„Diffuse“ Mückenplage am Chiemsee, aber kein Gifteinsatz nötig

Biologe Dirk Reichle (links) erklärt AUV-Vorsitzendem Josef Mayer, wie eine Mückenfalle funktioniert. Die Tiere landen unten in einem Fangnetz. Breitfuß
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Die Beschwerden zerstochener Menschen häufen sich. Aber die Stechmückenplage am Chiemsee scheint nur bestimmte Gebiete besonders erwischt zu haben. Biologen sehen sich nach einer Zählung bestätigt, dass ein bti-Einsatz nicht verhältnismäßig gewesen wäre.

Chiemsee – Seit Dienstag ist die Zahl der Beschwerden sprunghaft angestiegen. Vor allem Gastwirte und Vermieter beklagen sich über die Mückenplage, berichtete gestern Thomas Weimann im Gespräch mit der Chiemgau-Zeitung. Entnervte Urlauber würden mancherorts vorzeitig abreisen, obwohl sie zwei Wochen Chiemsee gebucht hätten.

Ein Blick in eine der Mückenfallen, die Biologe Dirk Reichle gestern nach einer Nacht im Freien wieder eingesammelt hat, um die Inhalte detailliert zu analysieren.

Weimann ist Geschäftsführer des Abwasser- und Umweltverbands (AUV) Chiemsee, der die Mückenbekämpfung im Auftrag seiner zehn Mitgliedsgemeinden koordiniert. Zuletzt hatte der AUV 2015 die Firma „Icybac“ vom Oberrhein beauftragt, die Larven der Überschwemmungsmücken abzutöten. Die Spezialisten vom Oberrhein, mit denen der Verbands seit 1998 zusammenarbeitet, verwenden dafür das Eiweißpräparat bti. Es wird in Eisgranulat verpackt vom Hubschrauber auf überschwemmte Wiesen im Uferbereich verteilt. Die Fachleute versichern, dass bti (Bacillus thuringiensis israelensis) für alle anderen Tier- und Pflanzenarten unschädlich ist. Naturschützer bezweifeln das immer wieder.

Hunderte Schöpfproben

Ende Mai, als der Chiemsee durch eine Mixtur aus Schmelz- und Regenwasser über die Ufer getreten war, hatte der AUV bei „Icybac“ eine Expertenmeinung eingeholt. Fünf Tage lang hatten Mitarbeiter daraufhin mehrere hundert Schöpfproben genommen und Larven gezählt. Als Ergebnis empfahl „Icybac“, auf einen bti-Einsatz zu verzichten, weil die Mückensituation „sehr diffus“ sei und der durchschlagende Erfolg einer mindestens 160 000 Euro teuren Bekämpfung fraglich ist (wir berichteten).

Viele Stechmücken haben die Biologen Ende Mai beim Hochwasser des Chiemsees insbesondere am Süd- und Ostufer gefunden. Das zeigt diese Grafik. Nach Zählungen in der Nacht auf Donnerstag rund um den See sehen sich die Fachleute bestätigt. Insbesondere in der Nähe des Achendeltas, also im Bereich von Übersee und Grabenstätt, gingen viele der Plagegeister in die aufgestellten Fallen. Der Schwellenwert (siehe Legende rechts oben), ab dem überhaupt bti eingesetzt werden dürfte, liegt in sensiblen Bereichen meistens bei 50 Larven pro Liter Wasser. 

„Icybac“-Biologe Dirk Reichle betonte gestern im Gespräch mit der Heimatzeitung, dass die Empfehlung nicht im Zusammenhang stehe mit kurzfristigen Einsatzschwierigkeiten seiner Firma. Einer der beiden Hubschrauber des Unternehmens war abgestürzt, der andere mit dem gleichen Piloten an Bord am nächsten Tag ausgebrannt.

„Darauf fliegen die Weibchen“

Der Biologe schilderte die „diffuse“ Situation an einem Beispiel. Bei einer Schöpfprobe am überschwemmten Uferweg auf Rimstinger Gebiet sei der Becher schwarz vor Larven gewesen, kaum zwei Meter weiter in der nächsten Pfütze sei keine einzige Larve gefunden worden.

Reichle hat in Absprache mit dem AUV am Mittwochabend rund um den See 20 Mückenfallen verteilt. Mit Kohlendioxid aus Trockeneis wird die Atemluft eines Menschen simuliert. „Darauf fliegen die Weibchen“, erklärt Reichle. Denn nur die weiblichen Überschwemmungsmücken stechen.

Gestern Vormittag waren die Zahlen toter Mücken in den Fangnetzen sehr unterschiedlich, berichtete Reichle. Die detaillierte Auswertung steht zwar noch aus, aber nur in einzelnen Fallen seien bis zu 400 Mücken gelandet, in den meisten deutlich weniger. Zum Vergleich: Am Rhein hat „Icybac“ heuer viele Fallen aufgestellt, in die bis zu 8000 Mücken gingen.

Die meisten Plagegeister fanden sich in den Fallen, die im Bereich des Achendeltas platziert worden waren. Im Naturschutzgebiet und seinen Randbereichen darf bti grundsätzlich nicht verteilt werden. In Übersee kommen zu den Überschwemmungsmücken heuer auch noch ungewöhnlich viele Waldmücken dazu (wir berichteten), gegen die es ohnehin kein Mittel gibt.

Aktionsradius bis 20 Kilometer

Auch in Fallen in den Ortskernen von Rimsting und Grabenstätt hat Reichle nach eigenen Angaben Mücken gefangen, wenn auch nicht in besonders großer Zahl. Die Tiere haben einen Aktionsradius von zehn bis 20 Kilometern, sie breiten sich also vom See auch in die Anliegergemeinden aus.

Der Einsatz von bti ist im Genehmigungsbescheid der Regierung streng reglementiert. Maßgeblich ist neben der Zahl von Mückenlarven vor allem ein Mindestpegel von 1,16 Metern an der Messstelle in Seebruck, wo der Chiemsee in die Alz mündet.

Dieser Grenzwert war ab 23. Mai überschritten worden. Laut Reichle gab es zu diesem Zeitpunkt aber auch schon eine nicht unbeträchtliche Zahl fertig ausgebildeter Mücken, das hätten seine Kollegen bestätigt (In der Grafik sind sie als „Anflüge“ angegeben). Das sei wegen der kühlen Außentemperaturen nur nicht so aufgefallen. Auch der kalte Chiemsee, der vom Schmelzwasser der Tiroler Ache aus den Bergen lange gekühlt worden war, habe zu der uneinheitlichen Lage beigetragen.

Der beste Nährboden für Überschwemmungsmücken sind überschwemmte Uferbereiche und warme Temperaturen. Wenn diese Mixtur zusammenkommt, bleibt nur eine knappe Woche, um die Larven mit bti zu töten, bevor sie sich in fertige Mücken verwandeln.

Mücken leben nur ein paar Wochen

AUV-Vorsitzender Josef Mayer sah sich gestern nach dem Bericht von Reichle in der Entscheidung bestätigt, Ende Mai keinen bti-Einsatz in Auftrag gegeben zu haben. Er hofft nun, wie alle anderen, dass es in den nächsten Wochen nicht noch einmal ergiebig regnet und Überschwemmungen gibt, in denen sich wieder eine Mückengeneration entwickeln kann. Dann sollte das Schlimmste in 14 Tagen schon fast überstanden sein. Denn länger als vier Wochen lebt die normale Überschwemmungsmücke sowieso nicht. Sollte es doch noch mal Hochwasser geben in diesem Sommer, will der AUV handeln – dann übrigens auch mit Seeon-Seebruck.

Der Gemeinderat dort hatte zwar vor dem Hintergrund des Artenschutz-Volksbegehrens „Rettet die Bienen“ vor einigen Wochen mehrheitlich einen Ausstieg aus der Stechmückenbekämpfung beschlossen (wir berichteten).

Der gilt aber erst ab 2020. Das hat Bürgermeister Bernd Ruth dem AUV dieser Tage schriftlich bestätigt, berichtete Verbands-Geschäftsführer Weimann gestern.

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