Aushub vom See wird entsorgt

Die Schlamm-Schlacht am Chiemsee-Yachtclub-Hafen in Prien ist beendet

Etwa 200 Meter weit bis zum Ende des Bootsstegs lässt der Chiemsee Yacht Club Prien momentan Schlamm aus dem Hafen baggern. Den Auftrag führt eine Fachfirma durch, denn der Uferboden darf nicht beschädigt werden. Berger
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Etwa 200 Meter weit bis zum Ende des Bootsstegs lässt der Chiemsee Yacht Club Prien momentan Schlamm aus dem Hafen baggern. Den Auftrag führt eine Fachfirma durch, denn der Uferboden darf nicht beschädigt werden. Berger
  • Tanja Weichold
    vonTanja Weichold
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Umweltschützer haben sich vehement gegen Überlegungen gewehrt, den Schlamm vom Hafenbecken des Chiemsee Yacht Clubs Prien an anderer Stelle in den Chiemsee abzulassen. Der Vorstand entschied sich letztlich für eine Entsorgung in einer Deponie. Am Montag, 8. März 2021, haben die Arbeiten nun begonnen.

Prien – Seit Montag ist das Schiff „Baggerschute“ beim Hafenbecken des Chiemsee Yachtclubs Prien im Einsatz und die Kranschaufel hievt Schlamm aus dem See. Das Vorhaben schlug im Sommer vergangenen Jahres hohe Wellen, nachdem Umweltschützer befürchtet hatten, dass der Schlamm im See umgeschichtet werden sollte.

Kosten für die Entsorgung gibt der Yacht Club nicht preis

Der Proteststurm ist wie weggeblasen, denn der Vorstand entschied sich für die kostspielige Entsorgung an Land in einer Deponie in Schnaitsee.

Zahlen möchte der Club nicht nennen. Allein die Voruntersuchungen kosteten laut Clubaussage vom vergangenen Sommer einen hohen fünfstelligen Betrag.

Chiemsee verlandet auf natürlichem Weg

Der Chiemsee ist ständig in Bewegung und schwemmt laufend kleine Teilchen (Sedimente) an die Ufer. Diese werden zum Teil über Flüsse wie die Prien oder die Tiroler Ache in den See getragen. Im Laufe der Jahre summieren sich die Sedimente, dort wo sie sich ablagern, zu einer gewichtigen Masse, der See verlandet.

3.000 Kubikmeter Schlamm werden aus dem Chiemsee gebaggert

An einem Bootshafen bringt das zunehmend Behinderungen. Allein das Volumen, das aktuell ausgebaggert werden soll, zeigt dies deutlich: Der Yacht Club rechnet mit 3.000 Kubikmetern Schlamm, die aus dem Hafen geholt werden.

Boote kämpfen bei Niedrigwasser mit der Verlandung

Die Boote müssen sich in Richtung Hafen bei niedrigem Wasserstand in der Fahrrinne zum Kran im Laufe der Zeit immer mehr durchkämpfen, schildern Vorsitzender Hermann Wimmer und Projektleiter Richard Brandl im Gespräch mit unserer Zeitung.

1964 wurde Aushub noch an andere Stelle in den Chiemsee verfrachtet

„Es gab schon Jahre, wo wir im Herbst die Boote mit Traktoren ans Ufer ziehen mussten“,so Brandl. Er selbst ist schon sehr lange Mitglied und kann sich noch gut erinnern, als der Yachtclub im Jahr 1964 seinen Hafen ausbaggern ließ. Damals sei der Schlamm einfach wieder an tieferer Stelle im See ausgeladen worden.

Schlamm ist von verschiedenen Umwelteinflüssen kontaminiert

Die nächste große Ausräumaktion folgte 1989, als der Ringkanal am Chiemsee gebaut wurde. Der Schlamm sei in einer Deponie entsorgt worden, erinnert sich Brandl. Im Jahr 2017 seien beim Chiemsee Yacht Club erste Überlegungen über eine neuerliche größere Schlammbeseitigung angestellt worden. Proben hätten gezeigt, dass der Schlamm durch Umwelteinflüsse belastet sei. Woher die genau stammen, das kann laut Brandl nicht so genau benannt werden, denkbar seien Einflüsse von den Straßen.

Bürgeraktion wehrt sich gegen die Umschichtung des Schlamms im See

Laut Wimmer folgten Gutachten und Analysen: „Wir haben alle Möglichkeiten der Beseitigung geprüft.“ Wie sehr der Schutz des Chiemsees vielen Menschen am Herzen liegt, zeigte im Jahr 2019 die Reaktion der Bürgeraktion „Rettet den Chiemsee“, die laut der Vorsitzenden Helge Holzer schon seit über 40 Jahren besteht. Die bekam nämlich Wind davon, dass eine Umlagerung im See ins Auge gefasst worden war, Widerstrand formierte sich und mündete in eine Petition beim Landtag. Die war allerdings wegen einer Formalie abgelehnt worden.

Dass es nun trotzdem zu dem erwünschten Ende, nämlich der Entsorgung des Schlamms an Land beziehungsweise in einer Deponie kommt, freut Holzer: „Wir sind nur froh und glücklich und dankbar über dieses Ergebnis. Eine Umlagerung im See wäre ein Präzedenzfall, ein Dammbruch, gewesen.“

Verschiedene Möglichkeiten geprüft

Wimmer verteidigt die Vorgehensweise des Chiemsee Yachtclubs: „Wir haben verschiedene Möglichkeiten geprüft.“ In alle Richtungen sei recherchiert worden. Die Aufregung habe er nicht verstehen können, sichtlich ungern denken er und Brandl an die Flut von Leserbriefen in der Chiemgau-Zeitung zurück. „Wir wollten eine ökologische und für den Club sinnvolle Lösung.“

Auszeichnung mit der Blauen Europa-Flagge

Der Yachtclub habe schon 1990 das erste Mal die Blaue Europa-Flagge von der Deutschen Gesellschaft für Umwelterziehung in Kooperation mit der EU-Kommission als Auszeichnung für vorbildliches Umweltengagement erhalten.

Ende der Arbeiten bis zum Segelstart

Bis Ende April soll der Aushub planmäßig beendet sein. Soweit die Corona-Vorgaben dies zulassen, sollen dann die Boote eingekrant und ins Wasser gelassen werden.

Kein Antrag nach Vorgesprächen

Der gesamte Chiemsee gehört mit Ausnahme der Inseln zum Landkreis Traunstein. Das Wassserwirtschaftsamt Traunstein ist die zuständige Fachbehörde für die Wasserfläche beim Yachthafen in Prien. Laut deren Leiter Walter Raith ist eine Entschlammung grundsätzlich eine erlaubnisfreie Unterhaltungsmaßnahme, die vorher beim Landratsamt lediglich angezeigt werden müsse. Das Landratsamt Traunstein habe die Freigabe zur Entnahme des Materials im Hafenbereich erteilt.

Eine Umlagerung im See erfordert laut Raith eine wasserrechtliche Gestattung, die im Vorfeld mit einem Antrag und gegebenenfalls sogar einer Umweltverträglichkeitsprüfung verbunden wäre. Mit dem Chiemsee Yacht Club hätten dazu auch Gespräche stattgefunden, ein Antrag sei aber letztlich nicht gestellt worden.

Kein Chiemsee mehr in 1000 Jahren

Die Verlandung des Chiemsees erfolgt laut Walter Raith, Leiter des Wasserwirtschaftsamtes Traunstein, im Wesentlichen durch die „Fracht“ der Tiroler Ache aus den Alpen. „Im jährlichen Mittel werden durch sie etwa 300.000 Kubikmeter mineralische Schwebstoffe und 10.000 Kubikmeter Kies in den Chiemsee eingetragen.“ Etwa 20.000 Kubikmeter Kies blieben in der Kiesfalle der Tiroler Achen (Aufweitungsbereich oberhalb der Mündung) hängen.

Von den Schwebstoffen und Kiesteilchen, die in den Chiemsee gelangen, lagere sich die Hälfte im Deltabereich ab, der Rest im See. „Ein nicht unerheblicher Anteil der Schwebstoffe gelangt aufgrund der Westwinddrift in die Hirschauer Bucht und setzt sich dort ab“, so Raith. Auch weitere in den Chiemsee fließenden Flüsse und Bäche – zum Beispiel die Prien, die Bernauer Achen, der Überseer Bach oder der Rothgraben – führten insbesondere zu einer lokalen Verlandung in den Mündungsbereichen.

Raith abschließend zur Anfrage der Chiemgau-Zeitung: „Seit der letzten Eiszeit hat der Chiemsee bereits circa zwei Drittel seiner Größe eingebüßt. Nach Schätzungen wird der Chiemsee in einigen tausend Jahren verschwunden sein. Die Verlandung des Chiemsees ist ein natürlicher Prozess und lässt sich nicht stoppen.“

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