von Bomhards recherchiert und umfangreich aufbereitet hatte. Sie hatte auch darauf hingewiesen, dass im Vorfeld mit den Nachkommen von Bomhards (direkte Nachkommen gibt es nicht mehr) gesprochen worden sei und ein Sprecher der Familie unter anderem mitgeteilt habe, dass er die Gründe für die Initiative nachvollziehen könne.

Dass sich fast alle Mitglieder des Marktgemeinderats mit dem komplexen Sachverhalt auseinandergesetzt hatten, um sich eine Meinung zu bilden, wurde auch daran deutlich, dass sich 20 von 22 anwesenden Räten zu Wort meldeten, um ihre Position darzulegen - manche sogar mehrfach.

Als sich immer deutlicher abzeichnete, dass ein für alle tragfähiger Konsens nur in einem sofortigen Bekenntnis des Gremiums liegen kann, unterbrach Seifert die öffentliche Sitzung, um sich hinter verschlossenen Türen mit den Fraktionssprechern und Uli Bauer als Sprecher der Antragssteller zu verständigen. Das gelang nach einer knappen Viertelstunde mit der eingangs genannten Distanzierung, die von den rund 30 Zuhörern mit Applaus honoriert wurde.

Sie hatten die weitestgehend sehr sachliche Diskussion und Meinungsfindung äußerst diszipliniert verfolgt - bis auf einen kurzen Zwischenruf, der eine offizielle Ermahnung durch den Bürgermeister zur Folge hatte.

Der Wortlauf der Distanzierung soll nun auf der Ehrenbürgertafel im Flur des Rathauses vermerkt und im Internet hinterlegt werden. Dort sind die bisher 23 Personen aufgeführt, die bisher zu Priener Ehrenbürgern ernannt worden waren. db

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