Neue Wege mit digitaler Technik

Digitale Seelsorge in Corona-Zeiten: Weihnachten schaut der Pfarrer am Chiemsee per Youtube rein

Matthias Wicha, Verwaltungsleiter des Pfarrverbands, ist gespannt, wie die Gläubigen reagieren werden, wenn nächste Woche an den Gotteshäusern große Banner hängen, deren Entwürfe er gerade noch einmal am Bildschirm überprüft. Eine Botschaft darauf zu Weihnachten: „Jesus kommt! Und du?“
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Matthias Wicha, Verwaltungsleiter des Pfarrverbands, ist gespannt, wie die Gläubigen reagieren werden, wenn nächste Woche an den Gotteshäusern große Banner hängen, deren Entwürfe er gerade noch einmal am Bildschirm überprüft. Eine Botschaft darauf zu Weihnachten: „Jesus kommt! Und du?“
  • Dirk Breitfuß
    vonDirk Breitfuß
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Wer möchte, holt sich heuer den Seelsorger zu Weihnachten ins Haus – auf Knopfdruck. Die katholischen Pfarrverbände Westliches Chiemseeufer (Prien-Bernau-Rimsting) und Bad Endorf gehen mit digitaler Technik ganz neue Wege – nicht nur wegen Corona.

Prien„Kimmst“ heißt eine neue Seite im Internet. Die bairische Form der Aufforderung, mitzukommen, ist in der Weihnachtszeit 2020 die beste Adresse für Katholiken im westlichen Chiemgau. Dass die hiesigen Seelsorger und ihre Teams nichts zu tun haben mit dem oft angestaubten Image der katholischen Kirche, wird auf den 5000 Postkarten deutlich, mit denen in der Region für die Seite geworben wird. „Vor mehr als 2000 Jahren waren die Hirten die ersten Follower. Jetzt folge auch Du dem Stern“, heißt es auf der Rückseite. Auf der Front prangt ein bunter Stern, der sich aus den Logos der beiden Pfarrverbände zusammensetzt.

QR-Code statt Briefmarke

Entworfen hat ihn die Bernauer Designerin Katrin Rasp. Sie gehörte zur kreativen Arbeitsgruppe, in der Seelsorger und Ehrenamtliche Ideen sammelten, wie unter einem gemeinsamen digitalen Dach möglichst viele der 16 000 Katholiken der Region angesprochen werden können, gerade auch jüngeres Publikum. Deshalb ziert die Karte an der Stelle der Briefmarke auch ein QR-Code, mit dem man sich direkt vom Smartphone auf die „Kimmst“-Seite klicken kann. Dort kann man dann dem Stern („Unser Navi zur Krippe!“) folgen.

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Tägliche Advents-Impulse mit kurzen Botschaften und emotionalen Bildern, Anleitungen für familiengerechte Hausgottesdienste, Hinweise auf adventliche Angebote wie die lebendigen Adventskalender oder Wegweiser für die Tagesetappen der 150 Kilometer-Wanderung auf den Spuren von Maria und Josef von Nazareth nach Bethlehem – für jeden ist etwas dabei. „Kinder finden Bastelanleitungen für Sterne, die sie an Weihnachten dann in die Gotteshäuser mitbringen und aufhängen dürfen“, nennt Matthias Wicha ein weiteres Beispiel. Der Verwaltungsleiter der beiden Pfarrverbände Westliches Chiemseeufer und Bad Endorf ist gespannt, wie „Kimmst“ ankommt. Die Pfarrverbände haben sich diese Internetadresse vorsichtshalber gesichert. Wenn das Angebot ankommt, ist eine Verlängerung über Heilig-Drei-König hinaus nicht ausgeschlossen.

Die Pfarreien erwarten zu Weihnachten volle Gotteshäuser – wobei der Begriff voll trügt. In die Priener Pfarrkirche Mariä Himmelfahrt passen in normalen Zeiten zum Beispiel rund 500 Gottesdienstbesucher. In Corona-Zeiten mit Abstandszwang sind gerade mal 70 Einzelbesucher zugelassen. Wenn Familien kommen, passen mehr Menschen hinein, aber immer noch weit weniger als 200. Und es gibt viele ältere Gläubige, die aus Angst vor einer Corona-Infektion zurzeit nicht in die Kirche gehen. Auch sie sollen durch „Kimmst“ eine Möglichkeit haben, Weihnachten zu erleben.

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Für sie gibt es die Hausgottesdienste und für die Feiertage arbeiten die Verantwortlichen an weiteren Angeboten. Die Seelsorger werden Wicha zufolge bis dahin noch Grußbotschaften und vielleicht auch Predigten per Video aufzeichnen. Über einen Link auf der Seite werden die Youtube-Clips daheim am PC oder Laptop abrufbar sein. Auch das Weihnachts-Evangelium, Orgelmusik und Lieder des Chores sollen bis dahin eingespielt sein.

Die Startseite von „Kimmst“, der Weihnachtsseite der katholischen Pfarrverbände. re

Bei allen virtuellen Möglichkeiten legen die katholischen Pfarrverbände natürlich auch viel Wert auf den persönlichen Kontakt – so eingeschränkt er heuer möglich ist. Am Vortag von Heilig Abend sollen Ehrenamtliche an den Bahnhöfen Strohsterne an Menschen verteilen, die mit den Zügen dort ankommen, „damit sie mal zur Ruhe kommen“, erläutert Wicha das Ziel der Aktion.

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Die Texte für diese Sterne hat, ebenso wie die Bastelanleitung für die Sterne der Kinder, Matthias Rößner entworfen. Er war einer der Ehrenamtlichen in der Arbeitsgruppe, deren kreativen Ergebnisse nun in „Kimmst“ zusammengefasst sind.

Rößner sieht in dieser besonderen Art, Weihnachten zu feiern „eine riesige Chance für die Kirche, ihre Botschaften unters Volk zu bringen“.

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Welche Hoffnungen setzen Sie auf die neuen digitalen Angebote?

Stacheder: „Durch die niederschwelligen Angebote öffnet sich Kirche, tritt aus ihren festen „Mauern“ heraus und wird hoffentlich zu einem Ort, an dem man Dasein kann und vielleicht wirklich Heimat findet. Mit Gedanken, Bildern, sollen die Menschen abgeholt werden, wo sie derzeit in ihrem Leben tatsächlich stehen – ich will sie Ernst nehmen mit ihren Gedanken, Sorgen und Fragen – aber auch Orte sollen entstehen, an denen die Weihnachtsbotschaft nicht nur gehört, sondern auch gespürt werden kann.

Mein Traum von Kirche ist ein Kirche, die sozusagen auf „die Straße“ geht und bei den Menschen ankommt – keine abwartende Kirche, sondern hingehende Kirche – keine Kirche, die Maßstäbe und Regeln vorgibt, sondern eine Kirche, die hört, Interesse am Anderen zeigt und wertschätzend da ist, und dem Gegenüber vermittelt: Du bist jetzt wichtig, ich habe Zeit für dich und bin da.

Kirche sollte sich gerade jetzt fragen, was ist wirklich wesentlich und wo brauchen uns die Menschen? Sie brauchen uns nicht nur in den Gottesdiensten, sondern vor allem als Lebensbegleiter und als Orte an denen Menschen zu sich finden, Ruhe entdecken - innere Heilung, sich angenommen fühlen mit allem, was sie mit sich tragen.

Muss Kirche heutzutage auch den digitalen Weg einschlagen?

Stacheder: „Derzeit sicher, und wir lernen gerade und haben da noch sehr viel Defizite. Aber ich denke, das wird ein wichtiger Bestandteil sein. Für mich aber bleibt trotzdem das direkte Gegenüber notwendig für Seelsorge und Begegnung, damit Beziehung geschehen kann – das fällt mir selbst bei digitalen Zusammenkünften schwer.“

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