Direktorin der Realschule Prien: „Ich empfinde unseren Staat nicht als verantwortungslos“

Andrea Dorsch, Direktorin der Realschule Prien, beim Video-Meeting mit Schülern. Sie betont, dass sie und das Lehrerkollegium alles geben, um die Corona-Krise für alle Beteiligten so verträglich wie möglich zu gestalten: „Aber die Schüler wieder zu treffen wäre schon das Feinste und wir alle freuen uns riesig, wenn die Medizin das Virus im Griff und wir unsere Kinder wieder in den Klassenzimmern haben.“ re
  • Silvia Mischi
    vonSilvia Mischi
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Prien – Die Corona-Krise hat den Betrieb an Realschule Prien lahmgelegt und nach Hause verlagert. Doch die Vorbereitungen für eine schrittweise Wiederaufnahme des sogenannten Präsenzunterrichts laufen auf Hochtouren. Direktorin Andrea Dorsch im Interview.

Wie sieht aktuell der „Schulbetrieb“ seit Montag aus?

Andrea Dorsch: Es werden Lernmaterialien online zur Verfügung gestellt. Dreimal pro Woche in den Hauptfächern und einmal pro Woche in den Nebenfächern. Das gilt für alle Klassen. Außerdem haben alle Klassen ein Video Meeting im Hauptfach nach einem quasi regulären Stundenplan. Die Schüler müssen dann ihren Lehrern Aufgaben abliefern, dürfen Fragen stellen und bekommen entweder eine individuelle Korrektur oder eine Musterlösung zugestellt.

Was werden die nächsten Schritte sein?

Dorsch: Derzeit planen wir die Wiederaufnahme des Präsenzunterrichts in der zehnten Klassen. Die Abschlussschüler werden unter strengen hygienischen Maßnahmen nächste Woche im Schulhaus unterrichtet. Die Klassen werden in je zwei Gruppen unterteilt, die sich nicht durchmischen dürfen. Man darf gespannt sein, wie unter diesen Bedingungen eine „Pause“ aussieht. Jede jeder Schüler hat einen festen Tisch, an dem nur er alleine arbeitet. Partner- und Gruppenarbeit sind wegen der Abstandsregelung undenkbar. Aber auch der Lehrer bleibt auf Distanz.

Und wie sieht der Unterricht für die anderen Schüler aus?

Dorsch:Gleichzeitig wird das Homeschooling aufrechterhalten. Die Kontinuität, Motivation und Betreuung der zu Hause Lernenden hat weiterhin sehr hohe Priorität, denn wir rechnen damit, dass es noch ein langer Weg sein wird, bis wir alle Schüler wieder hier begrüßen dürfen und wir geben unser Möglichstes, damit es trotzdem kein verlorener Jahrgang für die Kinder wird.

Wenn die Schulen wieder öffnen, wie könnte ein möglicher Unterricht an der Realschule Prien aussehen?

Dorsch:Nächste Woche beginnt der Präsenzunterricht für Abschlussschüler. Es wird keinen Schichtbetrieb geben. Die Busse werden vom Landkreis in akribischer Arbeit organisiert, und das Ergebnis steht noch aus. Aber auch dort stellt vor allem die Abstandsregelung die Busunternehmen vor eine große Aufgabe. Deshalb dauert es sicher auch, bis man hier eine Lösung hat.

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Stichwort Homeschooling: Wie muss man sich das bis dato vorstellen?

Dorsch:Die Schüler erhalten Aufgaben und neue Inhalte online. Sie liefern per E-Mail ihre Arbeiten an die Lehrer zurück. Diese korrigieren sie und geben Feedback. Zusätzlich motivieren wir die Kinder durch Video-Meetings, damit sie die Chance haben, von Angesicht zu Angesicht eine Frage an den Lehrer zu stellen. Außerdem spüren sie, dass auch ihre Schulkameraden weiterhin lernen und sie nicht alleine in ihrer Situation sind. Apropos Bildungsgerechtigkeit: Die Realschule Prien stellt für Schüler, deren Eltern ihnen keinen Computer zur Verfügung stellen können, ein schuleigenes Gerät zur Verfügung. Das ist natürlich begrenzt.

Wie wurde das Homeschooling angenommen und beurteilt?

Dorsch:Zunächst gab es eine Eingewöhnungsphase, Dann lief alles Technische rund. Manche Eltern machen sich heute Sorgen, weil sie nicht wissen wie die Beurteilung und die Notengebung aussehen wird. Die Anspannung, dadurch dass die Kinder nicht mehr aus dem Haus gehen können und ihre Freundin nicht mehr treffen, bewegt die noch so geduldigsten Menschen. Gleichzeitig bekommen wir auch Unterstützung in Form von Kooperationsangeboten und Ideen, manchmal sogar Lob für unsere Lernangebote, die individuelle Betreuung und Homepage, die zu großer Bedeutung kam.

Als Direktorin müssen sie Lehrer, Schüler und Eltern im Boot halten. Was waren hier Erfahrungen?

Dorsch:Das Schwierigste ist, die Stimmungen aller Beteiligten wahrzunehmen, denen man nun ja nicht mehr auf dem Gang begegnet. Jegliche Kommunikation läuft über Mails beziehungsweise über das Telefon. Da ist es doch weit einfacher, einen Menschen zu sehen. Da sieht man sofort, woran man ist, was er braucht und wie es für ihn läuft. Das fehlt! Meine schönste Erfahrung war unser erstes Video-Meeting im Mathematikunterricht mit der Klasse 9a und das Wiedersehen mit den Schüler-Gesichtern! Deshalb bin ich auch überzeugt, dass die Kinder durch die Video-Begegnung neu motiviert werden, zu Hause wirklich weiter zu lernen. Die am Anfang schwierige Ausgangslage, nämlich, dass nicht alle Lehrerpersönlichkeiten die gleiche Affinität zu Online-Learning hatten, wurde letztlich auch eine Story mit Happy End: Mit gegenseitiger Hilfe im Kollegium wurden wir schnell fähig, alle Schüler durchwegs und gleichermaßen gut online zu versorgen.

Wie schätzen Sie den Fakt ein, dass viele Eltern Ängste wegen des ausfallenden Unterrichts haben und sogar von Verantwortungslosigkeit des Staats sprechen?

Dorsch:Ich empfinde unseren Staat derzeit nicht als verantwortungslos. Man nimmt sich Zeit für Planung, man denkt in vielerlei Richtungen und man setzt die Gesundheit der Menschen an die erste Stelle. Das ist wie bei der Maslowschen Bedürfnispyramide: Nur wer gesund ist kann sich auch um Bildung kümmern. Und wir schaffen es auch, Abschlüsse zu realisieren, Ausbildungsstellen nicht zu gefährden und Übergänge zu Fuß zu ermöglichen. Meiner Ansicht nach sind die Prioritäten hier vollkommen richtig gesetzt. Alle Eltern, die jetzt Sorgen haben, dürfen wissen, dass wir die Notengebung sehr sorgfältig, mit pädagogischem Augenmaß und fair durchführen werden. Alle setzen ihre gesamte Energie da hinein, dass der Corona-Jahrgang keine Nachteile haben wird!

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